Landnahme-Perlenkette

Die Eröffnung eines Vegi-Hiltl im Neubau an der Adresse des ehemaligen Kunstbetriebs «La Perla» erhitzt die Gemüter. Dem Betreiber wird Gentrifizierung vorgeworfen, und er habe den Namen («Perle») von der Vorgängerin geklaut.

 

Sosehr ich Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik teile: Diese Darstellung der Dinge ist arg verkürzt. Die Gentrifizierung wurde viel früher eingeleitet. Die Arbeiterklasse zog ab den 1960er-Jahren aus dem Kreis 4 weg, da sie dank dem Strukturwandel aufgestiegen war und sich ein Häuschen auf dem Land leisten konnte; Ärmere, hauptsächlich Zugewanderte zogen ein; Sexgewerbe, Drogen- und Partyszene breiteten sich aus und vertrieben weitere zahlungskräftige Familien durch Lärm und Schmuddel (Pariser auf dem Spielplatz, Kotze im Hauseingang, Pipi-Pfützen auf dem Trottoir, blutte Frauen in Schaukästen sind auch für Szenis nicht unbedingt ein Wunschumfeld für ihren Nachwuchs …); die biedere «Perla-Mode» mitsamt Vorhangstübli fand hier keine Kundschaft mehr und machte dicht; die Besitzerin des Gebäudes liess dieses bis zur Abbruchreife verkommen. Und: Genau dadurch wurde es für eine – von vornherein befristete – Umnutzung als Szene-Kulturstätte erst frei und erschwinglich (inklusive Namensklau!).

 

Dieser Mechanismus bildet geradezu das eherne Gesetz der ‹Aufwertung›: Urbane (Sub-)Kulturen erobern verfallende Indus-triegebiete und forcieren deren Umwidmung zu Kulturszenen – was sie für Investoren und Yuppies (und VegetarierInnen) erst attraktiv macht. Eine klassische neue Landnahme: Der Kapitalismus usurpiert nicht direkt Land, sondern sondert unrentable Gebiete oder Arbeitskräfte mittels Krisen aus dem kapitalistischen Kreislauf aus. Sie müssen sich ausserhalb durch Subsistenz, Selbstausbeutung etc. wieder aufrappeln, bis sie dem Kapitalismus in neuer Frische wieder nützlich sind. So hungert wohl der Kapitalismus auch Kulturschaffende und StudentInnen aus, indem er sie schmalbrüstig finanziert. In den heruntergekommenen Quartieren finden sie dennoch etwas, was sich die dort Heimischen nicht leisten konnten. Etwa weil sie Arbeit, ein Stipendium oder begüterte Eltern haben, bessere Bildung ihnen sozialen Aufstieg ermöglicht, oder starke Netzwerke mit Zugang zu ebensolchen Gütern sie stützen (z.B. Hausbesetzer-Szene). Die Kunstszene ist daher ebenso oft Mitverursacherin wie Nutzniesserin der Gentrifizierung und erst in einer späteren Phase dann selber deren Verliererin. Mit ihr verlieren aber auch die ur-eingesessenen, alternativlosen Unterschichten der wiederhergestellten Quartiere.

 

Dieser ambivalenten Rolle des urbanen Kulturschaffens im Kapitalkreislauf wird Thomas Haemmerli mit seiner selbstironischen Reflexion in «Die Gentrifizierung bin ich» m.E. vollumfänglich gerecht. (Ich würde ihm eher Sexismus vorwerfen). Auch sein Dasein als digitaler Nomade spiegelt einen Landnahme-Kreislauf: Die Avant-Garde löst freiwillig Schranken auf, die dem Kapital bisher gegeben waren – hier die Orts- und Zeitgebundenheit der Arbeit. Das Kapital wird daraus ableiten, dass Arbeitskraft heute jederzeit und überall verfügbar sein soll. Möglicherweise wird das noch nicht genug verstanden – im ‹Züritipp› etwa wird Haemmerli als Schwafli und Selbstdarsteller verharmlost. Oder verschliessen sich SzenegängerInnen und Kulturschaffende ein wenig mutwillig der Einsicht, dass sie selbst zumindest Gentrifizierungs-Hilfsmotoren sind?

 

Ina Müller

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