«Lohn, Gleichstellung, Migrationspolitik– meine wichtigsten Themen»

Seit Mitte Mai ist Lorenz Keller Präsident des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich. Was er von seinem Vorgänger Markus Bischoff übernimmt und wo er neue Pflöcke einschlagen will, erklärt der 40-jährige Co-Leiter der Unia Zürich-Schaffhausen im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sie sind neuer Präsident des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich GBKZ. Die Stabsübergabe Ihres Vorgängers Markus Bischoff an Sie ging ausgesprochen geräuschlos über die Bühne…

Lorenz Keller: Markus Bischoff hat bereits vor zwei Jahren erklärt, mit dem Erreichen des Pensionsalters werde er das Amt als Präsident abgeben. Entsprechend konnten wir die Frage danach, wer übernehmen sollte, in Ruhe klären. An unserer Delegiertenversammlung vom 11. Mai war es dann soweit. 

 

Sie arbeiten seit zehn Jahren bei der Unia. ‹Schuld› daran, dass Sie 2016 als interimistischer Leiter der Unia Zürich-Schaffhausen anfingen und heute deren Co-Leiter sind, ist der unfreiwillige Abgang des früheren Leiters Roman Burger, der wegen sexueller Belästigung gehen musste. Hat sich Ihr damaliges Einspringen positiv auf Ihre Bewerbung fürs Amt des Präsidenten ausgewirkt?

Für den Vorstand war insbesondere klar, dass nur jemand mit einem starken Gewerkschaftszugang Präsident beziehungsweise Präsidentin werden sollte: Der GBKZ ist der Ort, an dem die GewerkschafterInnen zusammenkommen. Der GBKZ-Präsident sitzt aber vor allem an der Schnittstelle zwischen Gewerkschaften und Politik und muss sich in beiden Welten gut einbringen können.

 

Für letzteres muss Markus Bischoff als AL-Kantonsrat die ideale Besetzung gewesen sein – Sie jedoch haben kein politisches Amt.

Ich bin nicht aktiv in der Politik, dafür näher an der Gewerkschaftsarbeit, gehöre ich doch dem Vorstand des GBKZ seit fast zehn Jahren an. Als Präsident bin ich sehr gerne verantwortlich dafür, den Austausch mit der Politik zu pflegen, und als ehemaliger Leiter Kommunikation der Unia verfüge ich obendrein über die nötigen Kontakte zu den Medien. Ein politisches Amt war zudem nicht Bedingung, um sich fürs Präsidium zu bewerben.

 

War es eher förderlich oder hinderlich, dass Sie von der Unia kommen, der grössten Gewerkschaft innerhalb des GBKZ? Oder steht schon fest, dass im GBKZ künftig die Unia das Geschehen dominieren wird?

Nicht zuletzt wegen ihrer Grösse finde ich es richtig, wenn die Unia auch Verantwortung übernmimt. Ich habe bereits in der Vergangenheit regelmässig mit dem GBKZ zusammengearbeitet und funktioniere mit dem GBKZ-Sekretär Björn Resener gut im Team. Bei der Kampagne gegen Sonntagsarbeit oder Lohndumping  beispielsweise bildete der GBKZ den politischen Flügel, während die Unia für die gewerkschaftliche Arbeit vor Ort zuständig war. Als Präsident steht für mich eine gute Zusammenarbeit mit allen Verbänden, mit den GewerkschaftssekretärInnen, aber auch mit der Politik im Vordergrund, kurz: Als Präsident bin ich für alle da. Wir haben Verbände, zu denen viele Angestellte gehören und solche mit bloss einer wie Kapers. Die einzelnen Gewerkschaften haben sehr unterschiedliche Interessen, aber dasselbe Ziel, nämlich möglichst gute Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder. Ich will deshalb zuerst einmal herausfinden, wer welche Wünsche und Ansprüche an den GBKZ hat.

 

Einst machte die Unia Schlagzeilen, weil sie sich um die Trämler­Innen der VBZ kümmerte – und sich damit in ein Tätigkeitsgebiet des VPOD einmischte. Dann ‹graste› die Unia in der Pflege, und jüngst befasste sie sich mit den DPD-Kurieren, mit denen zuvor Syndicom zu tun gehabt hatte: Was unternehmen Sie gegen solch inner-gewerkschaftlichen Knatsch?

Dagegen muss ich nichts unternehmen, denn Fälle wie jener um die VBZ sind schon Jahre her. Die Zuständigkeiten sind klar geregelt: Bei der Pflege ist der VPOD für das Personal im öffentlichen Bereich zuständig, die Unia hat ihren Fokus auf die private Langzeitpflege. Auch bei der DPD sind die Zuständigkeiten klar. Und vor allem: Der Druck auf die Arbeitsbedingungen ist riesig, egal in welcher Branche. Die Arbeitnehmenden brauchen starke Gewerkschaften und einen geeinten Bund, der mit ihnen für gute Arbeitsbedingungen kämpft und sich nicht mit sich selbst beschäftigt. 

 

Als Markus Bischoff das Präsidium vor acht Jahren übernommen hat, war der GBKZ vor allem wegen internen Problemen in den Schlagzeilen: Gibt es aus jener Zeit eigentlich noch Leichen im Keller?

Nein, zum Glück nicht. Als ich vor rund zehn Jahren Vorstandsmitglied des GBZK wurde, war die Stimmung unter den dort versammelten GewerkschaftsvertreterInnen tatsächlich sehr schlecht. Markus Bischoff ist es gelungen, die Situation zu beruhigen. Seinem Geschick und Gestaltungswillen ist es zu verdanken, dass der Vorstand nach einigen personellen Wechseln heute gut und gern zusammenarbeitet. Dafür bin ich ihm dankbar.

 

An der GBKZ-Spitze folgt ein Mann auf einen Mann: Dass es auch eine Präsidentin hätte sein können, war offenbar kein Thema?

Gleichstellung ist ein zentrales Thema für Gewerkschaften. Das nächste Mal sind wir am 14. Juni auf der Strasse. Ich hätte mich über eine GBKZ-Präsidentin gefreut und fand es schade, dass die Findungskommission von möglichen Kandidatinnen Absagen bekommen hat. Denn strukturell gesehen bin ich als Co-Leiter und Präsident natürlich ein Teil des Problems. Ich bin mir dessen bewusst, und eins der ersten Treffen als Präsident habe ich mit unserer Frauenkommission abgehalten. Politisch stehen die Frauen ebenfalls im Vordergrund: Wir beschäftigen uns zurzeit schwerpunktmässig mit den Mindestlohn-Initiativen in den Städten Zürich, Winterthur und Kloten – und unter den ArbeitnehmerInnen mit tiefen Löhnen ist der Frauenanteil überdurchschnittlich hoch.

 

Was reizt Sie speziell an Ihrem neuen Amt?

Ein neuer Kopf an der Spitze bedeutet aus meiner Sicht, dass es Platz hat für neue Ideen und man Chancen hat, Dinge anders zu machen. Das heisst nicht, dass ich alles Bestehende über den Haufen werfe. Das Engagement am 1. Mai oder für einen Mindestlohn beispielsweise übernehme ich gern von meinem Vorgänger. Die gewerkschaftliche Arbeit und die Anforderungen daran haben sich jedoch in den letzten 20 Jahren stark verändert, und das muss sich auch in der Arbeit des GBKZ widerspiegeln. Beispielsweise die Frage, wie traditionellere Organisationen wie Gewerkschaften gut mit sozialen Bewegungen wie dem Frauenstreik oder dem Klimastreik zusammenarbeiten können.

 

Und worauf könnten Sie verzichten?

Da fällt mir spontan nichts ein, beziehungsweise: Wenn mich etwas total abschreckte, hätte ich nicht als Präsident kandidiert. Ich habe aber auch nicht den Anspruch, plötzlich besser als alle anderen zu wissen, wie der GBKZ funktioniert, nur weil ich jetzt Präsident bin. Lieber rede ich erst mal mit allen und höre mir an, was sie umtreibt und was sie sich wünschen. Schwierig auszuüben würde mein Amt, wenn ich versuchen würde, allen alle Wünsche zu erfüllen – dann wäre am Schluss garantiert niemand zufrieden. Aber das kann ich mir gut verkneifen… (lacht).

 

Stehen organisatorische Änderungen an?

Die einzelnen Verbände organisieren sich natürlich selber. Aber es gibt eine Reihe von Bereichen, in denen alle Verbände ganz Ähnliches machen oder die gleichen Dienstleistungen anbieten, etwa Rechtsberatung für ihre Mitglieder. Und trotzdem gibt es wenig Austausch unter den Verbänden. 

 

In der Privatwirtschaft wäre das die Übersetzung von «Rechtsberatungen zusammenlegen und dadurch Personal und Kosten einsparen»…

So ist es natürlich nicht gemeint! Das Beispiel geht vielmehr in die Richtung, dass die Menschen, die in den diversen Rechtsberatungen arbeiten, unterschiedliche Erfahrungen und teilweise sicher auch unterschiedliche Spezialgebiete haben. Das gleiche gilt auch für die Arbeit der GewerkschaftssekretärInnen in den Branchen und Betrieben. Es könnte für MitarbeiterInnen, aber vor allem auch für unsere Mitglieder ein Gewinn sein, wenn hier ein Austausch stattfindet; wenn wir von einander lernen können. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein Bedürfnis ist. Sollte ich mich aber täuschen und sollten sie weder Lust noch Zeit dazu haben, dann ist es auch in Ordnung. Ich stelle meine Ideen gern zur Diskussion – und bin gespannt, wie sie aufgenommen werden.

 

Wo setzen Sie politisch Akzente?

Lohn, Gleichstellung, Migrationspolitik, das sind klar die wichtigsten Themen, und fasst man sie alle zusammen, landet man bei unserer aktuellen Mindestlohnkampagne: Es sind bekanntlich immer noch hauptsächlich Frauen und MigrantInnen, die unter miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen leiden. Gerade im Tieflohnbereich hat es noch viel Luft nach oben: Wer für Löhne von weniger als 23 Franken pro Stunde arbeiten muss, kann dadurch in eine krasse Parallelgesellschaft abgedrängt werden. Ich meine die Welt jener Menschen, die wirklich jeden Rappen umdrehen müssen und denen schon kleine zusätzliche Auslagen finanziell das Genick brechen können. Verschiedene unserer Gewerkschaften sind aber nah dran an diesen Menschen, und wir vom GBKZ sind mit allen im Gespräch.

 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie bis jetzt auf die Gewerkschaftsarbeit gehabt?

Die Pandemie hat die grossen Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen im Kanton Zürich sehr deutlich aufgezeigt: Während der ersten Welle gingen viele Angestellte aus ihren Büros ins Homeoffice. Sie konnten sich gut schützen, und ihre Jobs waren mehrheitlich nicht in Gefahr. Aber die Läden mit den Gütern des täglichen Bedarfs waren offen, die Baustellen ebenso, und in der Pflege herrschte Hochbetrieb. Viele Beschäftigte mussten deshalb weiterhin mit dem Tram zur Arbeit fahren, ihre oft zuvor schon schwierigen Arbeitsbedingungen verschlechterten sich zusätzlich, und die Kurzarbeit brachte nicht Wenige in existenzielle Nöte: Wenn es sich von einem 100-Prozent-Lohn kaum leben lässt, ist es mit 80 Prozent davon schlicht nicht mehr zu schaffen.

 

Das war doch bereits vor Corona so.

Natürlich sind diese Probleme nicht neu. Doch nun treten sie klarer zutage als je zuvor. Wir setzen uns dafür ein, dass die Kurzarbeit im Tieflohnbereich auch in Zukunft zu 100 Prozent entlöhnt wird, dass die Schutzkonzepte in den Betrieben durchgesetzt werden und dass bei Konkursen die Belegschaft nicht vergessen wird. Hier ist die Zusammenarbeit mit der Politik gefragt. Gerade weil Politik aber sehr oft von denen gemacht wird, die eben ins Homeoffice konnten, ist es wichtig, dass wir uns einbringen. In Gesprächen habe ich immer wieder gemerkt, dass die Welt derjenigen, die nur 80 Prozent der Kurzarbeit bekommen oder auch bei ungenügenden Schutzkonzepten arbeiten mussten, eher aus den Medien als aus der Nähe bekannt ist. 

 

Kommen wir zum Schluss: Das Rahmenabkommen mit der EU ist gescheitert. Daran sollen auch die Gewerkschaften schuld sein, weil sie bezüglich der flankierenden Massnahmen zum Lohnschutz derart auf stur geschaltet hätten. Ihr Kommentar?

Die flankierenden Massnahmen sind eine riesige Errungenschaft, um unsere Löhne zu schützen. Mit «unsere Löhne» meine ich übrigens explizit die Löhne von allen, die hier bei uns arbeiten. Egal woher sie kommen. Natürlich ist dieses System nicht perfekt. Wir haben immer wieder gesagt, dass es im Alltag viele Probleme gibt. Es gibt praktisch keine Baustelle, auf der nicht getrickst wird und wir müssten eigentlich noch viel mehr kontrollieren und die Bussen müssten viel höher sein. So gesehen versuchen wir oft, bildlich gesprochen, mit Wasserpistolen Grossbrände zu löschen. Und trotzdem: Immerhin haben wir das. Diesen Lohnschutz in irgend einer Weise aufs Spiel zu setzen würde bedeuten, dass wir uns auch noch die Wasserpistole wegnehmen liessen. Für mich ist und war der Fall klar: Es braucht mehr Lohnschutz, nicht weniger. 

 

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