- Post Scriptum
Kunststoff (undurchsichtig)
Ein Raunen ging durch den Folienwald, als der eine orange Detailhandelsriese diesen Sommer einen kostenpflichtigen Sammelsack fürs Plastik-Recycling einführte. Trotz lähmender Hitze erhob sich der mediale Chor der Gerechten und bezweifelte die Schicklichkeit dieser Bestrafung – wo wir Konsument:innen doch schon die Mühe auf uns nähmen, den Rest-Kunststoff vom PET und vom Abfall zu trennen. Es wurde gar angedroht, dann wandere der Plastik eben wieder in den Müll. Der orangen Konkurrenz mochte das Aufständlein nur Recht sein – sie erschien mit ihrem Gratisangebot unverhofft umweltfreundlicher.
Mit der Rückgewinnung synthetischer Stoffe ist es so eine Sache. Der Sammelbegriff Kunststoff oder Plastik bezeichnet unzählige Materialien unterschiedlichster chemischer Zusammensetzung, und nur wenige lassen sich heute einigermassen restlos wiedergewinnen – meines Wissens in der Schweiz nur Polyaethylen (PET) und Polypropylen (PP). Dies gelingt jedoch auch nur, wenn das Material rein vorliegt – also weder gemischt noch verschmutzt, und wenn es in die Ausgangsform des Granulats zurückgeführt werden kann. Dies bedeutet auch, dass der Wiedergewinnungskreislauf abstirbt, sobald aus alten Flaschen etwa textile Fasern werden, umso mehr, als diese selten ungemischt sind. Daneben wird auch Polystyrol (Styropor) rezykliert, aber nicht wiederhergestellt, sondern die gebrauchten Blöcke werden in ihre Bölleli verriebelt und z.B. als Isolationsmaterial wiederverwendet. Selbst die PET- und PP-Rückgewinnung hat jedoch ihre Tücken. Denn sobald das Granulat verschifft wird, bedroht es die Umwelt: Unzählige Container voll haben sich nach Schiffbrüchen schon in die Weltmeere ergossen; Myriaden von Kunststoff-Körnern nisten sich nun in der Nahrungskette ein und machen der Meeresfauna das Leben zur Qual.
Was aber geschieht mit dem Rest-Plastik, mit all den Folien, Behältern, Taschen, Schnüren, Spielzeugen, Möbeln usw., die sauber oder schmutzig, neuwertig oder versprödet im Recyclingsack landen? Und hierzulande nicht aufbereitet werden können? – Erraten! Sie reisen ins Ausland, wo sie zuerst einmal aussortiert werden müssen, wobei als Faustregel gilt: Je schwieriger die Identifikation und je unmöglicher die Rückgewinnung, desto weiter weg … Bis schliesslich prekarisierte Arbeiter im globalen Süden einen Fetzen nach dem andern aus einem Folienberg fischen, mit dem Feuerzeug ankokeln und anhand des Qualms erschnüffeln, worum es sich handelt (so zeigt es der sehenswerte Dokfilm «Die Plastiklüge»).
Wer erweist nun der Umwelt den grösseren Bärendienst: Das orange C, das uns via Sackgebühr eine nicht vorhandene Lösung verkauft, oder das orange M, das uns dazu animiert, fleissig einer nicht vorhandenen Lösung zuzudienen? Beide scheuen sich davor, Transparenz zu schaffen – dass sie nämlich beim Rest-Kunststoff wohl eine Rücknahme, aber kein Recycling anbieten. Der Kundschaft wiederum scheint es ohnehin bloss ums Geld zu gehen. Allerdings: Wandert der Plastik wieder in den Müll, so fällt die Gebühr eben dort an. Vorläufig ist das nicht die schlechteste Variante, denn hiesige Kehrichtverbrennungsanlagen filtern immerhin die Abluft und nutzen meist auch die Abwärme umweltfreundlich. Eine echte Lösung käme jedoch kaum ohne Lenkungsabgaben zulasten von Produzenten und Händlern aus – und dazu fehlt zurzeit der politische Wille …