Last Exit Corona

Es war neblig und es war dunkel, also war es nicht überraschend, dass ich ihn erst nach einer Weile bemerkte, den Tod. Er ging neben mir her, übrigens weder kleiner noch grösser als ich, weshalb ich ihn wohl übersehen hatte, aber bald gerieten wir ins Plaudern (wobei ich zuerst reflexartig meine Maske anziehen wollte, es dann aber bleiben liess. So etwas nennt man Situationskomik.) Wir redeten über die Zukunft der Zürcher Fussballclubs, über die SVP, über das nahe Ende des Kapitalismus – ich unterhalte mich gern mit Fachleuten über solche Dinge. Ich bemerkte mit Erleichterung, dass er mich siezte. Irgendwann war’s dann nicht mehr zu vermeiden, dass ich ihn auf seine Arbeit ansprach, denn er ist mir etwas gar zu oft über den Weg gelaufen in den letzten Jahren.

Das sei normal für mein Alter, fand er. Die Leute sterben weg. Aber, so fragte ich, das mit Corona, wie das denn nun gemeint sei? Er zuckte mit der Schulter, was ein leichtes Klappern auslöste. Das sei ja in der Regel nicht tödlich, ein Grippchen, wie manche sagen würden, und dabei grinste er ganz brasilianisch vor sich hin. Und die Übersterblichkeit, fragte ich, was ist damit? Er zuckte nochmals mit den Rabenbeinen. Das sei nun gewiss nicht sein Wording, solches täten nur wir Menschen erfinden. Eine rein statistische Grösse, für ihn einfach quasi etwas Mehrarbeit. Er sei im Übrigen nicht gerade der richtige Gesprächspartner, wenn es darum ginge, Wirtschaft gegen Gesundheit abzuwägen, da solle ich doch lieber jemanden von der Economiesuisse fragen. Ob er denn jemanden kenne, fragte ich, aber er winkte nur ab: Berufsgeheimnis. Im Übrigen verstehe er unsere Politik sowieso nicht. Volkswirtschaftlich seien zwar auch Todesfälle durchaus lukrativ, wie alles, was das Bruttoinlandprodukt erhöht, aber es schwäche halt schon auch die Kaufkraft. Ganz abgesehen von der Moral, ergänzte ich, und zudem sei es eine Belastung für das Personal in den Spitälern und Heimen. Was er zur Kenntnis nahm, wie ein Kaminfeger es zur Kenntnis nimmt, dass der Russ, den er hinterlässt, unwillkommen ist.

Ich führte aus, dass ich unsere Politik ja auch nicht verstehen würde. Denn die Wirtschaft leide ja so oder so, das sei bei einer Seuche, die auf Kontakt basiert, nicht zu vermeiden. Unser ganzes Konsumverhalten sei nun mal auf Kontakt ausgerichtet, es sei denn, man wolle nur noch via Internet bestellen, was allerdings auch ginge, ausser halt bei denjenigen Menschen jenseits des digitalen Grabens. Nur dass wir bei jeder Lockerung eine erhöhte Übersterblichkeit, vor allem bei den Risikogruppen, in Kauf nehmen würden, und das sei genau genommen skandalös. Aber schon klar, er sei ja eigentlich der falsche Gesprächspartner dafür, man müsse ja auch nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trockenlegen wolle.

Die ganze Pandemiekrise zeige halt in aller erschreckender Deutlichkeit, dass gesellschaftliche Konsense, wie etwa bei Zielkonflikten zwischen Wirtschaft und Gesundheit, wenn das überhaupt einer sei, nicht nur brüchig, sondern auch beinahe unmöglich seien. Es fehle quasi an Mechanismen, wie man so etwas auf saubere Art regeln könne. Ob ihm vielleicht etwas dazu einfalle, fragte ich ohne grosse Hoffnung, denn eigentlich war er ja kein Frosch, sondern so oder so einer, der das letzte Wort hat. Und da nichts kam, schaute ich mich um, und tatsächlich, er war ohne Worte abgebogen, was mich ja irgendwo enorm erleichterte. – Aber ein komisches Treffen war das schon, kann ich euch sagen.

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