Kräht bald der «Grüne Güggel», oder ist das Fundament im Fokus?

Am 9. Februar müssen sich die Wahlberechtigten der reformierten Kirche Zürich entscheiden: Soll Annelies Hegnauer oder Res Peter neue Präsidentin bzw. neuer Präsident der Kirchenpflege werden? Wodurch sie sich auszeichnen und wie sie ihr neues Amt angehen würden, erklären die beiden KandidatInnen im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Beginnen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde.

 

Res Peter: Ich bin 55 Jahre alt, war erst Lehrer, dann Ethiker in der Westschweiz. Seit nunmehr 15 Jahren bin ich Pfarrer. Meine Werte sind: Liberal, sozial und nachhaltig. «Liberal» bezieht sich auf die innere Freiheit, die es braucht, damit man sich nicht nur um sich selber dreht. ‹Sozial› , also für die anderen da zu sein, ist für mich eine Selbstverständlichkeit, das Projekt Nachhaltigkeit ebenso. Mein Wahlspruch lautet, «inneres Feuer für die Kirche»: Als Präsident möchte ich die Kirche mit innovativem Geist und ebensolcher Haltung die nächsten sechs bis zehn Jahre begleiten.

Annelies Hegnauer: Ich bin 65 Jahre alt und frisch pensioniert. Vorher war ich viele Jahre Abteilungsleiterin beim Hilfswerk HEKS und Präsidentin einer Kirchgemeinde. Als Präsidentin möchte ich meine ganze Energie, Kraft und Erfahrung in die Weiterentwicklung der Kirchgemeinde Zürich stecken, die ich als Mitglied der Übergangs-Kirchenpflege bereits seit fast zwei Jahren eng begleite. Klimafragen und Nachhaltigkeit sind für mich kein Projekt, sondern eine Haltung, die ich bereits seit 30 Jahren konsequent lebe. Als Mutter von zwei erwachsenen Kindern bilde ich mit meinem Partner und seinen zwei Kindern eine Patchworkfamilie.

 

Im Wahlkampf um die sieben Sitze in der Kirchenpflege, der am 17. November 2019 entschieden wurde, traten Sie, Herr Peter, ausdrücklich fürs Präsidium an. Nun möchten Sie Kirchenpfleger bleiben, auch wenn Sie nicht Präsident werden sollten: Weshalb haben Sie Ihre Meinung geändert?

R.P.: Dass mir ein Sitz als ‹gewöhnliches› Mitglied der Kirchenpflege nicht gut genug gewesen wäre, war ein Missverständnis: Das Gesetz lässt es gar nicht zu, dass ich als Pfarrer der Kirchgemeinde Zürich gleichzeitig Mitglied der Kirchenpflege bin, denn diese ist das Aufsichtsorgan, das auch die PfarrerInnen und deren Arbeit überwacht. Da man als KirchenpflegerIn ein 20-Prozent-Pensum übernimmt, muss man folglich für die restlichen 80 Prozent eine weitere Stelle haben. Nach meiner Wahl zum Kirchenpfleger habe ich nun meine wunderbare Stelle als Pfarrer am Neumünster aufgegeben und begebe mich mit 55 Jahren auf den Arbeitsmarkt. Aktuell schaue ich mich ausserhalb des Kantons Zürich nach einer Pfarrstelle um. Ich bin somit das einzige Mitglied der neuen Kirchenpflege, das für dieses Amt solch einschneidende berufliche Konsequenzen gezogen hat.

 

Sie, Frau Hegnauer, erklärten in einem Artikel im ‹reformiert.›, Sie würden 2022 nicht mehr zur Wahl an- und damit Ende 2022 aus der Kirchenpflege austreten. Bleibt Ihnen damit überhaupt genügend Zeit, um als Präsidentin der neuen Kirchenpflege Zürich ein Zeichen zu setzen und das Gremium voranzubringen?

A.H.: Die neue Struktur haben wir vor einem Jahr aufgebaut, ich bin seit zwei Jahren dabei: Für mich wäre es kein Neuanfang. Herr Peter hingegen müsste sich erst einarbeiten, und dann wären die drei Jahre auch vorbei. Drei von sieben Mitgliedern wurden neu in die neue Kirchenpflege gewählt, wir befinden uns mitten in einer Umbruchphase. Allerdings sind die Menschen an der Basis teilweise verunsichert. Was sie nun brauchen, ist Kontinuität und Stabilität, und das bekommen sie mit mir als Präsidentin.

R.P.: Kontinuität? Der aktuelle Präsident der Kirchenpflege, Andreas Hurter, ist nach dem 9. Februar weg! Die neue Kirchenpflege muss so oder so die Beziehungen gegen aussen erst wieder aufbauen, die zurzeit Herr Hurter hat.

A.H.: Ich habe sie auch.

R.P.: Das Präsidium wird neu besetzt, und erstmals überhaupt können alle stimmberechtigten Kirchenmitglieder an der Urne darüber befinden, wer Präsidentin oder Präsident wird. Er oder sie erhält damit die Aufgabe, diese Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Diese Aufgabe nach zweieinhalb Jahren bereits wieder abzugeben, finde ich unverantwortlich.

A.H.: Es sind drei Jahre – und auch bei dir, Res, gibt es keine Garantie, dass du mehr als drei Jahre im Amt sein wirst…

R.P.: Stimmt. Aber jetzt ist die Zeit da, um nach vorne zu schauen und neue Beziehungen zu knüpfen.

 

Vor der Abstimmung über die Einheitskirchgemeinde waren unter anderem die Finanzen ein Thema beziehungsweise sinkende Steuereinnahmen, falls sich der Mitgliederschwund fortsetzt. Gegenüber dem Budget der ehemals 34 selbstständigen Kirchgemeinden ist das Budget der vereinigten Stadtkirche jedoch nicht gesunken.

A.H.: Das Kirchenparlament hat uns eine halbe Million Franken mehr gegeben, als wir beantragt hatten, und zwar für fünf Stellen, um den laufenden Umbau unserer Strukturen gut zu bewältigen. Dass ein solcher Prozess zu Beginn mehr Geld benötigt als der Status quo, ist ein allgemein bekanntes Phänomen und nicht nur bei uns der Fall. Wir haben nie gesagt, die Reform sei eine Sparübung. Aber langfristig müssen wir mit weniger Ressourcen auskommen, und in diese Richtung sind wir auch bereits unterwegs.

R.P.: Ich bin damit einverstanden, dass ein solcher Umbau Geld kosten darf. Das Ziel ist, effizienter zu arbeiten. Die Steuern gehen zurzeit trotz schwindender Mitgliederzahlen nicht zurück, da die juristischen Personen in den letzten Jahren mehr zahlten. Doch angesichts der Unternehmenssteuerreform müssen wir davon ausgehen, dass das nicht so bleibt. Wir stecken bereits heute nur zwölf Mio. Franken pro Jahr in unsere Liegenschaften, es müssten aber 20 Mio. sein.

A.H.: Wir mussten einen Renovationsstau aus früheren Jahren abbauen. Unterdessen stecken wir jedes Jahr hohe Beträge in die Renovation unseres Bestandes.

R.P.: Trotzdem finde ich, wir sollten jetzt, wo es so billig ist, 120 Mio. Franken aufnehmen, unsere Kirchen sanieren und etwas Gescheites aus unseren 50 Liegenschaften machen, um vorbereitet zu sein, wenn dereinst auch die Einnahmen von den juristischen Personen schwinden. Zudem sollten wir in den nächsten zehn Jahren zehn Prozent unseres Budgets, also rund zehn Mio. Franken, für neue, innovative Projekte reservieren, die bisher nicht möglich waren.

A.H.: Ach so, du hast meine Idee eines freien Kredits übernommen, die ich an der Podiumsdiskussion vom 16. Januar äusserte? Ich schlage einen solchen zur Vereinfachung von Abläufen vor, damit man in den Kirchenkreisen freier und auch mal spontaner entscheiden kann und für ungeplante oder innovative Aktivitäten.

R.P.: Was ich vorschlage, ist ein Systemwechsel! Das sind wir der Bevölkerung schuldig.

 

Wie stehen Sie zu aktuellen Fragen, zum Beispiel zur Konzernverantwortungsinitiative oder zur Ehe für alle?

A.H.: Die Ehe für alle unterstütze ich ohne Wenn und Aber. Ich finde es auch gut, dass die Kirche hier nicht in einer Sache ‹nachziehen› muss, die der Staat beschlossen hat, sondern dass sie sich bereits positioniert hat. Die Kirchenpflege unterstützt auch die Konzernverantwortungsinitiative: Man kann diskutieren, ob die Initaitive das richtige Instrument ist, um die Menschenrechtslage zu verbessern, aber inhaltlich stehen wir voll dahinter.

R.P.: Ich bin Mitbegründer der Website «Kirche für Konzernverantwortung», die vom Verein «Kirche Wirtschaft Ethik» getragen wird. Damit bieten wir rund 600 Einzelpersonen und 14 Landeskirchen, die sich für mehr Konzernverantwortung aussprechen, eine ökumenische Bühne.

 

Wie erreicht die Kirche, wie erreichen Sie persönlich die Klimajugend? Und welchen Stellenwert hat das Label für kirchliches Umweltmanagement, der «Grüne Güggel»?

A.H.: Die Kirchenpflege unterstützt die Klimajugend, und wir haben aktuell Pläne für konkrete Aktionen. Details darf ich jedoch noch nicht verraten. Persönlich lebe ich sowieso ‹rot-grün›. Der «Grüne Güggel» ist ein Label, das geht mir zuwenig weit. Ich möchte die Haltung der Menschen verändern, aber nicht ausschliesslich über ein Label oder über Gesetze, sondern über Bewusstseinsbildung.

R.P.: Das zeugt von Unverständnis dafür, was der «Grüne Güggel» ist: Was du hier betonst, die Bewusstseinsbildung und die Bedeutung der Basis – das ist der «Grüne Güggel»! Aber die Behörde muss Ja sagen dazu, sonst kommt nichts ins Rollen. Ich möchte in meinem Kirchenkreis seit sechs Jahren «Güggel»-Projekte durchführen; immer wieder sagt man mir, «wir haben keine Zeit, wir haben im Moment anderes zu tun». Dabei wäre es ganz einfach: Die Behörde gibt den Startschuss, und dann kann man Geld ins Budget einstellen und loslegen. Wir haben gerade das heisseste Jahr seit langem hinter uns, und wir sitzen da und tun nichts!

 

Was würden Sie denn tun?

R.P.: Ich möchte beispielsweise die Heizungen unserer Liegenschaften erneuern oder sie an die Fernwärme anschliessen, Solarpanels auf unsere Dächer montieren, Grünräume schaffen, Wildpflanzen säen oder endlich den Wunsch unserer Konfirmanden nach ein paar Hochbeeten für ein Urban-Gardening-Projekt erfüllen. Aber eben: Es fehlt der Grundsatzentscheid – den Frau Hegnauer längst in der Kirchenpflege einbringen könnte…

A.H.: Bauliches lässt sich ohne grossen Widerstand realisieren, es braucht jedoch auch Verhaltensänderungen im Alltag. Ich möchte mit zwei, drei Kirchenkreisen den Prozess mit dem «Grünen Güggel» starten. So können wir ein, zwei Jahre lang ausprobieren, und danach lassen sich die Erfahrungen auf die ganze Kirchgemeinde extrapolieren.

 

Können Sie sich vorstellen, dass unter Ihrer Präsidentschaft Liegenschaften für geflüchtete Menschen bereitgestellt oder Kirchen umgenutzt werden?

A.H.: Wir haben soeben eine Herberge für geflüchtete Frauen durchs Kirchenparlament gebracht. Solchen Menschen zu helfen und ihnen bei Bedarf auch Liegenschaften zur Verfügung zu stellen, gehört, wie übrigens auch die Gastfreundschaft, zum urchristlichen Gedankengut.

R.P.: Ich möchte ergänzen, dass wir nicht nur selber etwas für geflüchtete Menschen machen, sondern zum Beispiel auch der Stadt Räume zur Verfügung stellen. Ich würde das weiterhin so handhaben.

A.H.: Unsere «Herberge zur Heimat» ist ein Nischenprodukt, etwas, was der Staat nicht abdeckt. Aber wo der Staat bereits aktiv ist, besteht kein Anlass für die Kirchen, mitzumischen. Wir springen dort ein, wo es Lücken gibt.

 

Müssen in der Liegenschaftenverwaltung der Stadtkirche wirklich 22 Leute arbeiten?

R.P.: Hier können wir nicht abspecken, wenn wir unsere Pläne verwirklichen wollen. Unsere Liegenschaften sind speziell, viele sind denkmalgeschützt, kurz: Wir müssen sie selbst verwalten.

A.H.: Früher waren 32 VerwalterInnen in den Gemeinden tätig, Behörden und Freiwillige, heute haben wir eine zentrale und professionelle Verwaltung, und das ist gut so. Ich strebe an, dass wir ein Drittel unserer Liegenschaften gemeinnützig verwalten, uns also ans Drittelsziel halten, das die städtischen Stimmberechtigten gutgeheissen haben. Ein weiteres Drittel möchte ich für soziale Zwecke nutzen, und das letzte Drittel sollte dazu dienen, Geld einzunehmen. Aber das ist meine persönliche Meinung.

 

Aber es ist eine Reaktion darauf, dass die reformierte Kirche in der Vergangenheit als «Spekulantin» gebrandmarkt wurde?

A.H.: Das war ein kommunikativer Supergau: Wir hatten nie einen Passus im Leitbild, dass wir möglichst viel Geld mit unseren Liegenschaften machen wollen. Es wurden Begriffe verwechselt oder Aussagen anders interpretiert.

 

Wenn Sie gewählt werden: Wo steht die Kirchgemeinde Zürich bei den nächsten Wahlen im Jahr 2022?

A.H.: Wenn ich gewählt werde, hat sie nach drei Jahren ein ganz solides Fundament, die MitarbeiterInnen sind in der neuen Struktur heimisch geworden und gegenüber heute entlastet, das Budget ist ausgeglichen, alle wissen, was sie zu tun haben, und die Zusatzkosten wegen der Reform sind Vergangenheit.

R.P.: Wenn ich gewählt werde, haben wir dannzumal angefangen, auf dem bestehenden Fundament weiterzubauen. Wir haben Neues gewagt und Altes gefestigt, die Menschen sind vertrauensvoll unterwegs, sie haben den Sinn in ihrer Arbeit gefunden, sie wissen, weshalb sie tun, was sie tun – und der «Grüne Güggel» hat lustvoll zu krähen angefangen.

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