Korrekt gendern

Letzte Woche sorgte das Thema des gendergerechten Sprachgebrauchs mal wieder für ein Aufrührchen; die Gratispresse vermeldete, dass es an der Universität St. Gallen (HSG) bei Prüfungen Abzug gebe, wenn nicht korrekt gegendert werde. Nun, gegen den Punkteabzug ist nichts einzuwenden, schliesslich dürfen wir von Studierten die Fähigkeit zu einem bewussten Sprachgebrauch und auch das Beherrschen (ups! Fettnapf!) inklusiver Schreibweisen erwarten. Mich interessierte denn auch weniger die Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn des Genderns als die Behauptung eines ‹korrekten› Genderns. Gibt es denn bereits Regeln dazu? Darf ich heute noch mit Binnen-I schreiben, oder gilt nur noch der Gender*stern oder gar der Gender_gap?

 

Der Duden jedenfalls, die unangefochtene Instanz korrekten Deutschs, weiss davon (noch) nichts. So suchte ich auf der HSG-Website nach Richtlinien – wenn etwas geprüft wird, sind die Regeln ja gewiss formuliert – und wurde fündig. Der «Leitfaden für eine inklusive Sprache» bietet einen Überblick zum Thema; Eindeutigkeit oder Verbindlichkeit schliesst er aber explizit aus: «Dieser Leitfaden stellt eine Auswahl von Möglichkeiten zur Verfügung und macht bezüglich der Wahl verschiedener Strategien in der Umsetzung einer inklusiven Sprache keine Vorschriften.» Entwarnung also; ‹korrekt› meint in diesem Zusammenhang wohl ‹konsistent und durchgängig›; in der Wahl der Form dürften die Studierenden aber auch an der HSG frei sein.

 

Wenn Sie sich für das Thema interessieren, lohnt sich ein Blick in diesen Leitfaden; mit einer Web-Suche ist er leicht zu finden. Die Strategien des Genderns werden in zwei Gruppen eingeteilt: Neutralisierung und Sichtbarmachung. Neutralisierung heisst: Wir formulieren so, dass kein Geschlecht genannt wird. Sichtbarmachung dagegen: Wir formulieren so, dass beide oder alle Geschlechter genannt sind.

 

Während Neutralisierung nur zu umständlichen Texten führt, birgt die Sichtbarmachung den Sprengstoff, der das Thema immer wieder aufkochen lässt. Bis vor einigen Jahren war ich mit der Binnen-I-Schreibung modern und feministisch; doch neuerdings setze ich mich damit dem Verdacht aus, ich wolle die Transmenschen ausschliessen. Technisch gesehen gibt es zwischen LeserInnen, Leser*innen, Leser_innen und Leser:innen keinen Unterschied, es sind nur andere Zeichen, doch irgendwer hat definiert, dass LeserInnen nur Männer und Frauen einschliesse, Leser*innen aber alle anderen auch. Und damit wird das Gendern politisch, denn es gibt gar keine neutrale Form mehr. Egal ob ich die LeserInnen oder die Leser*innen anspreche, ich füge dem Text eine Meta-Ebene hinzu, die aussagt, wie ich zu Transmenschen stehe. 

 

Ich bin also ein Fan von Neutralisierung. Das Problem der Sprache und ganz besonders der deutschen ist nicht, dass sie zu wenig Geschlechter unterscheidet, sondern dass sie überhaupt Geschlechter unterscheidet. 

 

Dies ist also keineswegs ein Plädoyer gegen das Gendern, im Gegenteil: Die Sprache ist zwar schwierig, hat aber die wunderbare Eigenschaft, dass sie sich stetig wandelt und den Bedürfnissen der Menschen anpasst. Das Bedürfnis nach inklusiver Sprache ist unbestritten, und die Suche nach passenden Formen hat erst begonnen. Je mehr und je kreativer gegendert wird, desto eher werden sich in Zukunft Formen herausbilden, die als inklusiv empfunden werden und trotzdem elegant und flüssig zu lesen sind.

 

Markus Ernst

 

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