«Mein Alltag hat mich politisiert»

Die AL will in einem Jahr den Sitz ihres nicht mehr antretenden Stadtrats Richard Wolff verteidigen (siehe Kasten). Warum sie sich der internen Ausmarchung stellt und wofür sie sich als Stadträtin einsetzen würde, erklärt Gemeinderätin Olivia Romanelli im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Seit wann politisieren Sie bei der AL?

Olivia Romanelli: Zur AL gekommen bin ich 2017, im Jahr vor den Gemeinderatswahlen. Edi Guggenheim, der ebenfalls aktiv ist im Quartier, war auf mich aufmerksam geworden, weil ich mich im Quartier stark engagiere. Er ermunterte mich, auch parteipolitisch aktiv zu werden. So kam es, dass ich bei den Wahlen 2018 auf dem zweiten Listenplatz kandidierte und 2019 für ihn nachrücken konnte. Zwei Jahre zuvor motivierten mein Mann und ich 200 Anwohnerinnen und Anwohner für eine Einsprache gegen das ursprünglich geplante, ungenügende Lärmsanierungsprojekt der Stadt für die Strecke Morgental-Bederstrasse: Dort ist jetzt Tempo 30 signalisiert, und das, obwohl nach wie vor VBZ-Busse verkehren. Fachliche Unterstützung erhielten wir damals vom VCS. Die 200 Einsprachen kamen nicht zuletzt deshalb zustande, weil wir im Quartier Flyer verteilten und darauf schrieben, man könne zu uns nach Hause kommen, um zu unterschreiben. Zwei Wochen lang hatten wir jeden Abend Besuch … Solche Einsätze fürs Quartier haben mich politisiert: Mein Alltag hat mich politisiert. 

 

Bei einer anderen Partei waren Sie nie?

Dass ich mich nicht schon früher bei einer Partei engagiert habe, liegt nicht zuletzt daran, dass ich mit drei Kindern, phasenweise einem Pflegekind sowie einem 80-Prozent-Job gar keine Zeit für Politarbeit gehabt hätte. Mir war auch nicht so klar, ob und wo ich mich allenfalls parteipolitisch wohlfühlen würde. Bei der AL ist es kein Problem, andere Argumente einzubringen und eine andere Meinung zu vertreten als die Mehrheit. Bei der SP wäre das weniger gut möglich, denke ich. Bei der AL sind die Gestaltungsmöglichkeiten gross, und ich schätze es besonders, dass ich auch Themen einbringen kann, mit denen sich die Partei bis anhin eher weniger beschäftigt hat. Ich denke da etwa an den Schutz der Biodiversität, der mir als Imkerin sehr am Herzen liegt, oder auch an die Verkehrs- und die Verkehrslärmproblematik – unterdessen fordert die AL flächendeckendes Tempo 30.

 

Das tönt jetzt eher danach, als müssten Sie bei den Grünen sein…

Nein, mir sind auch soziale Themen sehr wichtig. Als Lehrerin und schulische Heilpä­dagogin an der Volksschule setze ich mich für eine inklusive Gesellschaft ein. Alle Kinder sollen die Möglichkeit haben, in ihrem Quartier die Regelschule zu besuchen. Wir brauchen keine engen Normen, Diversität ist die Norm. Als Politikerin will ich mich für Minderheiten und für jene Menschen einsetzen, die mich nicht wählen können, wie Kinder und Jugendliche, AusländerInnen, Flüchtlinge oder Sans-Papiers. Ich bin bei der AL am richtigen Ort.

 

Sie haben gesagt, Ihr Alltag habe Sie politisiert. Wie meinen Sie das?

Ich wohne an einer lärmbelasteten Strasse.Wir können die Fenster nicht öffnen, es ist einfach viel zu laut. Mein Sohn trägt trotz Lärmschutzfenstern zum Lernen Ohrschützer, sonst kann er sich nicht konzentrieren. Und als Lehrerin erlebe ich in der Schule, wie die politischen Rahmenbedingungen, zum Beispiel die Anstellungsbedingungen, so ausgestaltet sind, dass die Entwicklung des integrativen Unterrichts gebremst wird. 

 

Inwiefern?

Ein Beispiel: Das heutige System lässt es nicht ohne Weiteres zu, dass eine Lehrerin Kinder aus derselben Klasse, in der sie als Heilpädagogin tätig ist, auch in Deutsch als Zweitsprache unterrichtet; es braucht je eine Heilpädagogin für inte­grative Förderung und für die integrierte Sonderschulung sowie eine Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache. Das kann dazu führen, dass bis zu vier Lehrpersonen in einer Klasse tätig sind, Fachlehrkräfte noch nicht mitgezählt. Das erschwert die Zusammenarbeit und die so wichtige Beziehungsarbeit mit den Kindern. Oder nehmen wir den Lehrplan 21, der Kompetenz-orientiert und in Lernzyklen aufgebaut ist: Die Kinder haben mehrere Jahre Zeit, um Kompetenzen zu erwerben. Trotzdem prüfen viele Lehrpersonen alle Kinder zum selben Zeitpunkt, ob sie beispielsweise Liter in Deziliter umrechnen können. Sie müssen Zahlenzeugnisse schreiben und fühlen sich durch den engen Terminplan des Lehrmittels gedrängt. Ein Zeugnis sollte über die erreichten Kompetenzen Auskunft geben und nicht eine schein­objektive inhaltlose Zahl darstellen. Lehrpersonen, die ihren Unterricht integrativ und binnendifferenziert vorbereiten, erleben diesen Widerspruch in der Beurteilung tagtäglich. Wenn wir eine integrationsstarke Schule wollen, dann müssen wir weg vom Zahlenzeugnis, hin zur Kompetenzbeurteilung in Worten.

 

In der Schulpolitik macht allerdings weniger die Stadt die Musik: Zuständig ist hauptsächlich der Kanton.

Bei personellen Fragen hat die Stadt einen Handlungsspielraum, oder besser gesagt: Sie hätte einen. Zudem wäre es der Stadt auch unbenommen, mit dem Kanton Lösungen zu finden. Immerhin sehen Artikel 20 des entsprechenden Bundesgesetzes und Artikel 33 des kantonalen Volksschulgesetzes vor, dass die Kinder wenn immer möglich in die Regelschule integriert werden sollen. Dafür braucht es eine integrationsstarke Schule. Regierungsrätin Silvia Steiner machte im Zusammenhang mit den gestrichenen Maturaprüfungen 2020 eine Aussage, die ich als Steilvorlage für die Beurteilungsdiskussionen werte. Sie sagte, es spiele keine Rolle, ob eine solche Prüfung stattfinde und warf die Frage auf, ob dieser «Stresstest» am Ende der Gymizeit tatsächlich pädagogisch wertvoll sei.

 

In Zürich ist die flächendeckende Einführung der Tagesschule aufgegleist: Good News oder eher nicht?

Ich wünsche mir eine Schule, in der die Pädagogik im Vordergrund steht. Bisher drehte sich in Zürich aber praktisch alles darum, wie man in der Tagesschule über Mittag möglichst viele Kinder in möglichst kurzer Zeit verpflegen kann. Oder anders gesagt: Es dreht sich alles ums Geld, und darob geht vergessen, dass es sich bei der Tagesschule um ein eigenständiges Schulmodell handelt und nicht bloss darum, wie man Abläufe optimiert und Zimmer mehrfach nutzt. Wenn die Tagesschule in Zürich auch künftig freiwillig sein soll, wird ein qualitativ ungenügendes Angebot am Mittag über kurz oder lang dazu führen, dass sich die gutbetuchte Mittelschicht anderweitig orientiert und nur jene Kinder in die Tagesschule gehen, die früher auf den Hort angewiesen waren, weil ihre Eltern einfachere Jobs ohne flexible Arbeitszeiten haben. Es gibt noch viel zu tun.

 

Interesse an der Politik ist das eine, die Bereitschaft, sich für ein politisches Amt zur Verfügung zu stellen, etwas anderes: Wie haben Sie diesen Schritt erlebt?

In meinem Leben gab es immer mal wieder Wendepunkte, und so war es auch mit der Politik: Ich bin gewissermassen reingerutscht. Als ich für den Gemeinderat angefragt wurde, sagte ich mir, wieso nicht? Es passte in mein Leben, und weil wir in der AL-Fraktion nicht so viele sind wie etwa bei der SP, musste ich gleich mitanpacken. Um auch die nötige Zeit dafür zu haben, reduzierte ich mein Pensum.

 

Als Stadträtin wären Sie als Person einiges exponierter, als es die Mitglieder des Gemeinderats sind: Haben Sie eine dicke Haut?

Ja, ich denke schon. Als Heilpädagogin bin ich es gewohnt, dass es dann, wenn ich beigezogen werde, um schwierige Fälle geht. Ich mache mir auch keine Sorgen wegen persönlicher Angriffe, ich habe bereits Schmähbriefe bekommen und gut damit umgehen können. Viel, viel häufiger erhalte ich positive Rückmeldungen. Wenn ich spüre, dass mein Engagement geschätzt wird, dann freut mich das sehr. Das geht wohl jedem Menschen so.

 

Angenommen, Sie setzen sich in der internen Ausmarchung durch: Was haben wir davon, wenn wir Sie wählen?

Ich setze mich für Umwelt, Bildung und Chancengleichheit ein, und einen weiteren Schwerpunkt setze ich beim Verkehr: Wir brauchen Velostrassen, nicht bloss Velo­streifchen am Strassenrand. Wir müssen den motorisierten Verkehr dringend reduzieren, zum Beispiel, indem wir in den Quartieren Strassen sperren beziehungsweise für die AnwohnerInnen sowie für FussgängerInnen und Velofahrende freihalten. Es ist zudem wichtig, dass wir mehr Menschen dafür gewinnen können, aufs Velo umzusteigen. Richard Wolff hat ja bereits damit begonnen, solche Ideen umzusetzen.

 

Sie würden also gern das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement übernehmen?

Ich übernähme gern die Schule, den Tiefbau, die Polizei… (lacht).

 

Die AL sieht sich gern als Stachel im Fleisch der etablierten rot-grünen Politik und vor allem als Stachel im Hintern der SP: Auf welchen Gebieten wären Sie in einer solchen Mission unterwegs?

In den Diskussionen um die Schule ist die SP oft schnell bereit, das Portemonnaie zu öffnen. Ich finde aber, dass sich nicht alles mit Geld lösen lässt. Insbesondere in der Schule reicht es einfach nicht, immer noch mehr Ressourcen reinzubuttern und zu denken, so lösten sich die Probleme irgendwann von allein. Das tun sie nicht. Es ist eine Frage der Haltung und Schulentwicklung: Wir brauchen einen konsequenten Paradigmenwechsel hin zur Inklusion. Ob es uns wichtiger ist, die Kinder in ihren Fähigkeiten zu stärken oder ob wir auf inhaltslosen Zahlen bestehen, hängt ebenfalls nicht vom Geld ab. Für mich wird zu viel Geld gesprochen, statt gehandelt.

 

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Im Gemeinderat werden Vorstösse eingereicht, mit denen mehr Geld für den Unterricht in Deutsch als Zweitsprache gefordert wird, weil an einigen Orten Ressourcen fehlen. Das Geld wird auch gesprochen, aber es ist nicht gesagt, dass es deshalb am richtigen Ort ankommt, denn das Problem ist ein strukturell-bürokratisches. Die erhobenen Ressourcen kommen erstens mit Verzögerung und zweitens nicht am Ort der Erhebung an. Wir haben hier ein Problem, das mit der Verteilung der Mittel an die Schulkreise und Schulleitungen zu tun hat. Im Endeffekt wirkt es sich so aus, dass am einen Ort unter Umständen die Ressourcen fehlen, während an einem anderen Ort zu viel vorhanden ist. Mit den Velowegen verhält es sich ähnlich: Es wird zur Genüge Geld für Velowege gesprochen, aber gebaut werden sie deswegen noch lange nicht.

 

Was würden Sie konkret dagegen tun?

Ich würde viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, denke ich. Gerade beim Verkehr muss die Stadt mit dem Kanton die Prioritäten klären. Was ist höher zu gewichten? Die Lärmschutzverordnung des Bundes, der Ausbau einer sicheren Veloinfrastruktur, die Hitzeminderung und die Klimaziele beim Verkehr oder der Antistau-Artikel? Ich würde auch aufzeigen, dass es möglich ist, den Verkehr umzuverteilen. Es ist relativ einfach: Der Mensch ist von Grund auf bequem. Ist es bequemer, das Velo oder den öV zu nehmen als das Auto, dann fahren jene, die bisher im Bus oder Tram sassen, vermehrt Velo, und jene, die das Auto nahmen, steigen auf den öV um. Das Geschrei der Bürgerlichen wegen der Bellerivestrasse beispielsweise kann ich nicht verstehen: Es ging ja nicht darum, das Auto bis in alle Ewigkeit aus der Stadt zu verbannen, sondern lediglich um einen sechsmonatigen Versuch, der aufgezeigt hätte, was sich machen lässt, damit das Velofahren dort bequemer wird.

 

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, in der internen Ausmarchung gegen Walter Angst zu gewinnen und die Stadtratskandidatin der AL zu werden?

Das ist schwierig abzuschätzen, möglicherweise mobilisiere ich viele Frauen, doch grundsätzlich sehe ich mich nicht in einem Konkurrenzkampf: Am liebsten wäre uns ein Job-Sharing gewesen, aber das ist leider nicht möglich. Ob schliesslich Wädi kandidiert oder ich – es ist auf jeden Fall super, dass die AL wieder antritt und den frei werdenden Sitz von Richi Wolff hoffentlich verteidigt.

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