- Gedanken zur Woche
Lohnt sich ein WM-Boykott?
Von der letzten Fussballweltmeisterschaft der Männer habe ich keine einzige Minute geschaut. Dabei nutze ich sonst jede Gelegenheit, um Fussball zu sehen. Doch dass die Fifa das Turnier an den Austragungsort Katar vergab, die unzähligen Gastarbeiter:innen, die beim Bau der Stadien verstorben sind, die Nichteinhaltung der Menschenrechte: Unter diesen Umständen hielt ich es für nicht zu rechtfertigen, diesen Anlass auch nur schon vor dem Fernseher zu verfolgen. Selbst als ich während des Finalspiels die Push-Meldung bekam, dass das Spiel nach einem verrückten Spielverlauf in die Verlängerung geht, schaffte ich es, mich von einem Klick abzuhalten.
Nun findet im nächsten Jahr die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko statt und wieder stellt sich die Frage: Kann und soll ich einen solchen Anlass unterstützen? In den USA werden aktuell Menschen entführt und ausgeschafft, es gibt stichhaltige Beweise, dass das Land Kriegsverbrechen begeht, und an der Spitze sitzt ein Autokrat, den die Fifa mit einem extra für ihn geschaffenen Friedenspreis geehrt hat. Wenn ich also Weltmeisterschaften, die in autoritären Staaten durchgeführt werden, nicht mehr verfolge, dann müsste ich das richtigerweise auch im nächsten Jahr tun und mir höchstens jene Spiele ansehen, die in Mexiko oder Kanada stattfinden. Nur finden leider sämtliche Spiele ab den Viertelfinals ausschliesslich in den USA statt. Von den Gruppenspielen der Schweizer Nationalmannschaft werden zwei von drei in den USA ausgetragen.
Über den Sinn und die Wirksamkeit eines solchen Boykotts kann diskutiert werden. Alleine das Finalspiel in Katar sollen laut der Fifa weltweit etwa 1,5 Milliarden Menschen verfolgt haben, in der Schweiz schauten sich über 1,3 Millionen Menschen das 1:6-Ausscheiden gegen Portugal im Achtelfinal am Fernseher an. Angesichts dieser Popularität kommt es auf einzelne Zuschauer:innen nun wirklich nicht an und die Auswirkungen eines Boykotts sind für die Fifa nicht wirklich spürbar. Vor allem wird mit solchen Turnieren oftmals ein neuer Markt erschlossen, der dann vermehrt die Spiele verfolgt. Nur leider ist ein Argument, das nur darauf beruht, dass andere Menschen Missstände ebenfalls akzeptieren, nicht wirklich stichfest. So liesse sich jede schlechte Tat damit rechtfertigen, dass jemand anderes diese ebenfalls einmal begangen hat.
Damit ein Boykott wirkt, müsste er aber immerhin am richtigen Ort ansetzen. Das kann man bei der nächsten WM durchaus bezweifeln. Wenn ich das Turnier in den USA nicht schaue, wird sich die Migrationspolitik der USA nicht verändern, das politische System wird nicht reformiert und auch die Angriffe auf andere Staaten werden nicht aufhören. Dass Trump von der Weltmeisterschaft politisch von der WM profitieren wird, bezweifle ich. Die Fifa, die dafür verantwortlich ist, dass die Weltmeisterschaften jeweils in autokratisch regierten Ländern stattfinden, scheint in absehbarer Zukunft auch nicht von dieser Praxis abzuweichen. So wurde die WM 2030 an Marokko, Spanien und Portugal vergeben, wobei zusätzlich noch je ein Spiel in Uruguay, Paraguay und Argentinien ausgetragen wird. Mit dieser einzigartigen Vergabe (noch nie fand eine Weltmeisterschaft auf drei Kontinenten statt) kamen aufgrund des Rotationsprinzips der Austragungsorte nur noch Länder aus Ozeanien und Asien für die WM 2034 infrage. Am Ende war Saudi-Arabien das einzige Land, das sich für die Austragung bewarb, und wurde so zum Austragungsort für die übernächste Weltmeisterschaft.
Eine Weltmeisterschaft ohne Beigeschmack wird es also frühestens in dreizehn Jahren geben. Und auch vor der Weltmeisterschaft in Katar gab es zahlreiche strittige WM-Vergaben. Bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien kamen beim Bau der Stadien ebenfalls Bauarbeiter ums Leben, zehntausende Menschen wurden für die neuen Stadien umgesiedelt und wurden dadurch teilweise obdachlos. Vier Jahre später fand das Turnier in Russland statt, das vier Jahre zuvor die Krim annektiert hatte, und ich schaute mir trotzdem beinahe jedes Spiel an. Austragungsorte, die sich in der Vorbereitung und der Durchführung an demokratische Prinzipien halten, haben meist wenig Interesse, ein solches Turnier zu veranstalten. Schliesslich muss man dafür Milliarden an Steuergeldern ausgeben, ohne davon nachhaltig zu profitieren. Meist bleiben die Länder auf übergrossen Stadien sitzen, wie im brasilianischen Manaus, wo ein Stadion mit 44 000 Plätzen gebaut wurde, in dem nun der Viertligist Nacional Futebol Clube seine Heimspiele austrägt. Die grösste Gewinnerin der Weltmeisterschaften ist jeweils die Fifa, die dann ihre Milliarden an die Fussballverbände verteilt, die somit auch kein Interesse an einer Abkehr vom aktuellen Weg haben. Wie weiter also?
Die Frage lässt sich für mich nicht einfach beantworten. Klar steht die Fifa für alles, was ich am modernen Fussball ablehne. Bei der nächsten Weltmeisterschaft sollen sogar zwei Trinkpausen als kurze Werbeunterbrechungen dienen und jede Möglichkeit, Geld zu verdienen wird schamlos ausgenutzt. Andererseits werde ich wohl auch auf gewisse andere Dinge aus den USA nicht verzichten können. Mein Handy und mein Laptop sind amerikanische Produkte und auch amerikanische Serien oder Musik konsumiere ich regelmässig. Warum also die Grenze bei einem Fussballturnier ziehen?
Der Fussball kann nichts dafür, wie er von der Fifa behandelt wird, wie ihn autoritäre Männer als Machtinstrument nutzen, und ich selbst habe nicht im Geringsten einen Einfluss darauf, wo eine solche Weltmeisterschaft stattfindet. Zudem ist es eine der letzten Möglichkeiten, die besten Fussballer der Welt auf öffentlich-rechtlichen Sendern zu verfolgen. Sämtliche grossen Klubwettbewerbe werden von privaten Anbietern übertragen. Zudem müsste ich einen solchen Boykott konsequenterweise auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Doch wenn ich nur noch konsumieren würde, was ich vollumfänglich gutheisse, dann könnte ich nur noch bedingt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Schliesslich müsste ich auf fast sämtliche digitale Kommunikationskanäle verzichten.
Vielleicht liegt in meinen Gedanken über einen Boykott auch einfach der Wunsch nach Handlungsfähigkeit. Angesichts der durch und durch tristen Weltlage möchte ich etwas tun, und wenig ist einfacher, als einfach den Fernseher ausgeschaltet zu lassen. So protestiert man quasi mikroaktivistisch gegen die grosse Ungerechtigkeit und spart sich erst noch Zeit, die man dann für weniger naive Freuden einsetzen kann. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich in sechs Monaten mit schlechtem Gewissen spätnachts vor dem Fernseher sitze und schaue, wie Tunesien gegen die Niederlande spielt und ob die WM-Debütanten von der Karibik-Insel Curaçao eine Chance gegen die Elfenbeinküste haben.