«Macht ohne Ohnmacht gibt es nicht»

Wer heute reich an Jahren ist, blickt zurück auf ein ausgefülltes Arbeits- und Familienleben, auf politisches Engagement, auf interessante Begegnungen. Aus diesem Reservoir an spannenden Geschichten möchten wir schöpfen, und zwar im Rahmen einer lockeren Reihe von Porträts älterer Menschen: «Ein Blick zurück mit…» Dieses Mal mit David Winizki.

 

 

aufgezeichnet von Milad Al-Rafu

 

Den linken Kompass hätten ihm seine Eltern mitgegeben», erklärt David Winizki: Vor allem der Sinn für Gerechtigkeit seiner Mutter habe in Zeit seines Lebens geprägt. «Sie war eine starke Frau und unter anderem an der Gründung der Partei der Arbeit (PdA) in Zürich beteiligt.» Auch der Vater war dort Mitglied. «Das politische Engagement meiner Eltern beschränkte sich jedoch auf die Tätigkeit in der Partei.» Ihm selbst wurde geraten, Bücher der PdA-Buchhandlung immer bar zu bezahlen und mit ihr nicht zu telefonieren: «Meine Eltern befürchteten, ich würde ins Visier der Polizei geraten.» Zu einem Ficheneintrag hat es später trotzdem gereicht, als die Mutter unvorsichtigerweise am Telefon von der Teilnahme ihres Sohnes an einer Versammlung der «fortschrittlichen Studentenschaft Zürich» erzählte.

 

Geboren ist David Winizki 1948 im Kanton Zürich. Neben der parteipolitischen Aktivität der Eltern nahm die von seinem Grossvater gegründete Textilfabrik eine wichtige Rolle in seiner Familie ein: Als der Vater die Fabrik übernahm, bedeutete dies zwar den gesellschaftlichen Aufstieg. «Mein Vater trat als Konsequenz jedoch aus der PdA aus. Er konnte seine neue Rolle als Fabrikbesitzer nicht mit seiner Parteizugehörigkeit vereinbaren.» Im Gegenzug zeigte sich beim späteren Konkurs der Fabrik, wie schnell der soziale Abstieg vonstatten gehen kann. Winizki beschreibt diese Erfahrung als prägend: «Eine Beschäftigung, die ein sicheres Einkommen ermöglicht, war fortan von grosser Bedeutung für mich.»

 

Das politische Erwachen
Seine aktivistische Ader entdeckte er während seines Medizinstudiums, als er zufälligerweise trotzkistische Studenten kennenlernte, mit denen er dann auch zusammenzog: «Mit meinen Mitbewohnern nahm ich jeweils am ersten Mai teil und war auch sonst politisch aktiv.» Es sei eine schöne Zeit gewesen: «Das Geld wurde in der WG unter den Mitbewohnern gleichmässig aufgeteilt – wenn man mal knapp bei Kasse war, haben sich alle einen Job besorgt.» Zu dieser Zeit lernte er auch seine zukünftige Frau kennen: Nach der Geburt seines Sohnes kümmerte er sich während knapp einem Jahr zu Hause um ihn. Auch in dieser Rolle trat sein energisches Wesen zum Vorschein: «Ich gründete eine Spielgruppe im Kreis 5, die heute noch existiert.»

 

Am Ende seines Studiums entschied sich David Winizki, zusammen mit einem Kollegen eine Hausarztpraxis zu eröffnen: «Unter uns Linken war der Beruf des Hausarztes aufgrund der Volksnähe sehr hoch angesehen – anders als bei den Ärzten selbst.» Aufgrund der offenen Drogenszene entschloss er sich rasch dazu, Methadonpatienten zu behandeln. Der Umgang mit Suchtkranken sollte Winizki noch für längere Zeit beschäftigen – nicht zuletzt als Mitinitiant der nationalen Drogenlegalisierungsinitiative «Droleg». Auch Abtreibungen führte er durch: Seine Frau war als Pflegefachfrau und Therapeutin im neu gegründeten Frauenambulatorium tätig – damals dem einzigen Ort, wo Abtreibungen von Frauen vorgenommen wurden. Dadurch sei er für das Thema sensibilisiert worden: «Ich habe mir stets sehr viel Mühe gegeben, die Frauen durch den Prozess zu führen, ohne dass sie einen psychischen Schaden nahmen.» Als Mitglied des VPOD und der «Vereinigung Unabhängiger ÄrztInnen» setzt er sich ausserdem seit rund 40 Jahren unter anderem für eine Einheitskasse und gegen die Privatisierung im Gesundheitswesen ein.

 

Ohne Papiere
Zufall war es auch, wie eine knapp fünfmonatige Reise durch Südamerika seine berufliche Zukunft prägen sollte: Noch vor seinem Studium durchquerte er von Kolumbien Richtung Feuerland den Kontinent – ganz im Geiste von Che Guevara, aber in entgegengesetzter Richtung. Dabei durfte er unter anderem das sozialistische Chile unter Salvador Allende kennenlernen, ein Jahr bevor dieser gestürzt wurde: «Ich verspüre immer noch Gänsehaut, wenn ich an diese Zeit denke.» Seine dort erworbenen Spanischkenntnisse machten ihn zwanzig Jahre später ausserdem zum Arzt der Sans-Papiers in Zürich. Vor allem südamerikanische Frauen ohne Aufenthaltstitel fanden den Weg zu ihm: «Während fünfzehn Jahren behandelte ich einen Sans-Papiers pro Tag.» Er verlangte dabei jeweils eine reduzierte Pauschale von 50 Franken – wobei von Medikamenten zu Laboruntersuchungen bis zum Ultraschall alles inbegriffen war. «Ich musste deshalb mein Stundenpensum erhöhen.» Er legte dabei immer Wert da­rauf, seinen Patienten auf Augenhöhe zu begegnen: «Macht gibt es nicht ohne Ohnmacht. Ich war mir des Missbrauchspotenzials meiner Position immer bewusst.»

 

Doch nicht nur als Hausarzt, sondern auch auf politischer Ebene setze er sich für die Rechte der Sans-Papiers ein: Er war für die Gründung der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich mitverantwortlich, und mit Hilfe der «Médecins sans frontières» auch massgeblich am Aufbau der «Meditrina» beteiligt – einer medizinischen Poliklinik, die Personen mit erschwertem Zugang zur Gesundheitsversorgung behandelt. Ausserdem machte er sich als Mitglied der AL stark für eine Übernahme der Gesundheitskosten von Sans-Papiers durch die Stadt: «Dass Sans-Papiers um medizinische Versorgung betteln müssen, ist schlicht demütigend.» Hoffnungsvoll erklärt er, dass man diesem Ziel endlich ein gutes Stück näher gekommen ist: Eine dringliche Motion der AL, die ebendiese Thematik behandelt, wurde dem Stadtrat letzten Sommer überwiesen.

 

Seit drei Jahren ist David Winizki pensioniert. Ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht: Für die AL kandidiert er für die kommenden Kantonsratswahlen. Bezeichnend für sein Leben lautet sein Wahlslogan: «Je kleiner der Unterschied zwischen Arm und Reich, desto friedlicher ist eine Gesellschaft und desto gesünder sind ihre Mitglieder».

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