Leserin! Leser! Geschätzte!

Ein Brief ist nicht nur ein nachhaltiges Geschenk für die AdressatInnen, sondern dient auch der Psychohygiene der Schreibenden. Ein kultureller Streifzug.

 

«Die Tage gehen über mich hinweg und ich tue gar nichts.» Das könnten momentan wohl viele schreiben, der Satz stammt aber aus den 1930er-Jahren. Er steht in einem Brief, den der abgebrannte Samuel Beckett, der unfreiwilligerweise bei seiner Familie in Irland war, seinem Freund Thomas MacGreevy schrieb: «Das Gefühl, an einem Ort Wurzeln zu schlagen wie ein Polyp, ist grauenvoll, zu leben von einer Art Schleim der Konformität. Und ausgerechnet an diesem Ort.»

Egal wie deprimiert Sie also gerade sind: Schreiben Sie einen Brief! Es wird Ihnen sogleich bessergehen und Sie machen jemanden glücklich. Denn was mit Liebe gemacht ist, strahlt auf einen selbst zurück. Das kann schon in der Bibel nachgelesen werden. Übrigens auch in einem Brief. In dem von Paulus an die Korinther: «Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.»

 

Das Material

 

Bereits die Wahl des Materials wird Sie froh stimmen: In Zeiten, in denen man nichts mehr anfassen darf, ist die Haptik von (etwa handgeschöpftem) Papier eine Frivolität. Das wusste schon Anaïs Nin, die ihren steigenden Säften gerne Ausdruck verschaffte, nicht nur als Auftragsautorin, sondern auch im privaten Briefwechsel mit ihrem Langzeitliebhaber Henry Miller: «Allein schon die Berührung des Briefes war, als hättest du mich in deine Arme genommen. Du weißt jetzt, was ich beim Lesen empfand. Du hast alles geschrieben, was mich rühren und für dich gewinnen konnte, und ich war feucht und bin so ungeduldig, daß ich alles tue, um einen Tag zu gewinnen.»

 

Die Wahl des, äh, Stiftes will auch überlegt sein! Denn die Löschtaste fällt beim Briefeschreiben natürlich weg. Streichungen können sehr wohl erste Gedanken offenbaren, Fortgeschrittene setzen sie gar gezielt ein, aber wenn Sie sich lieber bedeckt halten, sind wohl Bleistift und Gummi die erste Wahl. Die Alternative für Anfänger und Leute, die lieber nicht allzu viel von sich preisgeben, ist die Reinschrift eines vorher erstellten Entwurfs. Aber gar nichts preisgeben in einem Brief? Vergessen Sie es. Bereits Ihre Materialwahl hat etwas über Sie verraten, und Ihre Schrift spricht Bände.

 

Anrede und Einleitung

 

Im Prinzip stehen die Schreibenden spätestens bei der Anrede in der Unterwäsche da. Eben deshalb sollte sie sorgfältig gewählt sein, also die Anrede, nicht die Unterwäsche. Da ist schon mal ein «Liebes Schnübenblümchen» erlaubt, so wie einst Kurt Weill Lotte Lenya ansprach. Das ungleiche Paar hat sich über Jahrzehnte geschrieben. Nachzulesen ist die gesamte erhaltene Korrespondenz des Künstlerpaars in einem dicken Band. Der Buchtitel «Sprich leise, wenn du Liebe sagst» ist nicht nur eine Zeile aus einem der Briefe, sondern wurde zum bekanntesten Song und Finale des Singspiels «A touch of Venus»: «Speak low when you speak, love / Our moment is swift, like ships adrift / We’re swept apart too soon / Speak low, darling speak low / Love is a spark lost in the dark / Too soon, too soon / I feel wherever I go That tomorrow is near, tomorrow is here / And always too soon.»

Die Toten sind geduldig. Die Lebenden mögen es nicht besonders, wenn ihre Briefe öffentlich gemacht werden. So verhinderte etwa Madonna eine Versteigerung, während der eine ehemalige Assistentin private Gegenstände der Popikone verscherbeln wollte. Unter anderem den Trennungsbrief von Tupac Shakur, der sich 1995 von Madonna verabschiedete. Wert: 350 000 Dollar. Anrede vermutlich irgend etwas mit Bitch.

 

Nicht nur Tupac war einer Madonna hold, auch Rainer Maria Rilke war einer selbigen zugetan. Aus Neapel, wo er aus Geldnot blieb, obwohl er lieber zu ihr nach Dresden gefahren wäre, schrieb er: «Il y a mille questions que je voudrais vous adresser pour amendrir und peu cet éloignement dont je souffre.»

Wer noch mehr gelungene Einleitungen zur Inspiration sucht, stöbert einfach auf e-manuscripta, einer Internet-Plattform für digitalisierte handschriftliche Quellen aus Schweizer Bibliotheken und Archiven. Hier finden Sie u.a. auch unzählige Briefe von Hugo Ball, Auguste Jaccard, Friedrich Nietzsche, Carl Gustav Jung etc. Denn dem Lesen von Briefen, deren AdressatIn man nicht selber ist, haftet natürlich stets auch der Reiz des Verbotenen an, selbst wenn sie im Internet öffentlich zugänglich sind. Aber das beweist natürlich nur die Kraft des Mediums.

 

Der Mittelteil

 

Die Briefe vieler Schriftsteller gelten als Teil ihres Werks. Zum Beispiel die von Robert Walser. Sie offenbaren seinen Kampf als Künstler, seinen Kleinkrieg mit Redakteuren und Verlegern. Seine Privatkorrespondenz hingegen ist verspielt und witzig. An seine Schwester Lisa, mit der er stets verbunden war, schrieb er etwa: «Die Sehnsucht, o die Sehnsucht! Warum haben wir die eigentlich? Wer hat sie uns heimlich in die Westentasche gesteckt? Vielleicht ein Engel oder sonst eine trübe Null. Was mich betrifft, so lerne ich tapfer französisch, gehe jedenMorgen ins Geschäft, komme Abends verrückt nach Haus, erwarte Briefe, schreibe keine, erwarte aber dessenungeachtet jeden Abend mindestens drei Briefe. Da sollten sie so liegen, wenn ich die Thür aufmache, weiss, blendend weiss, die liebe Marke drauf, der süsse Poststempel und all das andere. Und wenn nun keiner daliegt, so werd ich ganz dumm und kann nicht arbeiten und sage mir darauf sehr vernünftig: du schreibst ja keine Briefe, und erwartest welche! Ei du Schafskopf.»

 

Auch als Liebesbrief-
Schreiber war Walser ein As. Seine Billets douces an seine langjährige Freundin Frieda Mermet dokumentieren eine Fernliebe delikatester Art.

Von Friedrich Glauser, dem missachtetsten grossen Schweizer Literaten, sind ebenfalls viele Briefe erhalten und in Buchform erhältlich. Die Glauser-Briefe wurden von den Literaturliebhabern Bernhard Echte und Heiner Spiess mit hochgekrempelten Ärmeln aus dem Müll gefischt, indem sie die Müllverbrennung Josefstrasse überreden konnten, eine Lastwagenladung Müll, in der sie die Briefe vermuteten, nicht sofort zu verbrennen, sondern sie sie erst durchsuchen zu lassen. Zum Glück!

 

Glausers Briefe stehen seinen Romanen nämlich in nichts nach und sind enorm berührend. Am 15. Juni 1937 warf er beispielsweise sein ganzes bisheriges Leben aufs Papier und dem Journalisten Josef Halperin vor die Füsse. «Daten wollen Sie? Also: 1896 geboren in Wien von österreichischer Mutter und Schweizer Vater. Grossvater väterlicherseits Goldgräber in Kalifornien (sans blague), mütterlicherseits Hofrat (schöne Mischung, wie?). Volksschule, 3 Klassen Gymnasium in Wien. Dann 3 Jahre Landerziehungsheim Glarisegg. Dann 3 Jahre Collège de Genève. Dort kurz vor der Matur hinausgeschmissen … Kantonale Matur in Zürich. Dann Dadaismus. Vater wollte mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen. Flucht nach Genf … 1 Jahr (1919) in Münsingen interniert. Flucht von dort. 1 Jahr Ascona. Verhaftung wegen Mo [Morphin]. Rücktransport. 3 Monate Burghölzli (Gegenexpertise, weil Genf mich für schizophren erklärt hatte). 1921–23 Fremdenlegion. Dann Paris Plongeur [Tellerwäscher]. Belgien Kohlengruben. Später in Charleroi Krankenwärter. Wieder Mo. Internierung in Belgien. Rücktransport in die Schweiz. 1 Jahr administrativ Witzwil. Nachher 1 Jahr Handlanger in einer Baumschule. Analyse (1 Jahr) … Als Gärtner nach Basel, dann nach Winterthur. In dieser Zeit den Legionsroman geschrieben (1928/29), 30/31 Jahreskurs Gartenbaumschule Oeschberg. Juli 31 Nachanalyse. Jänner 32 bis Juli 32 Paris als ‹freier Schriftsteller› (wie man so schön sagt). Zum Besuch meines Vaters nach Mannheim. Dort wegen falschen Rezepten arretiert. Rücktransport in die Schweiz. Von Juli 32 – Mai 36 interniert. Et puis voilà. Ce n’est pas très beau.»

 

So ein Brief eignet sich auch für einen strukturierten Diskurs. Alle haben sie sich geschrieben: Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Goethe und Schiller, Frisch und Dürrenmatt oder Georges Simenon und Federico Fellini. In diesem Briefwechsel geht es vornehmlich um die Arbeit der Künstler. Aber sie zeigen gleichzeitig, wie zärtlich eine (heterosexuelle) Männerfreundschaft sein kann. Während der Dreharbeiten zu Casanova hat Fellini seinem Freund Simenon all seine Sorgen während der schwierigen Dreharbeiten von «Casanova» anvertraut. Simenon schreibt zurück: «Sie sind wahrscheinlich die Person auf der Welt, der ich mich auf kreativer Ebene am engsten verbunden fühle. Ich habe ungeschickt versucht, dies in einem Vorwort auszudrücken. Sie sollen wissen, wie nahe ich mich Ihnen nicht nur als Künstler fühle, sondern auch als Mensch und als schöpferischer Geist.»

Nicht jeder Brief ist Literatur, aber jeder Brief ist ein Zeitdokument, und viele werden nach der Lektüre nicht einfach weggeworfen, sondern sorgsam verschlossen. Meistaufbewahrt sind sicher Liebesbriefe, und keine/r schrieb sie so wie Cyrano de Bergerac in der Komödie von Edmond Rostand aus dem Jahr 1897, die über hundert Jahre später mehrmals erfolgreich verfilmt wurde.

 

«Mein Mut zerschellt an deines Reizes Klippen;

Doch gäb’ es Küsse, die man nur geschrieben,

Du läsest meine Briefe mit den Lippen!»

 

Und wo wir schon bei Theater sind: Niemand hat sich mit Briefen durch sein Werk geschrieben – gehangelt, sagen böse Zungen – wie William Shakespeare, der wichtigste Dramatiker aller Zeiten. In «Hamlet, Prinz von Dänemark» wars ein fatales Schreiben, das zu Mord und Totschlag geführt hat, in «Romeo und Julia» wurde der Brief, der die Informationen beinhaltete, welche die Liebenden für immer hätte zusammenbringen können, wegen dem Ausbruch der Pest nicht zugestellt. So mussten sie denn beide sterben. Was später wiederum Generationen von Verliebten Briefe schreiben und an ein Haus mit Balkon in der Innenstadt von Verona pappen liess. Shakespeare selber war während der Pestepidemie in Quarantäne, wo er seine historische Tetralogie «Heinrich IV.», «Richard III.» und «Heinrich V.» verfasste.

 

Der Schluss

Während im Mittelteil ausschweifend geschrieben werden darf, bleibt am Schluss die Klammer zu schliessen, einen schönen Schluss zu finden. Und zu hoffen, dass der Brief seinen Weg finden wird, und das tut er fast immer. Sogar Briefe von RAF-Gefangenen aus dem Hochsicherheitstrakt in Stammheim oder die von François Villon aus dem Kerker im 15. Jahrhundert. Und unsere Post funktioniert trotz Corona immer noch ganz gut. Ich hoffe, Sie wissen das zu nutzen.

In Sachen Grussformel diene hier zum Schluss als Vorbild eine von Gottfried Keller, wie er sie an die deutsche Schriftstellerin Ludmilla Assing sandte:

«Unsere Rosen sind eben versammelt und von der Abendsonne bestreift. Sie lassen Sie grüssen; da ich sie nicht zählen kann, so weiss ich nicht genau, wieviel Grüsse es sind, etwa gegen 200.»

 

Ganz die Ihre

Suzanne Zahnd

 

Samuel Beckett, «Briefe 1929 – 1940», Suhrkamp, Fr. 52.–
Samuel Beckett, «Briefe 1941 – 1956», Suhrkamp,
Fr. 59.90
Samuel Beckett, «Briefe 1957 – 1965», Suhrkamp, Fr. 78.–
Samuel Beckett, «Briefe 1966 – 1989», Suhrkamp,
Fr. 95.90
Die Bibel, diverse
Henry Miller «Briefe an Anaïs Nin», Rowohlt, antiquarisch
Lys Symonette/Kim H. Kowalke «Sprich leise, wenn du Liebe sagst», Kiepenheuer & Witsch, antiquarisch
e-manuscripta.ch
Robert Walser, «Werke, Band 3», Berner Ausgabe Suhrkamp, Fr. 25.–
Friedrich Glauser, «Briefe, Band 1 + 2», Unionsverlag,
Fr. 43.90
Edmond Rostand, «Cyrano de Bergerac», z.B. Jazzybee Verlag, Fr. 6.40 oder unzählige Verfilmungen oder gefilmte Theater-Aufführungen
William Shakespeare – Werkausgaben, Hörbücher etc.
Werner von Koppenfels (Hrsg.), «Aus den Kerkern Europas – Poetische Kassiber von Villon bis Pound, C.H. Beck, Fr. 21.90
Gottfried Keller, Werkausgaben oder eBook «Briefe», Jazzybee Verlag, Fr. 1.50.

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