Mehr als Kirchner

Die von Andrea Lutz und David Schmidhauser eingerichtete Übersichtenschau «Expressionismus Schweiz» im Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten ist ein veritabler Augenöffner. Darüber, welch reichhaltige Vielfalt an Werken in Inhalt und Form unter diesem Sammelbegriff in der Schweiz entstanden ist – inklusive dem Tessin und der Romandie.

 

Zuerst ist da eine Irritation. Primär herrührend von der eigenen Engstirnigkeit. «Was macht das da?», ist gegenüber Cuno Amiets «Der gelbe Hügel» (ist doch Surrealismus) wie auch gegenüber Alice Baillys «Bouquet de fleurs, hortensias» (ist doch Kubismus) und Otto Morachs «Asphaltarbeiter» (ist doch Russische Avantgarde) eine sich in den Vordergrund drängende Frage. Nach den grossen Einzelschauen über Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Kokoschka in den jüngsten Jahren im Kunsthaus Zürich konnte der (Kurz-)Schluss naheliegen, den sogenannten Expressionismus in seinem Wesenskern erfasst zu haben. Doch «werch ein Illtum», wie Ernst Jandl selig schon trefflich zu formulieren wusste. Weder sind Anfang und Ende dieser Kunstströmung tabellarisch exakt feststellbar, noch vermögen die Umwälzungen in den Jahren nach der vorletzten Jahrhundertwende als eine stringente Entwicklung angesehen werden. Es war alles zeitgleich da: Abgrenzung gegenüber den Altvorderen gepaart mit der Suche nach dem «was/wie sonst?», Hunger, Generalstreik, Krieg inklusive Front- und/oder Fluchterfahrung, Industrialisierung, Aufbruch, eine Mélange aus Ängsten und Hoffnung gegenüber einer Zukunft, also auch Utopien und politische Antworten wie Sozialismus und Kommunismus versus Rückzugstendenzen ins Private inklusive der Sehnsucht nach einer davon vordergründig unbehelligten Lebensumgebung in den Pampas. Und so weiter… Streng genommen kann also gar kein singulärer Wesenszug die Kunstepoche des Expressionismus ausmachen. Ausser vielleicht: Freiheit.

 

Reset: Alles, nur nicht Hodler

Wenn jetzt eine KünstlerInnenseele, die ja nicht aus lauter Langeweile im grossbürgerlichen Salon ein bisschen pinselt, hämmert, schnitzt oder strickt, sondern einem existenziellen inneren Bedürfnis, ja Drang folgend die individuell überhaupt zur Verfügung stehende Ausdrucksform in jede Richtung neu auszuformulieren sucht, damit in all dieser Orientierungslosigkeit der Kopf nicht platze, dann dürfte es hundert Jahre später darauf rückblickend alles andere als verwunderlich sein, wie überwältigend reichhaltig die Ergebnisse herausgekommen sind. Also: Zurück auf Anfang. Doris Fässler beschreibt in ihrem Katalogessay «Bestens vernetzt – Künstlergruppen und Einzelkünstler», dass die meisten Expressionisten zuerst einen handfesten Beruf erlernten. Im Zeitgeist, dessen zentrale Leitfiguren Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud waren und in dem die bisherigen «Autoritäten Staat, Kirche und Bürgertum mit ihren Normen versagt haben», (…) «waren die Schweizer Kunstschaffenden ohne bestehende Strukturen zur Künstlerausbildung früh auf sich selbst gestellt und mussten ihre individuelle Ausdruckskraft und zeitgemässe Formensprache eigenhändig entwickeln». Mit dem Resultat eines grossen Stilpluralismus. Hinzu kommt eine offenbar alles durchwirkende Dominanz von Ferdinand Hodler als gottähnlichem Malerübervater, dem etwas – Peng! – entgegengestellt gehörte. Das galt für die Romandie genauso wie für die Deutschschweiz. Wenngleich die Einflüsse auf die einzelnen Landesteile sich unterschieden. Die Franzosenliebe, mit Paris als Weltzentrum, war überall stark ausgeprägt. Doch während die Deutschschweiz sich mit München und Berlin ebenfalls in einem Austausch befand, kümmerte das die Romands wenig, und das Tessin orientierte sich annähernd komplett in Richtung Mailand. Einen grossen Einfluss – in allen Landesteilen – hatten augenscheinlich MigrantInnen wie die aus Russland geflohenen Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky, die zuerst am Genfersee und zuletzt im Tessin nach einer Exilheimat suchten.

 

Selbstorganisation

Unter anderem beschreibt Cäsar Menz in seinem Essay «Versuch einer Übersicht», dass sich einerseits die damaligen Kunstgruppierungen, aus deren Aktivitäten später das Kunsthaus Zürich genauso wie das Kunst Museum Winterthur hervorgegangen waren, sehr schwer mit den Neuerungen der Stile taten. Die Exponate also auszustellen ablehnten oder parallel zu einem eingegangenen Wagnis eine Trigger-Warnung ans Publikum absonderten, es könne durch diese Betrachtung in seiner physischen Unversehrtheit gestört werden. Wenn solche Gemälde überhaupt in öffentliche Ausstellungen gelangten, war es wiederum die Kritik, die eimerweise Häme in Form von Krankheitsallegorien über diese neue Kunst schüttete. Es war also schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden und ausstellen zu können, ergo Geld zu verdienen. Menz schreibt, dass «damals die Kunstförderung des Staates, der Privaten und der Galerien of nicht sehr wirkungsvoll war. Die Künstler waren also weitgehend auf sich selbst gestellt und versuchten, ihren Interessen im Kollektiv Nachdruck zu verleihen». In der Ausstellung und im Katalog ist von einer grossen Fülle an solchen Kunstgruppierungen die Rede, die sich jedoch seltener programmatisch definierten, als vielmehr freundschaftlich und eben wirtschaftlich. Ihre bare Zahl und die wechselnde Zugehörigkeit von einzelnen KünstlerInnen wird schnell einmal unübersichtlich. Obschon einzelne VertreterInnen des Expressionismus in der Schweiz im Vergleich zu allem Vorherigen mitunter auch ein politisches (Unrechts-)Bewusstsein entwickelten, enge Kontakte zu linksradikalen Gruppierungen und offen Sympathien für Vorkämpfer wie Max Dätwyler (Pazifist) und Karl Barth (Roter Pfarrer) bekundeten, und Dostojewskis «Schuld und Sühne» offenbar sehr en vogue war, stellt David Schmidhauser in seinem Essay «Revolution» die eigentlich politische Agitation als Selbstzweck oder gar Gemeinsamkeit für die Gründung einer Gruppierung in Abrede.

 

Politisch/Unpolitisch

Wenn aber wie in Zürich die Stadtregierung die Armee zuhilfe holte, um sie gegen die «Novemberkrawalle» 1917 auf die Bevölkerung schiessen zu lassen, war das etwa für Eduard Gubler Anlass genug für eine neunteilige druckgraphische Serie «Die Revolte», für Otto Baumberger gar für das eindrückliche Gemälde «Revolution» (das im Katalog etwas gar klein abgebildet ist). Wenn nach dem Ersten Weltkrieg die «Kriegskrüppel» die Strassen säumen und der Hunger offensichtlich die gesamte Gesellschaft betrifft, kann es kaum verwundern, dass auch Künstler wie Johannes Robert Schürch das Augenscheinliche in Kunst überführen: «Kind Brotlaib essend», «Bettler auf der Strasse», «Artist mit Hut und Trommel» sind eindringliche Tuschearbeiten, die vielleicht im engen Sinne keine politische Agitation sind, aber durch ihr blosses Vorhandensein bestimmt mit der Absicht geschaffen worden sind, aufzurütteln. Per definitionem politisch ist (auch) in diesem Zusammenhang, wenn sich eine junge Frau erdreistet, sich ihren eigenständigen Platz im Kunstolymp schaffen zu wollen, wie dies die Genferin Alice Bailly selbstbewusst für sich reklamierte. Hinzu kommt, dass sie – ähnlich wie Sonia Delaunay und Sophie Taeuber – sich nicht rein auf die Malerei als künstlerisch wertvollen Ausdruck beschränkte und etwa Wollgemälde schuf, die ihre Kritiker (wohl weniger -innen), darin bestärkte, sie als Handarbeiterin ergo Hausfrau abkanzeln zu können, was die Gemälde gleich mitmeinte und in Richtung Schund abkanzelte. Andrea Lutz schreibt darüber einen bedenkenswerten Text. Die in der Ausstellung gezeigten Werke von Alice Bailly und vielmehr noch die sehr viel zahlreicheren Abbildungen ihrer Gemälde im Katalog führen einen unweigerlich zur Frage, welche Ins­titution ausserhalb der Romandie bitteschön ihr demnächst eine Einzelausstellung ausrichte? Sie hat sich, ähnlich wie Ottilie von Roederstein, die Anfang des Jahres im Kunsthaus Zürich «wiederentdeckt» worden ist (P.S. vom 15.1.21), eigenständig eine Existenz und Karriere als Künstlerin erarbeitet, und übersetzt man die Abbildungen im Katalog mit der Erfahrung des Direktkontakts ihrer Gemälde und Wollzeichnungen vor dem inneren Auge in eine potenzielle Begeisterung für eine reale Begegnung mit ihren Exponaten, die vor technischer Fertigkeit, Innovations- und Forschungsgeist regelrecht strotzen, so müsste jedes Aber gegen eine solche museale Würdigung einer grösseren Institution der Deutschschweiz mit grosser Leichtigkeit zu entkräften sein. Im Umkehrschluss könnte man es im Jubeljahr zu Frauenstimmrecht und Frauenstreik auch als Versäumnis ansehen, dass dies niemandem von alleine in den Sinn gekommen ist… bei dem Œuvre.

 

Mit Erwartungen spielen

Natürlich kommt auch in Winterthur Ernst Ludwig Kirchner in ausreichender Zahl zur ihm entsprechenden Würdigung. Insbesondere eine Anekdote oder fast schon Sottise, wie sie das Zürcher Kunsthaus mit zwei Picassos auch kennt, wie Georg Reinhart vergeblich versucht hatte, dessen «Davos im Schnee» dem Kunstmuseum zu schenken und das – wie die Zürcher Picassos – zuletzt im Kunstmuseum Basel gelandet ist, was heute höchstes Bedauern auslöst. Der grosse Bogen, den die Ausstellung ausgehend von Vincent van Goghs Portrait des Briefträgers Joseph Roulin in über 120 Werken von mehr als 40 KünstlerInnen schlägt, ist ein regelrechtes Spiel mit den Erwartungen, die sie klug übertrifft und einem Publikum auch weniger bekannte Werke präsentiert. «Der Maler» von Hermann August Scherer soll sogar zum ersten Mal überhaupt seit dem Verkauf in eine Privatsammlung öffentlich ausgestellt sein. Die Hängung vermittelt einen intuitiv erfassbaren Eindruck, wie sehr sich die einzelnen Kunstströmungen überlagerten, gegenseitig befruchteten, und wie mitunter widerspenstig die Maxime des Expressionismus eine Pinselführung beeinflusste und woraus die recht eigentliche Empfindsamkeit der KünstlerInnen von vor rund einhundert Jahren bestand. Eduard Gublers «St. Sebastian im Schnee mit Selbstbildnis» etwa zeigt zwei nicht etwa bloss typgleiche Männer, sondern zwei regelrechte Ebenbilder – ein Martyrium mit Identifikationspotenzial für den Maler und heute eine weitreichende Projektions- und Reflektionsfläche für ein Publikum. Und seis über die Frage, inwiefern sich Geschichte verändert, eben doch wiederholt, und/oder wo wir heute universell oder global gesehen stehen und wie dieses Jetzt heutige zeitgenössische KünstlerInnen thematisieren, umsetzen und paraphrasieren. Ein Museumsbesuch ist auch eine Reise – statt einer Reise.

 

«Expressionismus Schweiz», bis 16.1.22, Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten, Winterthur. Katalog bei Hirmer, 39 Franken.

 

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