Bild: Philip Frowein

Liebeswahn

Das Identifikationspotenzial von «Dunkler Frühling» ist gefährlich nahe beim «Werther».

Unica Zürn (1916-1970) schrieb als Letztes vor ihrem eigenen Sprung aus dem Fenster eine Kleinmädchenfantasie über den Nachdruck bei ihrer nächsten Umgebung,  nachdem sie aus dem Fenster gesprungen wäre. Dominic Huber baut eine alles schluckende Abdankungshalle wie aus einer US-amerikanischen Filmkulisse, die akustische Konkurrenz der geflüsterten Sprache und dem Harfenspiel von Marina Mello wird darin teils zur Herausforderung. Challenge Gumbodete als abwesender Vater und Melina Pyschny als Hassfigur der Mutter inszeniert Yana Eva Thönnes wie fremdgesteuerte Schattenfiguren, während sie Claire Vivianne Sobottke als das namenlose Mädchen (u.a.) und David Attenberger als dessen Bruder (u.a.) die Bühne mit einer ausladenden Körperlichkeit erobern und ihre Deutungshoheit über die Erzählung (auch gegen alle sogenannte Vernunft) verteidigen lässt. Was genau dysfunktional im Zusammenhang mit einer Familie genau bedeutet, rückt als Fragestellung weit hinter den triebhaften Sog der Unmittelbarkeit, die teils über der Grenze eines Overacting hinaus unbarmherzig bis zu Ende durchdekliniert wird. Die kindliche Entdeckung der Wolllust, mit Vorliebe in Kombination mit einem Schmerz, wird zur zentralen Dominante für die Mädchenfigur. Das Erkennen oder zumindest Ersehnen einer potenziellen Möglichkeit, via die eigene körperliche Hingabe sämtliche Probleme überwältigen zu können und endlich eine Entspannung zu finden, trifft einen Gemütszustand auf den Kopf. Eine Art Flucht in einen Liebeswahn, der erlittenen körperlichen Missbrauch, emotionale Verwahrlosung und Hochverrat der vermeintlich grössten Schutzverbindung überwinden helfen will und sich bis über jeden Realitätsbezug hinaus steigert und einen Suizid als Höchstgefühl begehrenswert erscheinen lässt. Unica Zürn schreibt so trefflich, dass ein Nachahmungseffekt analog zu Goethes «Werther» als Drohung im Raum stehen bleibt.

«Dunkler Frühling», bis 18.5., Theater Neumarkt, Zürich.

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.