Liebe Swissaid

 

Ich bin ein seriöser Mensch, und daher hatte ich meinen Text für diese Ausgabe schon am Montagabend parat, 24 Stunden zu früh. Wie du dir denken kannst, ging es um die Wahlen vom 18. Oktober, und ich hab, verdammt nochmal, tagelang daran gearbeitet. Aber dann, am Montagabend, fischte ich deinen Brief aus dem Kasten. Zuoberst ein Quote: «Der Klimawandel trifft vor allem die Ärmsten.»

 

Du bittest mich um Spenden für die Klimaflüchtlinge, wie üblich auf raffinierte Weise. Du beschreibst die Auswirkungen eines heissen Sommers auf ein Land wie den Tschad und belehrst mich sachkundig: «Tschad steht auf Platz fünf jener Länder, die durch den Klimawandel am stärksten gefährdet sind.» Und dann, liebe Swissaid, hast du die Chuzpe, mir zu sagen, dass meine Spende dieses Elend lindern könnte. Du schreibst Sätze wie: «Gegen die lebensbedrohlichen Folgen des Klimawandels können Sie etwas tun.»

 

Ja, liebe Swissaid, bei Gott hätten wir etwas dagegen tun können, leider aber nicht erst jetzt, wo die Scheisse bereits am Dampfen ist, sondern in den letzten 20, 30 Jahren, in genau diesen Jahrzehnten, in denen sich ein paar Leute zur Grünen Partei zusammengeschlossen und beschlossen haben, etwas gegen Gefahren wie den Klimawandel zu tun. Aber nicht etwa, indem wir die Folgen mit etwas Geld end-of-pipe-mässig mindern, oh nein, sondern indem wir uns politisch formieren und zusammenraufen und ein Programm formulieren und es einbringen bei den Mächtigen dieser Welt.

 

Was sagen wir Grünen denn seit Jahrzehnten? Hast du uns überhaupt zugehört? Und hast du uns je irgendwie öffentlich unterstützt bei unseren Bemühungen, solche Zustände, wie du sie jetzt im Tschad anprangerst, gar nicht erst geschehen zu lassen? Wo warst du, als wir dich gebraucht hätten? – Nun, du wirst mir jetzt sagen, das sei dir halt nicht möglich gewesen, denn deine SpenderInnen kämen eben nicht nur von den Grünen, und Politik sei eh nicht deine Bühne. Eben.

 

Aber jetzt schreibst du mir einen Brief, nachdem du die einmalige Chance verpasst hast, die politischen Realitäten in diesem Land am 18. Oktober zu beeinflussen, einem Land, das mit seinen protektionistischen Massnahmen wie mit seiner Verherrlichung des Freihandels so viel Unheil anrichtet, auch im Tschad. Wann begreifen du und deine Kumpanen aus der NGO-Szene endlich, dass es nichts nützt, moralisch zu argumentieren, auf Tränendrüsen zu drücken und um Geld zu betteln, solange du an den Machtverhältnissen im «Kopf des Ungeheuers», wie das Che Guevarra nannte, nichts verändern willst, noch nicht mal mit der winzigen und bescheidenen Geste, bei der nationalen Wahl deine Stimme zu erheben? Glaubst du denn ernsthaft, dass du im Tschad etwas ausrichten kannst, solange bei uns die Leute mit dem Geld, das sie dir nicht gespendet haben, ein Zweitauto posten und in den Ferien in die Malediven jetten? Willst du denn bis ans Ende deiner Tage den Mist wegräumen und die Tränen trocknen, die durch eine kreuzfalsche Politik entstanden sind? In der Zeit, in der du Bettelbriefe versendest, hebt sich der Meeresspiegel um einen weiteren Millimeter – und keine Macht der Welt, die das verhindern wollte oder würde. Ja, klar, auch wir Grünen nicht, wir sind klein und herzig. Aber versuchen hättest du es zumindest können, liebe Swissaid.

 

Und weisst du, was mich am meisten fertig macht? Dein Brief an mich ist datiert vom 15. Oktober. Drei lausige Tage, bevor eine Mehrheit des Schweizer Stimmvolkes deine und meine Hoffnungen vernichtet hat, dass wir die Energiewende wenigstens in diesem unserem mickrigen Staat retten könnten. Weisst du, liebe Swissaid, Solidarität ist keine Einbahnstrasse. Du kannst mich schon anbetteln, aber ich erwarte und verlange von dir, dass du und deinesgleichen wissen, wo sie stehen, und Farbe bekennen. Ist das zu viel verlangt?

Stinksauer

Markus Kunz

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