Lutherjahr. Tischrede

«Her mit dem Zinnbecher! Käthe, geliebtes Weib, bring mir einen Halben, ich vertrockne. Und du, verlauster Schreibknecht, gütiger Himmel, wer hat dir denn gesagt, dass du schon loskritzeln sollst? Erst wenn ich Weisheit absondere, erst, wenn ich für die Ewigkeit spreche, dann hast du gefälligst zu schreiben, und dass du mir keinen Buchstaben auslässt, denn die Buchstaben sind Kinder Gottes, am Anfang war das Wort, und auch du elendiger Legastheniker hast dich daran zu halten. Drum iss, was gar ist, trink, was klar ist, schreib, was wahr ist!

 
Upps. Ein Wind. Grässliche Dinger, aber das kommt vom Kohl und von Herzen. Denn aus einem verzagten Arsch kömmt kein fröhlicher Furz, merkt euch das! Aber heute, meine Lieben im Herrn, will ich von der Politik sprechen, nicht vom Darm. Von der Faktischen und von der Postfaktischen. Denn kein Irrtum ist so gross, der nicht seinen Zuhörer hat. Und ihr wisst ja: Man braucht sieben Lügen, um eine zu bestätigen. Die Politiker, so hört mich an, sind grossartige Menschen vor dem Herrn. Sie reden viel, ganz nach dem Motto: Tritt fest auf, mach‘s Maul auf, hör bald auf. Gut, den letzten Teil haben nicht alle begriffen. Wie oft hab ich gesagt, ihr könnt predigen, über was ihr wollt, aber predigt niemals über vierzig Minuten. S’ ist ein Fluch, vor allem, seitdem sie nicht mehr an biblische Fakten gebunden sind. Der Bauch hat Oberhand, aber der Bauch hat keine Ohren. Und so plappert es oben heraus, was immer kommen mag. Es ist die grösste Torheit, mit vielen Worten nichts sagen. Aber, nun ja, es sind auch nur Menschen. Und sie tun wie jedermann, der da schneidet gern die Bretter da, wo sie am dünnsten sind. Denn nur, damit ihr’s wisst: Das mit dem Dickbrett ist von mir. Der Weber Max hat’s geklaut.

 
Die Leute wollen nicht fromm werden, spricht Gott; so muss ich den Teufel an sie schicken, der sie plagt mit dem Gesetze. Aber ich sage euch: Den Teufel braucht’s gar nicht, wir haben ja die Bürgerlichen. Die erledigen das besser, denn: Guter Jurist, böser Christ. Und wie sie jetzt wieder weibeln mit ihren «Werten»! Ich werd’ wuschig, wenn ich nur schon an sie denke, und der erste Zorn ist immer der beste, wie ihr wisst. Für Heuchelei gibt’s Geld genug, Wahrheit geht betteln. Haben sie einmal in ihrem lausigen Leben sich gegen die Waffenausfuhr oder die vermaledeite Reisläuferei gewendet? Ist die Todsünde ihrer Hartherzigkeit, wenn es um Flüchtlinge geht, neuerdings ein Wert? Meinen sie, ins Himmelreich zu kommen, indem sie den Kaiser kaputtsparen? Wahrlich, ich aber sage euch: Ein Heuchler ist nicht nur der Pfaffe in Rom, der sich Papst nennt, sondern auch seine Christlichdemokraten und all das andere bürgerliche Pack. Und erst die Bauern! Grässliches Volk. Nehmen meine zarten Ansätze von Revolution auch noch ernst. Bekommen den Hals nicht voll. Wollen Gleichberechtigung, Freiheit, Subventionen gar! Wo soll das enden? Geld kann den Hunger nicht stillen, sondern ist im Gegenteil der Grund für Hunger. Denn wo reiche Leute sind, da ist alles teuer. Das schändlichste Laster ist der Ehrgeiz. Das ist wie beim Vögeln: In der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr. Das reicht.

 
Geliebte in Christo! Nun wollen wir aber die Tafel aufheben. Denn heisst es nicht: Behalt den Kragen warm, füll nicht zu sehr den Darm? Eben. Eines guten Redners Amt oder Zeichen ist, dass er aufhöre, wenn man ihn am liebsten höret. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen…upps. Der Kohl.»

 
Getreulich aufgezeichnet von:
Markus Kunz

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