Während der Brutzeit verteidigen Mittelmeermöwen ihr Revier lautstark und gehen entschlossen auf mögliche Störenfriede los. (Bild: Angela Bernetta)

Mehr Kreischen als Krise 

Die Mittelmeermöwe hat in den letzten Jahren Stadt und Seeufer erobert und prägt heute das Geräuschbild vieler Quartiere. Dennoch wächst der Bestand kaum.

Manchmal fühlt man sich mitten in Zürich wie am Mittelmeer – nicht wegen der Sonne oder Hitze, sondern wegen des rauen Kreischens, das gelegentlich von den Hausgiebeln hallt. So laut und hartnäckig, dass man fast automatisch Richtung Horizont schaut. Möwen? Ja. Aber nicht die zierlichen Lachmöwen, die man vom Sonntagsspaziergang kennt. 

Auffällig, aber selten 

Es sind Mittelmeermöwen – eine Art, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz ausgebreitet hat. Gross, selbstbewusst und stimmgewaltig prägen die Vögel heute das Klangbild mancher Quartiere. Denn die Mittelmeermöwe (Larus michahellis) ist deutlich kräftiger als die Lachmöwe. Mit bis zu 1,4 Metern Flügelspannweite und einem Gewicht von bis zu 1,5 Kilogramm wirkt sie imposant. Eine Lachmöwe bringt dagegen kaum mehr als 350 Gramm auf die Waage.

«Am Zürichsee zeigt sich seit 10 bis 20 Jahren ein moderater, aber stetiger Anstieg der Brutpaare», sagt Martin Schuck von BirdLife Zürich. Seit der ersten Brut vor rund zwei Jahrzehnten ist der Bestand auf rund zwei Dutzend Paare am Zürichsee und in der Stadt Zürich angewachsen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl stabilisiert. Der Bestand ist klein und wird nur punktuell erfasst. Neben einzelnen Brutpaaren gibt es am Strandweg in Rapperswil lediglich eine kleine Kolonie. Zum Vergleich: Am Zürichsee wurden im vergangenen Jahr 96 Brutpaare der Lachmöwe gezählt – also fast viermal so viele. Allerdings brütet keines davon direkt am Zürcher Seeufer. 

Dächer statt Dünen 

Am Zürichsee halten sich Mittelmeermöwen dort auf, wo sie alles auf einmal finden: Wasser, Futter und ruhige Plätze zum Ausruhen. In der Stadt haben sie die hohen Gebäude entdeckt: Flachdächer bieten ideale Brutplätze – fern von Füchsen und anderen Fressfeinden. Bruten auf Dächern sind jedoch selten: 2025 waren am ganzen Zürichsee zwei besetzte Dächer bekannt, mit insgesamt drei Brutpaaren, eines davon in der Stadt Zürich. Die meisten Paare brüten auf kleinen Inseln im See. Am Zürichsee allerdings nur ein einziges Paar. 

Auf Futtersuche sind die Möwen vor allem entlang des See- und Limmatufers unterwegs, besonders gern zwischen Bellevue und Chinawiese, wo sie von Menschen gefüttert werden und von herumliegenden Essensresten profitieren. 

Zu sehen sind Mittelmeermöwen am Zürichsee das ganze Jahr über. Die meisten bleiben im Winter, einige ziehen während der kalten Jahreszeit kurz in wärmere Regionen weiter. Am stärksten fallen die Vögel im Frühling und Sommer auf. Während der Brutzeit verteidigen sie ihr Revier lautstark und gehen entschlossen auf mögliche Störenfriede los. In dieser Phase geraten die Möwen stärker in den Fokus der Kritik – auch wenn es insgesamt gar nicht so viele sind. 

Konkurrenz – aber kein Drama

Wo es an Platz mangelt, setzen sich die kräftigeren Möwen durchaus durch. Im Kanton Zürich brüten Mittelmeermöwen auch im Neeracherried, am Greifensee und am Pfäffikersee – teilweise in Konkurrenz zu Lachmöwen und Flussseeschwalben. Ist der Raum knapp, können sie andere Arten verdrängen. Am Zürichsee ist die Lage (noch) entspannt: «In den überwachten Kolonien der Lachmöwen und der Flussseeschwalben gab es in den letzten Jahren kaum Angriffe durch Mittelmeermöwen und keine ernsthafte Konkurrenz um Nistplätze», erklärt Schuck. 

In der Stadt und im Kanton Zürich werden derzeit keine speziellen Massnahmen ergriffen, um den Bestand der Mittelmeermöwe zu überwachen oder zur regulieren. Fachstellen wie BirdLife Schweiz und die Orniplan AG sehen dafür keinen dringenden Handlungsbedarf. Statt in die Möwenbestände einzugreifen, setzen sie den Fokus lieber auf die Förderung geeigneter Lebensräume und Brutplätze für andere Arten. 

Koexistenz statt Konflikt

Mittelmeermöwen profitieren von viel Futter, sicheren Flachdächern und milden Wintern. Sehr kalte und schneereiche Kälteperioden machen ihnen zu schaffen, und ihr ausgeprägtes Revierverhalten bremst eine unkontrollierte Ausbreitung. 

«Oft entsteht der Eindruck, die Natur sei eine Bedrohung – von der lärmenden Möwe bis zum «Pro­blemwolf»», gibt Schuck zu bedenken. «Dabei wird leicht übersehen, dass die Biodiversität in der Schweiz stark gefährdet ist und Schutzgebiete knapp sind. Statt sofort zu regulieren, braucht es Lösungen, bei denen Mensch und Natur miteinander leben können.» 

Gut möglich, dass das Kreischen der Mittelmeermöwen inzwischen einfach zum Zürcher Stadtsommer gehört – wie das Glitzern des Sees oder das Klirren der Weingläser am Seeufer.