Mädchenzimmerrosa zum Trotz

Die Ausstellungsinszenierung von Iris von Rotens «Frauen im Laufgitter» durch Mass&Fieber alias Brigitte und Niklaus Helbling ist eine angenehm unaufdringliche, wenngleich wenig unterschwellige Aufforderung, ihre «Offenen Worte zur Stellung der Frau» von 1958 zu lesen.

 

«Das Problem ist systemisch», erzählt eine Ausstellungsbesucherin im persönlichen Gespräch und fährt damit fort, dass ihr Gatte 1985 mit dem Tag ihrer Heirat automatisch eine Lohnerhöhung erhalten habe, sie sich hingegen über keinerlei Veränderung ihrer Lohnabrechnung erfreuen konnte. Lange her? Erst aus dem letzten Jahrzehnt stammt die Erfahrung der systemischen Ungleichbehandlung der Frau im Beruf einer Bekannten, die eine hohe Kaderposition in einer kantonalen Verwaltung antrat und sogleich unangenehm auffallen musste, weil ihr der eklatante Lohnunterschied zu ihrem Vorgänger bekannt war und sie auf Egalisierung pochte und darauf die beschwichtigend gedachten Worte zu hören bekam: «Eine solch grosse Lohnerhöhung auf einmal ist überhaupt nicht vorgesehen.» Auf die innerlich kopfschüttelnde Frage danach, worauf sich ein solch praktiziertes, also gefühltes Recht zur Ungleichbehandlung (vulgo Diskriminierung) überhaupt zu stützen behauptet, helfen Ausstellung wie Originalwerk von Iris von Roten (1917 – 1990) ungemein, weil sie die Perspektive des Umkehrschlusses ermöglichen: Was ist eigentlich das männliche Selbstverständnis? Und inwieweit vermochte dieses in den 63 Jahren seit Buch­erscheinen erschüttert werden?

 

«Sie haben provoziert»

Nach der integralen Wiedergabe des Erfahrungsberichts einer polizeilichen Intervention «zum Schutz der Öffentlichkeit», weil sich Iris von Roten erdreistete, nachts alleine in den Zürcher Strassen unterwegs zu sein, rekapitulieren vier Schauspielerinnen in vier Filmsequenzen, welche «Mädchen-, Töchter-, Fräulein- und Schwesternberufe» weshalb vermeintlich der «ureigensten Natur der Frau» entsprechen, ergo überhaupt für die Ausübung durch die Frau infrage kommen. Aktuell sehr lehrreich bezüglich der Forderungen aus Pflege- und Lehrberufen. Der zentrale Raum im Erdgeschoss ist Mädchenzimmerrosa tapeziert. Erst mal irritierend, wird aus dem vermeintlich verniedlichenden Kitsch bei nachmaliger Betrachtung das stolze Trotzdemmanifest, wie es die Grrlism-Bewegung in den 1990er-Jahren exemplarisch vorexerziert hat: Anpassende Unterordnung ist nicht Emanzipiertheit. Der Respekt ist unverhandelbar. Also kann frau sich auch spielerisch inszenieren. Mit Reizen. Mit Intellekt. Mit Machtlust. In der Raummitte liegt das Originalmanuskript hinter Glas. Nicht fein säuberlich zur ewigen Ruhe gebettet gestapelt, sondern vielmehr wie eine Arbeitsgrundlage, derer sich konstant neu bedient wird. Daraus schlagen Blitze, die den Blick an die Wände leiten, wo Iris von Rotens Themen Liebe (und Sexualität), Haushalt und Mutterschaft wie anklagende Leitsätze prangen. Unterbrochen durch sarkastisch anmutende Verfremdungen von Sprechblasen in Comics und Künstlerinnenstatements, wie der Adaption des Gewerkschaftskampfrufes «strike, while the iron’s hot» durch Betty Warrior 1975, das ein Hemd verkokelndes Bügeleisen zeigt.

 

«Gottlosigkeit»

Der erste Stock ist der Vita, einem unveröffentlichten Kapitel über Mode und Kleidung, einer Tafelrunde mit 13 Komplizinnen und vor allem der damaligen Rezeption auf «Frauen im Laufgitter» gewidmet. Ein mit «–n.» signierter Artikel im (Berner) ‹Oberländer Tagblatt›, der in der Folge in mehr als einem Dutzend Zeitungen zweitverwertet worden war, feuert gegenüber Iris von Rotens Werk mit dem Vorwurf der «Gottlosigkeit» die grösstmöglich denkbare Breitseite ab. Nicht ohne ihr zuvor ihre Stringenz und Logik wie Honig um den Mund zu schmieren, die aber, da sie einem «schiefen Bild» entspringt, natürlich auch zu einem «völlig unbegreiflichen» Schluss führt. Aus dem Privatnachlass in persönlichen Zuschriften sind auch diame­tral gegenläufige Kommentare ausgestellt, die ihr dafür danken, dass endlich jemand sagt, «wie es ist». Zu einem runden, harmonischen Abschluss kann diese Ausstellung nicht gelangen, weil – wie es Katja Brunner in ihrer Rede zum 50. Jahrestag der Einführung des Frauenstimmrechts (auf der Strauhof-Website) wiederholt betont: «Diese Geschichte ist noch nicht zu ende erzählt.» Frappant ist, wie augenscheinlich die Verwandtschaft in Gedanken von damals mit denen des heutigen Kreuzzuges (rechts-)bürgerlicher Kreise gegen einen sogenannten Genderterror werden. Wenn das mal kein Anlass ist, die paar hundert Seiten des Originals zu lesen…

 

«Iris von Roten: Frauen im Laufgitter», Ausstellung im Strauhof, Zürich, bis 2. Mai. Reader 12 Franken, Originalwerk im eFeF-Verlag 30 Franken. www.strauhof.ch

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