- Im Kino
Leichtgewicht
Hochgradig künstlich in Bildsprache und Symbolik verhandelt Luis Ortega in «Kill the Jockey» letztlich die Zufälligkeit eines Lebens, was gerne mit Individualismus und Selbstbestimmung verwechselt wird. Komplett ins Groteske überdreht, aber halt leider doch erkennbar auch nicht vollkommen realitätsfern, folgen die Bilder in Werbeästhetik dem Jockey Remo (Nahuel Pérez Biscayart), während er mehrfach die Fähigkeit einer kontrollierbaren Selbstverortung verliert und erst nach dem Totalverlust von Körperlichkeit, Geschlecht und Erinnerungsvermögen zu einem Etwas findet, das im Entferntesten einem Erlangen grösstmöglichen Glücksempfindens nahekommt. Der Verlust seiner selbst beginnt als Starjockey auf der Pferderennbahn von Buenos Aires und geht brutal konsequent Schritt für Schritt bis in die Auflösung jeglicher angeblicher Gewissheit weiter bis in die regelrechte Selbstauflösung, aus der das Versprechen eines Aufstiegs als ein Phönix aus der Asche entstehen müsste, wäre irgendetwas an einer landläufigen Annahme über das sogenannte Lebensglück oder eine Filmlogik per se überhaupt belastbar. Der Erwartungsdruck lässt ihn sich zudröhnen, weshalb sein Eigner – also eigentlich der des Pferdes – ein Vermögen verliert, das er wiederbekommen will. Illegale Rennen gegen Windhunde, Motorräder und Sportwagen sind viel einträglicher, aber zuerst muss der nach einem schrecklichen Unfall als Dolores eine Art Bewusstsein, nicht aber ein physisches Gewicht wiedererlangt Habende erneut eingefangen werden. Schräg parallel dazu ist die Liebe der wie sämtliche Frauen im Film völlig übersexualisiert in Szene gesetzten Liebsten Abril (Ursula Corberó) gegenüber seinem alten Ich erloschen, die er allein mit einem symbolischen Hinschied und erneuter Wiedergeburt als jemand anderes wiedererlangen kann, sofern dieses Bedürfnis (beiderseitig) die Prozedur mit ungewissem Ausgang überhaupt überdauert. Ein leichtgewichtiger Spielball im Kampf mit der Gravitation.
«Kill the Jockey» spielt im Kino Houdini.