Medienvielfalt auf der roten Liste?

Düstere Zeiten für den Journalismus. Social-Media, unbegrenzt verfügbare Informationen und eine Gesellschaft, die immer weniger bereit ist, für journalistische Leistungen zu bezahlen. An der Mitgliederversammlung der Grünen Kanton Zürich vom vergangenen Montag beleuchtete der Publizistikprofessor Otfried Jarren die Zukunft der Massenmedien.

 

Julian Büchler

 

«Facebook gefährdet die Demokratie», titelte die NZZ vor einiger Zeit. Otfried Jarren, Professor der Publizistik an der Uni Zürich, zitierte in seinem Inputreferat mehrmals aus dem prominenten Blatt. Die Medien werden sich in kommender Zeit einem starken strukturellen Wandel unterziehen müssen – Beispiel Social-Media – , ist der Professor überzeugt. «In der heutigen Zeit haben wir so viel Meinungsvielfalt wie nie. Jeder kann seine Meinung einem grossen Umfeld mitteilen, Informationen verbreiten, – auch objektiv Falsches und Unwahres. In der NZZ beispielsweise würden Kommentare immer häufiger. «Fakt ist, dass Meinungen leicht zu haben und billig zu produzieren sind, erkennbar beispielsweise an den vielen Talkshows im Fernsehen.» Die Frage, die sich aufdränge sei, inwiefern Meinungen ihren Beitrag zur Demokratie leisteten, inwiefern sie Auseinandersetzungen herbeiführten.

 

Vielfältiger und pluraler

Medien mussten bisher in der Gesellschaft durchgesetzt werden, Gruppeninteressen hätten Medien dominiert, so Otfried Jarren. Egal ob von politisch Links, Rechts oder der Mitte, man habe versucht, seine Anliegen via Medien in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Der grosse Vorteil: Man konnte die Bevölkerung beobachten, wusste, wo welche Positionen sind. Die Linken konnten die Rechten beobachten und umgekehrt. «In unserer Gesellschaft ist sichtbar, dass wir massive Ausdifferenzierungsprozesse haben, was an sich eine erfreuliche Tatsache darstellt. Wir sind vielfältiger, pluraler, man lässt mehrere Meinungen zu und lebt so nebeneinander.» Die Schwierigkeit, die damit entsteht, sei die Beobachtung. «Viele befinden sich in sogenannten Filterbubbles. Stösst man dann auf etwas Fremdes, Unbekanntes, beispielsweise auf eine Burkaträgerin, reagiert man mit Unverständnis. »

 

Hierarchie bricht weg

Die neuen sozialen Netzwerke, die uns eine breite Meinungsäusserung und das Herbeiführen gesellschaftlicher Diskurse erlauben, würden das ganze System auf den Kopf stellen. «Das alte System können Sie sich als Pyramide vorstellen. Unten die sich austauschende und diskutierende Gesellschaft, die wichtige Anliegen hervorbringt, die wiederum von den Medien aufgenommen wurden, um die politische Debatte auszulösen.» Im Status-quo falle diese hierarchische Organisation weg, da das Publizieren von gesellschaftlichen Anliegen als einstige Kernaufgabe der Medien von jedem einzelnen aus der Gesellschaft via Social-Media selbst übernommen werden könne.

 

Für die Gesellschaft ändere sich Grundlegendes. Durch die konstante Verfügbarkeit von News und Informationen beginne der Mensch zu filtern. «Was heute teils noch manuell gemacht wird, übernehmen schon bald Algorithmen. Dies ist logisch und begrüssenswert zugleich, können wir doch heute nicht mehr alles aufnehmen, was an Informationen verfügbar ist.» Zugleich fördere diese Filtration aber die einseitige Information, das Aufkommen von Filterbubbles. Menschen lesen gezielt das, was sie lesen wollen. «Sich informieren bedeutet vermehrt, sich in seiner eigenen Meinung zu bestärken.»

 

Wegfall der Werbung…

Eine Veränderung für die Medienbranche stelle die Tendenz dar, dass die Werbung die Massenmedien verlässt. «Die Werbung benötigte die Medien bisher, um ihre Produkte zu pushen, ihren potenziellen KonsumentInnenkreis zu erweitern.» Durch Social-Media und die damit einhergehende Sammlung von Daten lasse sich heute Werbung jedoch wesentlich gezielter und punktueller einsetzen. «Durch den Wegfall der Werbung geht den Medien ihre grösste Einnahmequelle verloren», so der Publizistikprofessor weiter.

 

…und der Einnahmen

Zudem ändere sich die Bindefähigkeit der LeserInnen. «Abos sind nicht mehr gefragt, jeder kann sich seine Informationen selber holen, es herrscht ein massiver Nachfragemarkt.» Daraus folge eine Produktionsproblematik, die allen voran den Journalismus hart treffe –  der Chefredaktor muss genauestens abwägen, was gefragt ist und wofür die Gesellschaft noch bereit ist, Geld auszugeben. «Hinzu kommt, dass heute durch Social-Media der Eindruck entstanden ist, dass es nicht mehr nötig ist, für Informationen zu bezahlen. Dies in Kombination mit dem Wegfall der Gelder aus der Werbung wird für die Medien bzw. deren Vielfalt zur Herausforderung der Zukunft werden.»

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