Liebe Jolanda,

Wie geht es dir? Mein Selbstverständnis als Feministin ist zurzeit leider leicht angeknackst: Ein monumentales Schwergewicht, eine Kometin am feministischen Firmament hebt mit ihrer Gravitationskraft alle Diskurse aus den Angeln. Du kennst sie sicher, wir wollen sie MiBi nennen. Ihr avantgardistischer «Mamablog» hat sie zur Journalistin des Jahres gemacht (neu erhältlich in Buchform beim renommierten Verlagshaus Books On Demand). Ihr Handbuch zum weiblichen Seitensprung dringt in unerforschte Tabu-Zonen vor («Zwischen den Beinen der Frauen findet man weniger Stolz als Scham, Schuld und Verleugnung. Und viel Doppelmoral.») Und mit «Macho-Mamas» hat sie den gordischen Knoten der Emanzipation-trotz-Mutterschaft mit einem Hieb zerschlagen. Neid!

 

Der MiBi-Feminismus biedert sich nicht an; er agitiert als subtile Parodie auf das gutschweizerische 08/15-Familien­leben und im Schafspelz mainstreamtauglicher Ratschläge. Das ist die gekonnte Camouflage einer «Edelfeder» mit ihrer nur scheinbar naiven Absage an elitäre Themen. Die Essenz des MiBi-Feminismus ist die akribische Dekonstruktion von Geschlechterstereotypen in einer seltenen Trennschärfe und sprachlichen Brillanz; träfe Sentenzen, die jedermann einleuchten und keine Verankerung in verkopften Theorien beanspruchen: «Frauen werten sich gegenseitig als Schlampen ab, weil sie sich dadurch eine bestimmte soziale Stellung erhoffen, weil andere abzuwerten einen selbst ein bisschen besser macht. Es ist eines der wenigen effizienten Mittel der Machtausübung, und Frauen lernen von klein auf, wie es funktioniert.» 

 

Der MiBi-Feminismus lässt auf die Predigt noch die Tat folgen und verschont keine Frau mit falscher Solidarität, mag sie sich auch hartnäckig als Person (@Meret Stoll) oder als Opfer (@Jolanda Spiess Hegglin) ausgeben. Er kennt keine Opfer – seine Antithese schlechthin –, nur wehleidige Heulsusen, die «es gewohnt sind, gut anzukommen» und mit «vertrauensvoll aufgerissenen grünen Augen» mediale Aufmerksamkeit heischen. Da muss der MiBi-Feminismus auch mal nachtreten, wenn jemand schon lang am Boden liegt, schon lang aus dem Ring gestiegen ist. Gegen seinen sengenden Lichtstrahl hilft kein Flehen um Gnade, kein Weglaufen und kein Gerichtsbeschluss. 

 

Wie jede visionäre Ideologie muss er sich vor staatlicher Repression schützen und weiss, wann es klug ist, andere sprechen zu lassen. Kollege Philipp Gut hat den Schwanz eingezo­gen, bloss weil er wegen übler Nachrede verurteilt wurde? Der ‹Blick› hält den Ball flach, weil er erstinstanzlich wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten verurteilt wurde? MiBi hat zwar weder Schwanz noch Bälle, dafür aber mächtige männliche Verbündete in den Chefetagen von TA-Media, ‹Weltwoche› und Ringier. Wenn der MiBi-Feminismus sein Evangelium nicht in Buchform verbreiten darf, dann spricht sein Geist eben in Zungen. Seine erleuchteten Medien, Alex Baur und Kurt W. Zimmermann, lallen wie von Sinnen: «Aarrrgl … Sexskandal, Quickie, Techtelmechtel … schnauf … seifige Affäre, erotisches Rencontre … keuch … peinlicher Seitensprung, Alkohol, operettenhaftes Nachspiel, Verleumdung … gurrrglll … Hauptdarstellerin ihrer Promi-Story, Opfer-Feminismus, Geisterurteil, Bücherverbrennung, Zensur … chchrrr».

 

Angesichts solcher Hellsichtigkeit, Unbeirrbarkeit und Wirkmacht kann eine Feld-Wald-und-Wiesen-Feministin wie ich doch glatt einpacken.

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