Locker ins Wahlgetümmel

Kurz vor dem Wahlsonntag ist es höchste Zeit, den Wahlkampf Revue passieren zu lassen. Nach geschlagener Schlacht macht es bekanntlich nicht mehr halb so viel Spass: Über den angeblich misslungenen Wahlkampf jener zu lästern, die verloren haben, ist doch eher billig, unkritisches Loben auf der anderen Seite auch. Denn, mal ehrlich: Welchen Anteil die Wahlkampfstrategie am eigenen Erfolg oder Misserfolg hat und was eher aufs Konto «Pleiten, Pech und Pannen der anderen» geht, lässt sich nicht immer so sauber trennen, wie man es im Nachhinein gerne glauben würde. Es ist wie im Fussball: Gewinnt die Mannschaft das erste Spiel, in dem ein hochgelobter neuer Goalie mittut, dann ist er super, verliert sie, ist er der Depp – unabhängig davon, wie das Ganze bei nüchterner Betrachtung aussähe. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück, bevor das Resultat feststeht.

 

Zu den ‹Bhaltis›, welche die Parteien verteilten, hat Urs Bühler in der NZZ bereits treffend zusammengefasst, was es darüber zu schreiben gibt. Deshalb hier nur zwei Ergänzungen: Die grünen Quietschentchen der Grünliberalen sind «Made in China», aus Plastik, quietschen nicht – und man darf sie nicht mal einem kleinen Kind schenken, das vielleicht Freude dran hätte. Denn auf den Entchenboden aufgedruckt ist folgende Warnung: «Achtung: Nicht geeignet für Kinder unter 10 Monaten. Verletzungsgefahr im Rachenraum.» Was ist der Witz an dieser Werbung für grün & liberal? Ich habe es leider nicht herausgefunden. Klar ist dafür der Fall der Papiertaschentücher der Top 5: Ihre Politik ist schon vor dem Wahltag zum Heulen. Passt.

 

Was an Top 5 allerdings viel mehr ins Auge sticht als die Nastüechli, ist die Diskrepanz zwischen den Teppichetagen der drei Parteien und deren Fussvolk. Erstere scheinen sich gut zu verstehen und auch gut zusammenzuarbeiten. Das Fussvolk jedoch hat, mindestens den Umfragen zufolge, wenig Lust, die Mitglieder der jeweils anderen Parteien zu wählen. Gut, linke Frauen werden auch anno 2018 noch in beleidigtem Ton darauf hingewiesen, wenn sie unbedingt mehr Frauen in der Politik wollten, dann müssten sie halt Susanne Brunner von der SVP wählen, «weil sie eine Frau ist». Aber grundsätzlich muss keine und keiner müssen, und bei Wahlen schon gar nicht. Und so lassen wohl doch einige FDP- und CVP-WählerInnen lieber die Finger von den SVP-KandidatInnen. Auf der anderen Seite scheint nur ein Teil der Basis von FDP und SVP den CVP-Kandidaten wählen zu wollen, und viele SVP-Mitglieder wählen nach wie vor am liebsten nur die eigenen KandidatInnen. Das war allerdings auch schon bei früheren Wahlen der Fall. Erstaunlich ist denn auch eher die Tatsache, dass sich ausgerechnet FDP, SVP und CVP zu besagtem Bündnis zusammentaten. Ein Zusammengehen von FDP, CVP und GLP wäre logischer gewesen, schaut man sich die Politik an, die diese Parteien in Gemeinde- und Kantonsrat machen – und vor allem in Bezug auf die für Zürich wichtigen Bilateralen.

 

Eine Einschränkung gibt es allerdings: Die CVP hat in letzter Zeit immer mal wieder versucht, die SVP rechts zu überholen. Ob das ihre Basis goutiert, bleibe dahingestellt. Aber ich frage mich schon, warum sich ihr Stadtratskandidat Markus Hungerbühler nicht wenigstens als moderner Mann mit Mann und Kind präsentiert hat, statt sich darauf zu versteifen, das besetzte Koch-Areal als das grösste Problem dieser Stadt zu bezeichnen und den ‹harten Hund› zu geben, der dort endlich aufräumen würde. Gut möglich, dass die CVP mit Nicole Barandun besser gefahren wäre: Sie hätte sich den bürgerlichen WählerInnen als Gewerbeverbandspräsidentin ebenso anpreisen können wie als ehemalige Kantonsrätin oder als Mutter dreier Kinder. Wie auch immer: Bald wissen wir, ob es die CVP überhaupt noch in den Gemeinderat schafft. Bei den letzten Wahlen hat sie die Fünf-Prozent-Hürde lediglich in vier Wahlkreisen genommen, am deutlichsten im Kreis 12 – mit doch eher bescheidenen 7,5 Prozent.

 

Trotz allem ein Lob verdient hat das Werbebüro der FDP: Sein Spruch vom «Gestalten statt Verwalten» hat sich zum geflügelten Wort entwickelt, das schon fast dieselbe Zitierhäufigkeit erreicht hat wie seinerzeit die Kampagen der SP mit «für Alle statt für Wenige». Die Leistung des FDP-Spruchs liegt allerdings hauptsächlich darin, dass er es schafft, das Bild einer Stadt, die bestens funktioniert, ins Negative zu kehren. Wie viele Menschen, wie viele Firmen wären heilfroh, wenn ihr Alltag nur schon «gut verwaltet» wäre? Wie mühsam wäre umgekehrt das Leben, wenn man wegen jedem kleinen Detail durch den Verwaltungsdschungel rennen und ewig warten müsste, bis ein hundsgewöhnliches Anliegen entgegengenommen und bearbeitet würde?

 

Aber nein, in Zürich ist bekanntlich alles verboten, was auch nur entfernt an nullachtfünfzehn erinnert. Wir sind keine Bünzli! Bei uns empört man sich darüber, dass alles bestens funktioniert, im Fall! Denn was ist das gute Funktionieren schon? Gar nichts! Funktionieren kann doch jeder, der sich ein bisschen anstrengt. Das würde wahrscheinlich sogar die FDP hinbekommen. Und deshalb fordert sie mehr: Hier soll die Post abgehen. Hier will die FDP «gestalten»! Man darf gespannt sein, wie das herauskommt, mit maximal zwei Mitgliedern im neunköpfigen Stadtrat. Und hoffen, dass die Stadt trotzdem weiterfunktioniert. Von einer guten Verwaltung profitieren schliesslich immer noch alle ZürcherInnen, während das «Gestalten» vor allem den Wenigen etwas bringt, die sich als FDP-PolitikerInnen damit profilieren – und natürlich ihrem Werbebüro.

 

Womit sich zum Schluss ein Blick auf die Inhalte der Wahlkampagnen anbietet. Der ist allerdings schnell geworfen: Am ehesten von Inhalt reden kann man noch beim Wirtschaftspapier der SP und bei der «Innovationsagenda» der Grünliberalen, in der sie sich für sieben statt neun StadträtInnen sowie einen «Digitalisierungsminister» einsetzen. Ansonsten hatten die Grünen die schönsten Plakate, die AL den besten Slogan, und die SozialdemokratInnen telefonierten unermüdlich ihren WählerInnen und solchen, die es vielleicht noch werden, und ermahnten sie freundlich, wählen zu gehen. Was auf jeden Fall ein guter Tipp ist. Denn auch wenn in Zürich normalerweise eher ein Gewählter als Überzähliger ausscheidet, als dass es einen zweiten Wahlgang gibt – völlig ausgeschlossen ist letzteres Szenario nicht. Und was dann passiert… Wie auch immer: Ich werfe am Sonntag mein Wahlcouvert in die Urne. Sie, so Sie es nicht längst eingeschickt haben, hoffentlich auch.

 

Nicole Soland

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