Küsse in Cheb

Der Zug stand still im Bahnhof in Cheb, es war Nacht, kalt, die Bahnsteige menschenleer und kaum beleuchtet, es war Anfang der 1990er, nur wenige Jahre nach der Wende. Was für eine Geschichte, denke ich immer, wenn mein Mann sie mir erzählt, und er muss sie mir oft erzählen, denn wie könnte man sich auch satthören und sattdenken an diesem Bild einer nebelverhangenen Grenzstadt, Cheb, diesem Niemandsland an der deutsch-tschechischen Grenze, dieser Gegend der Vertriebenen und Angesiedelten. Der Zug stand still, der verlassene Bahnhof dunkel, grell leuchteten nur die Fenster des Wagons, in dem die Klasse meines Mannes lärmte, ausgelassen, losgelöst, auf Maturreise Richtung Prag, andere Gäste standen immer wieder im Gang, manchmal fast flehend, man möge doch leiser sein, so könne doch kein Mensch schlafen, und dann war es ein wenig stiller, einige Minuten vielleicht und brach doch wieder los, was soll man auch erwarten von angetrunkenen Menschen, pubertierenden Menschen auf einer Reise. Genau in diesem Moment sah mein Mann, so jung noch, aus dem Zugfenster zur Bahnhofsuhr. Und er sah gerade, was für ein Zufall, wie der Minuten- und Sekundenzeiger exakt gleichzeitig auf die 12 vorrückten. Und dort verharrten. Denn es war Oktober und es war die Nacht, in der die Sommerzeit zu Ende geht. Mein Mann sah und begriff, dass diese Uhr nun eine Stunde lang stehen bleibt, wartet, denn es war und blieb jetzt 2 Uhr. Es würde nun also eine Zeit beginnen, die es gar nicht gab. 

 

Was könnte man in einer solchen Stunde alles tun, stellte ich mir immer vor, was wäre alles möglich, jemanden küssen vielleicht, den man nicht küssen sollte, aber es wäre nicht schlimm, denn was kann schon ernstlich schlimm sein, in einer Zeit, die es gar nicht gibt? In so einem Moment, dachte ich, kann alles passieren und es ist doch nichts geschehen. 

 

Jetzt fiel mir genau diese Geschichte wieder ein, jetzt, am Jahresende, sie schien mir so passend für die letzten Wochen und Monate und sofort schämte ich mich ein wenig. Weil, wer denkt denn an einen Kuss, wenn die Welt untergeht? Du musst das grösser angehen, sagte ich zu mir. Und ging es grösser an. 

 

Was also ist genau passiert, in all diesen Tagen, die hinter uns liegen? Ich erinnere mich an Brände im Flüchtlingslager in Moria, es ist noch nicht lange her. An George Floyd und das Bild des Polizisten, der auf ihm kniet, im Gesicht noch diesen Ausdruck der Überzeugung, das Recht dazu zu haben, das wirklich tun zu dürfen und zu müssen, weil die Gesellschaft, in der er lebt, ihm das auch so vermittelt; ich erinnere mich an diese Explosion im Hafen von Beirut vom letzten Sommer, an die Proteste in Belarus, die getöteten Menschen in Wien und den Tod von Ruth Bader Ginsburg, an Berg-Karabach und die Menschen, die an diesem neuen Virus gestorben sind, vor dem wir im Januar noch keine Angst hatten, es sind über eine Million bis heute. 

 

Wenn ich es also grösser angehen will, dann stelle ich mir vor, was wäre, wenn dieses Jahr, das bald zu Ende geht, wenn dieses Jahr nichts anderes ist, als eine Stunde zwischen der Stunde. Ein Jahr zwischen dem Jahr. Eine Zeit, die es nicht gibt. Wenn alles, was geschehen ist, Streit, Krieg, Trennungen, Enttäuschungen, Schmerzen, Ängste, Diagnosen, Missverständnisse, Kündigungen, Fehlentscheide, Krankheiten, Verluste, Tränen, Tod, das Virus, wenn all das nicht viel mehr bedeuten würde als ein Kuss in Cheb. Und wir sagen könnten: Es ist alles passiert, und nichts geschehen. 

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