«Mehr miteinander statt gegen- einander arbeiten»

Helen Glaser arbeitet als Gesetzesredaktorin und Übersetzerin beim Bund und ist seit zehn Jahren im Zürcher Gemeinderat, hauptsächlich tätig in der Spezialkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement / Departement der Industriellen Betriebe. Was sich die Sozialdemokratin für ihr Jahr als Ratspräsidentin vorgenommen hat, erklärt Helen Glaser im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sie wurden letzte Woche mit einem Glanzresultat zur neuen Gemeinderatspräsidentin gewählt: Was reizt Sie an diesem Amt?

Helen Glaser: Schon als Gemeinderätin fühlte ich mich geehrt, in den historischen Gemäuern des Zürcher Rathauses tätig sein zu dürfen, und das tue ich als Präsidentin erst recht. Ich finde es deshalb schade, dass wir zurzeit in der Messe Zürich tagen müssen. Grundsätzlich bringt einem das Präsidium nochmals neue Aspekte des Ratsbetriebs näher. Das finde ich spannend. Als zweite und erste Vizepräsidentin wird man obendrein gut unterstützt und sachte ans hohe Amt herangeführt, was ich sehr zu schätzen weiss.

 

Das Amt ist normalerweise mit vielen Repräsentationspflichten verbunden, die heuer wegen Corona grösstenteils ins Wasser fallen: Wie traurig sind Sie darüber?

Ich habe kein Problem mit ruhigen Abenden zuhause und bin insofern auch nicht traurig. Doch ich habe mir dieses Amt mit all seinen Facetten gewünscht, ich bin normalerweise viel und gern unterwegs und habe mich darauf eingestellt, ab dem 29. April eine Menge Termine zu haben. Nun ist alles anders herausgekommen. Ich wäre gern ans kantonale Schwingfest gegangen oder auch an die Expovina Primavera – als Gemeinderatspräsidentin repräsentiere ich die ganze Stadt, nicht bloss meine eigene Ratsseite. Am Sechseläuten hätte ich sehr gern teilgenommen: Als Kind war ich wütend auf meinen Vater, der aus der Zunft zur Kämbel ausgetreten ist. Ich wäre doch so gern mal auf einem Kamel durch die Stadt geritten… (lacht). Ich bin in Zumikon aufgewachsen, in einer Mittelstandsfamilie, die keine finanziellen Sorgen hatte, aber auch nicht protzig lebte – und die sich den Sechseläutenumzug stets vor Ort anschaute.

 

Als zweite Vizepräsidentin erhielten Sie vom damaligen Präsidenten Martin Bürki den Job, GemeinderätInnnen zu ermahnen, die im Saal laut diskutierten: Geben Sie diesen Job weiter? Und was machen Sie, wenn jemand in einem Votum unter die Gürtellinie zielt?

Das war tatsächlich ein schwieriger Job – wer lässt sich schon gern zurechtweisen? Ganz so rasch einzugreifen, wie Martin Bürki es sich vorgestellt hatte, erwies sich zudem als nicht machbar. Aber im Prinzip behalte ich seinen Vorschlag bei und schicke den neuen zweiten Vizepräsidenten Matthias Probst los, wenn es zu laut wird im Saal. Denn auch ich habe mir das Ziel gesetzt, mehr Ruhe in die Ratssitzungen zu bringen. Und wer mit Voten unter der Gürtellinie aufwartet, den werde ich massregeln – wenn möglich sofort nach einer ungebührlichen Äusserung und sonst halt spätestens nach der Sitzung.

 

Lassen Sie den Debatten freien Lauf, oder schliessen Sie rasch einmal die RednerInnenliste?

Wer zu einem Geschäft, in das er oder sie sich reingekniet hat, etwas sagen oder eine Replik anbringen will, soll dies selbstverständlich tun können. Doch ist ein Thema einmal von allen Seiten erörtert worden, dann finde ich es in Ordnung, die RednerInnenliste zu schliessen, statt jedes einzelne Geschäft «zu Tode» zu debattieren.

 

Wie gross ist der Pendenzenberg, den Sie von Ihrem Vorgänger geerbt haben?

Der Berg ist sicher nicht so hoch wie vor zehn Jahren, als ich im Rat anfing: Damals gab es ständig Doppelsitzungen, an denen wir Geschäfte abarbeiteten, die zuvor jahrelang in der Pipeline gesteckt hatten. In den letzten zwei Jahren wurden zwar wieder etwas mehr Geschäfte eingereicht als abgeschlossen, aber so schlimm wie damals ist es sicher nicht.

 

Was ändert sich im Rat mit Ihnen als Präsidentin?

Ich möchte, dass neu eingereichte Vorstösse möglichst behandelt werden können, bevor sich die Zusammensetzung des Parlaments wegen vieler Rücktritte oder nach den Wahlen ändert. Deshalb führe ich Sitzungen ein, die, eine halbstündige Pause eingeschlossen, bis 22 Uhr dauern. Dabei orientiere ich mich an einem früheren Präsidenten, Albert Leiser von der FDP, der jeweils Sitzungen bis 21 Uhr abhielt. Seine Amtszeit habe ich als sehr effizientes Jahr in Erinnerung. Zum Abbauen von Pendenzen erscheint mir eine Sitzung über viereinhalb Stunden besser geeignet als die bisher in solchen Fällen angeordneten Doppelsitzungen. Denn auf die erste Sitzung von 17 bis 19.30 Uhr folgt eine lange Pause, und wenn sich der Rat um 21 Uhr wieder trifft, ist er konzentrations- und effizienzmässig oft nicht mehr gleich gut unterwegs wie vor dem Unterbruch.

 

Führen Sie weitere Neuigkeiten ein?

Ich habe noch ein paar Wünsche, zum Beispiel den, dass die Fraktionen mehr miteinander statt gegeneinander arbeiten. Doch das ist natürlich nur ein Aufruf, erzwingen kann man das nicht. Wichtig wäre mir auch, dass die Bevölkerung besser versteht, wie das Parlament funktioniert, wie Fraktionen und Kommissionen zusammenarbeiten, welche Rolle die Verwaltung spielt – und dass die Voten im Plenum nur sehr selten noch etwas daran ändern, wie schliesslich abgestimmt wird. Dennoch ist die wöchentliche Sitzung auch für jene von uns wichtig, die nicht gerade im Plenum ein Geschäft vorzustellen haben: Wer für ein Anliegen Verbündete braucht, weiss, wo sich diese am besten finden lassen – am Mittwochabend während der Ratssitzung.

 

Was haben Sie sich für die Zeit nach Ihrem Präsidiumsjahr vorgenommen?

Ich werde wieder ‹normale› Gemeinderätin. Ein Jahr später finden die Wahlen statt, dann bin ich zwölf Jahre im Rat. Ob ich dann nochmals antrete, weiss ich noch nicht, und das entscheide ich auch nicht allein, sondern das besprechen wir zu gegebener Zeit in unserer Sektion. Es gibt einerseits junge Leute, die gern ein Mandat übernehmen würden. Andererseits gilt es auch darauf zu achten, dass der Fraktion nicht zu viel Erfahrung aufs Mal verloren geht. Zuerst einmal hoffe ich nun, bald im altehrwürdigen Rathaus als Präsidentin amten zu können: Natürlich funktioniert in der Messe alles gut – aber es ist halt doch nicht das Gleiche.

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