Leider geil

Kürzlich ging ich mehr zufällig an ein Konzert der Hamburger Hip-Hop-Gruppe Deichkind. Hip Hop ist ja sonst nicht so mein Ding, Konzerte im Hallenstadion auch nicht, aber dieser Auftritt hat mich dann sehr begeistert. Ein bekanntes Stück von Deichkind heisst «Leider geil», der Titel fand schnell Eingang in die Jugendsprache und wurde in Österreich zum Jugendwort des Jahres 2012 gekürt. 

«Leider geil» bringt auf erstaunliche Weise zum Ausdruck, was das Problem von uns Menschen in der Konsumgesellschaft ist. Im Lied heisst es etwa: «Autos machen Dreck, Umwelt geht kaputt / Doch ’ne fette neue Karre ist leider geil», oder «Kleine Kinderhände nähen schöne Schuhe / Meine neuen Sneakers sind leider geil». Wir wissen, dass unsere Lebensweise weder natur- noch sozialverträglich ist, aber sie ist halt, eben: leider geil. Wir wollen eine umweltfreundliche Energieversorgung, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Rohstoffen, aber Smartphones sind halt leider geil. Und Tablets. Und Elektrotrottis. Und E-Bikes. Und Elektroautos (wie schon erwähnt die fetten natürlich). 98-Zoll-Fernseher? Leider geil. Für ein Konzert nach England fliegen? Leider geil. Skifahren in Dubai? Leider geil. Goa-Party in Goa? Leider geil. In unseren Breiten gibt es wohl nicht viele Menschen, die sich davon ernsthaft ausnehmen können, kaum jemand lebt ohne derartige Widersprüche. Auch dies thematisieren Deichkind in dem Lied, im Refrain: «Tu doch nicht so, du magst es doch auch, ich bin ein Teil von dir / Guck dich doch um, sieh sie dir an, sie sind genau so wie wir.»

Vielleicht ist mit «leider geil» auch der zunehmende Erfolg rechtspopulistischer Führerfiguren zu erklären. Donald Trump gebärdet sich als Clown, scheint nahe am Wahnsinn; das sehen wohl auch viele seiner Anhänger:innen, sein selbstbewusstes Auftreten jedoch ist leider geil. Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, presst seine Angestellten aus wie Zitrusfrüchte und hat die blühende Kommunikationsplattform Twitter zur Hassschleuder X umgebaut, mittels derer er sich nun in die Politik einmischt, wo es ihm gerade passt. Gruusiger geht kaum, aber Reichtum und Macht sind halt eben leider geil. Georgia Meloni, Marine Le Pen, Herbert Kickl: Nahe beim Faschismus, aber die zeigen den «Eliten» mal, wos lang geht – leider geil. Ganz besonders Alice Weidel. Als Co-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin einer offen rassistischen und homophoben Partei lebt sie in einer lesbischen Partnerschaft mit einer Frau aus Sri Lanka – geiler geht kaum. Sind Widersprüche einfach sexy, oder zeigt sich gerade darin die Eigenständigkeit und Unbeirrbarkeit einer Person? Egal, auf jeden Fall: leider geil. Tu doch nicht so, du magst es doch auch. Und sieh sie dir an: Sie sind genau so wie wir.

Respektive genau so, wie wir uns selbst gern sähen. Strahlend, erfolgreich, selbstbewusst, Arschlöcher vielleicht, aber leider geil. Ich stelle mir vor, dass auch im Mittelalter schon die einfachen Leute zu den Adligen aufgeschaut haben und dachten, so wie diese Fürsten und Prinzessinnen wäre ich auch gern, ich arbeite zwar Tag und Nacht, um ihnen den Zehnten abzuliefern, und manchmal steigen sie vom hohen Ross herunter, um uns zu schlagen oder zu vergewaltigen (tu doch nicht so, du magst es doch auch), aber sie sind leider geil. 

Ganz im Gegensatz etwa zu jemandem, der sich für das Klima auf die Strasse klebt. Der ist nicht so wie wir, keiner von uns. Und wehe, er wird dabei erwischt, zur Goa-Party nach Goa zu fliegen, das geht dann gar nicht. Finde ich zwar auch – wer gern mit Steinen wirft, sollte sich nicht ins Glashaus setzen –, aber das zeigt das Problem an den Widersprüchen: Nur die eigenen sind leider geil.