Medien, Demokratie und Glaubwürdigkeit

Am Dienstag veröffentlichte die NZZ online einen Kommentar auf ihrer Titelseite mit dem Titel «Die Proteste im Iran fordern nicht nur die Mullahs heraus, sondern auch linke Glaubenssätze». Wer den Kommentar liest und auf Belege für die doch eher steile These der Mullah-Sympathien von Linken hofft, wird allerdings enttäuscht. Denn die Belege sind eher spärlich: Ein dümmlicher Post eines britischen Journalisten und eine historische Abhandlung linker Kritik am Schah-Regime. Derweil veröffentlichte die SP am 12. Januar eine Medienmitteilung in Solidarität mit den iranischen Protestierenden. Bei SVP, FDP oder Mitte findet man dazu nichts.
Es ist nur ein kleines Beispiel, aber es reiht sich ein in viele weitere Beispiele solcher Kommentare, in denen gefühlte Wahrheiten echte Wahrheiten ersetzen. Dass die Linke ja eigentlich für die Scharia ist, ist ein häufig gehörter Vorwurf von Rechtsaussen in ‹sozialen› oder anderen Medien. Ob es stimmt oder nicht, ist egal. Hauptsache, es regt auf und klickt.
Die Plattform «Volksverpetzer», die sich in Deutschland auf Faktenchecks spezialisiert hat, schrieb vor mehr als einem Jahr in einem Artikel: Als vor Jahren die Diskussionen rund um Fake News und Social Media losging, hiess es oft, man müsse stattdessen den Journalismus stärken. Nur: «Es zeigt sich aber immer mehr, dass einige Medien, die sich selbst als ‹journalistisch› bezeichnen, mit die grössten und einflussreichsten Fake News-Verbreiter sind.» Es werden dazu eine Reihe von Beispielen gezeigt, von russischer Propaganda in der ‹Berliner Zeitung› etwa, Falschmeldungen in der ‹Welt› insbesondere zum Thema Klimawandel, aber auch zu Impfungen. Und auch die NZZ wurde dabei kritisiert, weil sie eine falsche Information der AfD Thüringen verbreitete. Das Fazit: «Eigentlich wäre es ja so schön: Einfach Journalismus unterstützen und wir bekämpfen das Desinformationsproblem in unserer Gesellschaft. Diese Gleichung geht aber nicht so einfach auf. Aus Profitgier, aus finanzieller Abhängigkeit oder aus persönlicher Ideologie der Besitzer (…).» Was nicht bedeutet, dass gefälschte News-Portale, Propagandaseiten wie ‹Russia Today› oder zunehmender KI-Slop (durch künstliche Intelligenz generierter zweifelhafter Inhalt) kein Problem sind. Aber es schadet der Glaubwürdigkeit der Medien und des Journalismus, wenn sie selber den Journalismus und die Wahrheitsfindung nicht ernst nehmen.
Ich war vor mehr als einer Woche an der Dreikönigstagung des Verlegerverbands. Das Thema war «KI, Social Media, Journalismus – wem glauben wir noch?» Also ganz brandaktuell. Und das Leitmotiv war genau dieser Glaubenssatz, den ich vorher angesprochen habe: Journalismus ist wichtig für die Demokratie. Fake News und Desinformation bekämpft man am besten, indem man in den Journalismus investiert. Das ist alles durchaus richtig. Nur einfach nicht in jedem Fall. Sondern nur, wenn man auch ernsthaft und selbstkritisch diskutiert, wie man Demokratie und Journalismus versteht und konkretisiert. Als Verlegerin ist mir die schwierige Lage der Medien schmerzlich bewusst. Genauso bewusst ist mir, dass ich selber weder frei von Widersprüchen bin noch Antworten auf alle Fragen habe.
Man muss sich also fragen, wie glaubwürdig es ist, wenn Medienschaffende und Politiker:innen nach wie vor als Hauptkommunikationsplattform X verwenden, dessen Besitzer sich immer offener faschistisch gebärdet. Und mit dessen KI Grok sexualisierte Bilder von Menschen produziert werden können, gegen den Willen der Betroffenen. Die Abscheulichkeiten reichen von Minderjährigen in pornografischen Posen bis zu Holocaust-Überlebenden in Hakenkreuz-Bikinis. Würde das ein klassisches Medium tun, wäre die Hölle los. Tut es X, gibt es höchstens ein Achselzucken. Dies alles, weil man offenbar zu bequem ist, etwas Ressourcen in eine Alternative wie Mas­todon oder Bluesky zu stecken. Und vielleicht auch, weil man Diskursräume, die nicht total rechts dominiert sind, als irrelevant betrachtet. So höhnen auch durchaus Linke oder Linksliberale über die Wohlfühloase Bluesky.
Wer es ernst meint mit der Demokratie, sollte sich nicht mit Demokratiefeinden verbünden. Die AfD ist eine rechtsextreme Partei mit – wenn man es freundlich formulieren will – faschismusfreundlichen Tendenzen. Sie an die Macht zu schreiben, wie es die NZZ anscheinend will, ist höchst fragwürdig. Der AfD-Kurs von NZZ-Deutschland mag sich wohl wirtschaftlich auszahlen, der Preis der verlorenen Glaubwürdigkeit ist aber hoch.
Dass die Medien kein Bollwerk gegen autokratische Tendenzen sind, zeigte sich schnell in den USA. Die Medienkonzerne sind dort bemerkenswert schnell eingeknickt, als sie von Trump verklagt wurden. Ihre Solidarität mit der Nachrichtenagentur AP, die aus dem Weissen Haus verbannt wurde, weil sie den Golf von Mexiko weiterhin so nannte, hielt sich in engen Grenzen. Und hierzulande hat man manchmal den Eindruck, wird schon ohne Grund und Druckversuche ganz zahm berichtet.
Ein grosses Thema der Verleger ist auch die künstliche Intelligenz und das Urheberrecht. Da gibt es durchaus wichtige Fragestellungen. Tatsächlich ist die künstliche Intelligenz eine grosse Herausforderung für den Journalismus: Nicht nur, weil Urheberrecht verletzt wird. Sondern weil sie sehr einfach schnell Inhalt generieren kann, der aber nicht unbedingt immer richtig ist, aber richtig aussieht. Es ist darum auch kein Wunder, dass die Menschen, wie beispielsweise die Forschungsgruppe Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) festgestellt hat, kein Vertrauen in den Einsatz von KI im Journalismus hat. Und trotzdem setzen die Verlage immer mehr darauf, wohl in der Hoffnung, damit journalistische Stellen einsparen zu können. Ringier scheut dabei nicht vor einer Kooperation mit der Überwachungsfirma Palantir zurück. Die Schweizer Armee hingegen verzichtete aus Reputations- und Sicherheitsgründen auf eine Zusammenarbeit mit Palantir, wie die ‹Repu­blik›berichtete.
Überhaupt fragt man sich bei gewissen Verlagshäusern immer mehr, ob sie überhaupt noch an Journalismus interessiert sind. So sprach die TX-Vertreterin konsequent von «Produkten» und nicht von Medien oder gar von Journalismus. Und die Taten sprechen für sich: Auch wenn TX Gewinne erzielt, fliesst er nicht in den Journalismus, sondern in die Taschen der Aktionär:innen. Die Zitrone wird noch ausgepresst, solange sie noch etwas Saft gibt. Danach wird wohl in die Entwicklung anderer Produkte investiert.
Und wie glaubwürdig ist das immer wieder gehörte Plädoyer für eine Medienvielfalt im Zeitalter zunehmender Konsolidierung und Konzen­tration? Und gibt es in dieser Medienvielfalt auch tatsächlich eine Meinungsvielfalt oder ist es vor allem ein gleichzeitiges Anschreiben gegen einen vermeintlichen Mainstream?
Die Zeit wäre eigentlich zu ernst für Floskeln. Doch reicht sie aus, um diese Auseinandersetzung zu führen? Ich hoffe darauf, im Interesse der Medien und der Demokratie.