Kühle Brise, politische Flauten

Seit 40 Jahren sind die Forderungen dieselben – die Hitzeinsel im Stadtzentrum von Zürich muss abkühlen. Ist eine künstliche Nebelwolke im ehemaligen Industriequartier dabei mehr als ein Tropfen respektive tausende Kleinstwassertröpfchen auf den heissen Stein?

 

Sergio Scagliola

 

Begrünte asphaltierte Plätze, der Schattenwurf von Baumkronen oder künstliche Nebelwolken – vieles drehte sich bei der Stadt Zürich letzte Woche um das Thema natürliche Abkühlung. Insbesondere Grün Stadt Zürich (GSZ) hatte sich dabei einen vollgepackten Dienstag eingebrockt: Auf dem Plan standen der Start des Pilotprojekts «Alto Zürrus» auf dem Turbinenplatz sowie eine Podiumsdiskussion zum politischen Nicht-Handeln in Fragen um die Hitzeinsel im Stadtzentrum.

 

St. Turbinenplatz

Der Ring über dem Turbinenplatz erinnert ein wenig an einen Heiligenschein, vielleicht auch an ein extraterrestrisches Objekt, das in der Nähe der zu Mittag Essenden vor dem Puls 5 schwebt, ist aber eigentlich viel simpler, als die Konstruktion anmuten lässt: Denn was hier in fünf Metern Höhe aufgehängt wurde, sind lediglich 180 Wasserdüsen, kreisförmig angeordnet, die siebeneinhalb Liter Wasser pro Minute in die Umgebung verteilen. Diesen Aluminiumring nennt die Stadt «Alto Zürrus», zu dessen Inbetriebnahme Stadträtin Simone Brander am Mittwoch vor versammelter, zu diesem Zeitpunkt noch unter der Hitze leidender Medienschar den Startknopf drückte. 

 

Schade war es keine überdimensionierte Schleife, die mit einer ebenso überdimensionierten Schere durchgeschnitten wurde, um das Pilotprojekt Nebelwolke einzuweihen, aber dies hätte die eher verhaltene Show, die der Aluminiumring hier bot, wohl noch etwas verhaltener gemacht. Denn die MedienvertreterInnen (zumindest die des P.S.) schwitzten auch dann noch, als der Dunst aus den Düsen austrat. Denn wer sich auf eine Wolke gefreut hatte, die den halben Turbinenplatz einhüllt, wurde etwas enttäuscht – der Heiligenschein der Turbinenplatzes dampfte vor sich hin, viel mehr aber auch nicht. Nichtsdestotrotz: In unmittelbarer Nähe des Rings war die Abkühlung durchaus zu spüren und sah dabei auch ganz nett aus.

 

Zudem soll der Ring auch nicht das Nonplusultra der Hitzeminderung sein, sondern eine ergänzende Massnahme zur (zwar eher spärlichen) Begrünung auf dem Turbinenplatz. Grün Stadt Zürich erwartet vom Pilotversuch, der bis im September 2024 in Betrieb sein soll, eine Abkühlung der Umgebungsluft um zehn Grad. Betrieben wird die Konstruktion automatisch: Bei Hitzetagen mit tiefer Luftfeuchtigkeit schaltet sich «Alto Zürrus» selbst ein, verursacht damit wenigstens eine kühle Brise auf dem asphaltierten Platz und verbraucht dabei insgesamt laut Grün Stadt Zürich weniger Wasser als ein Stadtbrunnen jährlich. Fragt sich nur, ob man nicht auch einfach etwas asphaltierten, versiegelten Boden aufreissen hätte können, um etwas mehr Grün auf dem grauen Platz einzubringen.

 

Alter Hut

Unter anderem um Versiegelung von Grünflächen ging es am Abend – an einer zweiten Veranstaltung von Grün Stadt Zürich und dem Bund Schweizer LandschaftsarchitektInnen (BSLA). Eigentlich fand das Podium anlässlich der Ausstellung «Cool down Zurich» in der Stadtgärtnerei statt, die verschiedene Massnahmen zur Hitzeminderung sowohl multimedial in einem Innenraum mit vielen kleinen Ausstellungsobjekten als auch im Spaziergang durch die Stadtgärtnerei konkret vorstellte. Spannender war aber die Diskussion der Podiumsteilnehmer­Innen: «Gewusst und trotzdem nichts passiert – machen wir es zukünftig besser?», so die zentrale Frage, die von Gemeinderätin Selina Walgis (Grüne), dem ehemaligen Direktor von Grün Stadt Zürich Peter Stünzi, dem Ex-Leiter Planung im Amt für Städtebau Richard Heim, dem Mitverfasser des Freiraumkonzepts 1986 Hans-Peter Rüdisüli und Biologin Regula Bachmann-Steiner diskutiert wurde. Denn die Erkenntnis, dass Hitzeminderung im Stadtzentrum Zürichs dringend nötig ist, existiert seit Jahrzehnten. Gemacht wurde aber – da waren sich alle einig – insgesamt herzlich wenig: Die Forderungen sind nicht grundlos nach 40 Jahren noch dieselben. 

 

Bereits in den 1980er-Jahren hatten sich (auch die beim Podium anwesenden) UmweltexpertInnen für einen überfälligen Paradigmenwechsel ausgesprochen – mehr Fokus in der Stadtplanung auf grüne Infrastruktur, deren (fehlende) Normierung, auf Freiraumzonen und auf bessere Durchlüftung. Die Forderungen, etwa das Zentrum, wo die Durchlüftung schon damals am schlechtesten war, in seiner Belastung nicht weiter zu verschlechtern oder das Behaglichkeitsklima im Zen­trum durch Grünflächen zu stärken sowie Dächer und Innenhöfe zu begrünen – sie hätten sich zwar in ihrer Formulierung verändert, aber der Inhalt sei geblieben. Weil nichts gemacht wurde. Aber waren es nicht ebendiese PodiumsteilnehmerInnen, die zu wenig gemacht hätten? An die Nase nahmen sie sich in gewissen Fragen durchaus. Aber in einem anderen politischen Klima, etwa ohne eine heute so relevante Klimajugend, fanden diese Anliegen wenig Gehör in Stadt- und Gemeinderat. Die Kooperation, die meist aus Kompromissen bestand, konnte nicht als die versöhnende, aber selten wirklich zielgerichtete, effektive Politik nach aussen kommuniziert werden, die sie gewesen sei. Die wichtigen Neuerungen seien meist dann gekommen, wenn man über damals geltendes Recht hinausgedacht hatte, um die unveränderlichen Dinge eben zu ändern. 

 

«Natürlich war es eine andere Zeit, in Grünanlagen durfte der Rasen etwa nicht betreten werden», erklärte Peter Stünzi, aber was sich nicht geändert habe, sei der schwere Stand, den grüne Themen in Zürich haben, ja sogar, die Stadt könne mit diesen Themen nicht umgehen. Die Kritik aller richtete sich dabei insbesondere an Inkonsequenz und Nichtberücksichtigung der Hitzeminderungsanliegen bei der Ausarbeitung von Vorlagen durch die Politik: «Nach Möglichkeit wird nicht umgesetzt», so das harte Fazit des ehemaligen GSZ-Direktors.

 

Deshalb sei der Paradigmenwechsel auch indiskutabel, denn ohne ein grundlegendes Umdenken, beispielsweise ohne Normierung der Grünflächen, ohne neu konzipierte Platzverhältnisse im öffentlichen Raum für grüne Infrastruktur sei es nur logisch, dass der durchschnittliche Stadtbaum nur dreissig Jahre alt werde und dabei Bonsai bleibe. Auch fehlende Zusammenarbeit zwischen Ökologie und Landschaftsarchitektur hätten zur Folge, dass die Ökosysteme, die die Stadt dringend braucht, nicht nachhaltig existieren. Unterlegt wurde die Diskussion von vielen planerischen und technischen Details der spezialisierten Runde. Was immer wieder angeschnitten wurde, selten aber ausgesprochen, war das grundlegende Problem der Privatisierung. Denn die Stadt legt schliesslich meist vor, was Begrünung angeht. Was Private angeht, liegt es mit der momentanen Gesetzeslage stets in deren Hand, zu begrünen oder eben nicht. Auch wenn Hoffnung auf verantwortungsbewusste Investoren gesetzt wurde – der Tenor war klar: Solange der Profit im Vordergrund steht, gibt es nicht viele finanzielle Gründe, Wohnraum Grünflächen weichen zu lassen. Denn effektiv ist es umgekehrt, versiegelte Grünflächen nehmen insgesamt noch immer zu. 

 

Bei aller Kritik an der Politik, die zu schwammig kommuniziert und inhaltlos verspricht, an fehlender Regulation und Normierung von Grünflächen war die hier geäusserte Kritik leider auch etwas schwammig. Denn valide Systemkritik hätte durchaus auch als solche markiert werden können. Richard Heim hatte es eigentlich auf den Punkt gebracht: «Wer Boden hat, kann Kapital schlagen.» Denn wer Boden hat, will das auch.

 

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