Mehr statt besser

 

Kürzlich hab ich irgendwo gelesen, die Kolumne sei gewissermassen das Selfie der Printmedien. Das könnte heikel werden, denn weil ich ja ein Grüner bin, haben Sie jetzt vermutlich unanständige Gedanken, und damit liegen Sie immerhin halbrichtig. Denn letztes Wochenende waren Wahlen – ich weiss, eventuell haben Sie das bereits verdrängt, so wie ich –, und da wurde unsereins so ziemlich die Hosen heruntergelassen. Das war nicht angenehm, aber das Volk hat immer Recht.

 

Bloss, ein kleines bisschen klarer hätte sich das Volk, bzw. die 33 Prozente, die wählen gegangen sind, ja schon ausdrücken dürfen. Die beiden grün-kolorierten Parteien werden abgestraft, die FDP («Wir sind das Problem, nicht die Lösung!» ) marschiert durch, der Rest stagniert. «Weniger Ökologie, mehr Wirtschaft» , brachte es ein Moderator auf den Punkt, und man kann das ja mühelos nachvollziehen. Ich bin absolut gleicher Meinung, weshalb ich ja auch Grün gewählt hatte. Denn die Energiewende, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Wirtschaftsprojekt, ökologischer Mehrwert quasi Kollateralnutzen. Das muss so sein, sonst geht hier nie etwas fürschi. Dass der Braunkohlepreis das nicht gleich sieht, mag schmerzen, spricht aber nicht dagegen, sondern beweist das ja grad. Was aber will das Volk? Noch mehr vom Gleichen wie die vier Jahre zuvor? «Weniger Ökologie» , das hab ich begriffen. Aber von welcher Wirtschaft denn, bitte schön, mehr?

 

Letzthin versuchte ich, für meine Suffizienz-Vorlesung ein paar Daten aufzufrischen, die ich zum Thema Stromverschwendung – das ist Verbrauch ohne Nutzen – brauchte. Ein hartes Geschäft: Es gibt kaum Zahlen, nur Vermutungen, Schätzungen, Kafisatzlesungen. Ich konnte dennoch, dank Unterstützung unter anderen des Bundesamts für Energie, vorsichtige, konservative 13 760 GWh errechnen. Das ist, verzeihen Sie den Ausdruck: scheissviel. Das ist die Hälfte von dem, was sämtliche AKW produzieren, oder etwa vier Mal der Verbrauch der Stadt Zürich.

 

Und, wohl verstanden: nur Standby, Überdimensionierung, falsche Laufzeiten. Nichts, was unseren Wohlstand vermehrt. So nützlich wie ein Hirntumor. Wollte das Volk mehr davon?

 

Ein paar Tage darauf: Kaffee mit einem Kollegen, der als Ingenieur Grossfirmen berät. Seine Wahrnehmung: Die Energiewende ist gegessen. Die Teppichetagen von Grossverbrauchern haben sich längst von Atom und Öl verabschiedet. COOP arbeitet an der CO2-Neutralität, die Migros will auch. Der neuste Hype in der Ingenieurbranche ist, dass man sich in Stellung zu bringen versucht für den Abbruch der AKW. Ein Milliardengeschäft, das sich niemand entgehen lassen will. Quasi Paradebeispiel für grüne Wirtschaft: AKW zusammenkloppen. Will das Volk mehr davon?

 

Neulich, in der Dunkelkammer der Nation (endlich begreife ich, was damit gemeint ist): Die Kommission des Ständerates stellt die Energiewende in Frage. Möglicherweise unrentabel. Der starke Franken. Sie wissen schon. Nichts überstürzen. Lieber nochmals 20 Jahre unrentable, aber lukrative Atommeiler. Lieber noch mehr Förderung von Hirntumoren. Lieber den Kopf noch etwas mehr in den Sand stecken, der dank Klimaerwärmung angenehm temperiert ist. Frage mich, ob und welches Volk das wirklich will. Oder hofft es darauf, dass neben dem Flughafen Kloten Erdöl gefunden wird?

 

Aber eben. Die Energiewende, die Zersiedelung, der Artenschwund, die Pestizide in unseren Flüssen, der Schutz vor Datenmissbrauch oder gar, igitt, freie Velofahrt etc. interessieren nun wirklich niemanden. Die Wirtschaft muss brummen. Das Volk wählt daher die wirklich wirtschafts-expertisierten Parteien. Frage mich zwar, ob die Wirtschaft weiss, was ‹ihre› Parteien machen. Aber Verlierer haben immer unrecht. Es gibt noch viel zu tun. Ich ziehe die Hosen wieder hinauf. Legen wir los.

 

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