- Post Scriptum
Mathematik und Hunde
Ich habe da diesen total krassen Hundewunsch. Und das hat mich zum Thema Geburten gebracht. Die sinken. Die Frage nun, die auch mich interessiert: Warum genau haben wir weniger Kinder? Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat nämlich nicht geholfen. Die Geburtenquote sinkt auch dort, wo die Rahmenbedingungen richtig gut sind.
Also, was sind die Gründe, dass wir pro Frau nur noch 1,29 Kinder haben?
Hier die wissenschaftlichen Antworten darauf: Einerseits ist da beispielsweise die Soziologin Katja Rost. Kinder hätten als Lebensziel an Glanz verloren. Aber waren sie das denn je? Ein Lebensziel? Kinder als Lebensversicherung, ja, aber das ist nun auch ein paar Jahrzehnte her, mindestens in unserem Land. Zweitens, sagen andere: Man lese so viel über gewaltsame Geburten und kaputte Beckenböden, Benachteiligung in der Arbeitswelt, Mental Load, Doppelbelastung und Rentenlücke, dass es einem verleide, das anzustreben. Oder, drittens, der französische Theoretiker Vincent Cocquebert, der einen Geschlechterkrieg mit sinkender Geburtenrate als Folge diagnostiziert. Frauen und Männer driften politisch komplett auseinander, es gibt diese politische Spaltung zwischen progressiveren Frauen und den konservativeren Männern, die Differenzen zwischen den Geschlechtern seien einfach zu gross und die Frauen hätten schlicht keine Lust mehr, mit einem Idioten eine Familie zu gründen.
Als progressive Frau, die seit vielen Jahren mit ihrem konservativen Mann lebt (und liebt), mit drei Kindern, habe ich eine andere Geschichte zu erzählen – und es ist nicht so, dass mein Mann mir nicht auf die Nerven gehen würde gelegentlich, glaubt mir, aber das hat wenig mit Politik zu tun. Und hier entfernen wir uns nun von der Wissenschaft und ich möchte euch teilhaben lassen an meiner komplett auf privaten Gesprächen abgestützten These, warum es in einem Land wie der Schweiz zu einem Geburtenrückgang kam. Es ist, voilà: Weil man zu viel darüber nachdenkt, bevor man es macht.
Es ist simpel: Wenn man die Chose mit dem Kinder bekommen rational angeht und ausgiebig abwägt, wird man vernünftigerweise nie welche haben. Aber das ist alles ganz verkehrt.
Bei diesen Überlegungen nämlich geht man von einem schönen Ist-Zustand aus, den man durch das Kinderkriegen nicht mehr haben wird: den tollen Beruf, abends spontan in den Club, Kurztrip am Wochenende, wenn einem danach ist, keine Verpflichtungen. Das würde durch ein Kind anders. Das kann sein.
Nur sind zweierlei Dinge hier entscheidend: Das Leben wird auch ohne Kinder anders. Und man hat keine Ahnung, wie genau. Kein Zustand währt für immer. Die andere Überlegung ist, dass man zu wissen meint, wie es mit Kindern ist und damit also ebenso genau weiss, wogegen man sich entscheidet. Das ist ein landläufiger Fehler. Mir ist das aufgefallen bei der Aussage einer Mutter, die sich bewusst für ein Einzelkind entschieden hat. «Ich bin Mutter, aber auch Partnerin und arbeite sehr gerne – all das lässt sich mit einem Kind deutlich besser vereinen als mit einer Grossfamilie.» Woher will sie das denn wissen, habe ich mich gefragt? Und ja, sie rechnet natürlich den Aufwand für ein Kind hoch auf mehrere Kinder.
Aber das ist keine Mathematik hier.
Und da komme ich wieder zum Hund. Ich habe mich ausgiebigst damit beschäftigt, alles gelesen, und ich weiss jetzt mit Sicherheit, dass ich nicht einmal die Hälfte der Anforderungen an herkömmliche Hundebesitzer:innen erfülle und das Tier mich und mein ganzes Umfeld ins Unglück stürzen würde. Und dann sehe ich auf der Strasse, beim Spazieren, überall, so viele Menschen mit Hunden. Geht es doch?
Die Antwort ist wohl die, dass wenn etwas Neues kommt, wir auf Dinge verzichten können, von denen wir noch gar nicht wussten, dass wir sie nicht brauchen, weil wir das Neue nicht kannten. Dass wir uns anpassen an andere Umstände, manchmal sogar gerne, mit Liebe, mit Leidenschaft, mit Hingabe. Dass sich Welten auftun, von denen wir so gar keine Ahnung hatten, ganze Universen, die man erst beschreiben kann, wenn man sich selbst mittendrin befindet.
Ich weiss, Kinder sind nicht Hunde. Aber trotzdem plädiere ich dafür, nicht zu viel nachzudenken. Man kann nicht verhindern, dass sich das Leben ändert. Ob mit oder ohne Hund und Kind. Oder auch mit beidem.