Konservativ (und) nachhaltig?

Schon anfangs März gab’s hier einen Blick ins gern so genannte Ländle – mit einem Streifzug durch ‹thema vorarlberg›. Anlass waren die dort angesagten Wahlen. Sie wurden wegen Corona verschoben. Aber ich las weiter, ergänzte das Spektrum mit der ‹AKtion› und dem ‹ORIGINAL›, fand alles immer spannender. Wächst im konservativen, schwarzgrün regierten nahen Osten klammheimlich ein Vorbild bezüglich Nachhaltigkeit heran?

 

Hans Steiger

Nun hat Vorarlberg gewählt, am 13. September. Nichts mitbekommen? War ja auch nur kommunal, ohne richtige Sensationen: Tendenziell weniger schwarz, in den grösseren Gemeinden deutlich mehr grün, wobei die klassische Vorarlberger Volkspartei im Ländle dominierende Kraft bleibt. Die rechtere FPÖ konnte von vier Bürgermeistern drei halten, der SPÖ blieben ihre bisherigen zwei. Letztere amtieren übrigens eher unerwartet im an der Schweizer Grenze gelegenen alpinen St. Gallenkirch und im nicht minder ländlichen Bürs, das sich als sogenannte E-5-Gemeinde «in der Energiepolitik und im Klimaschutz stark machen» will. Bei der am Wochenende stattfindenden Stichwahl könnte in Lochau am Bodensee sogar erstmals ein Grüner gewinnen.

 

Denkanstössiges zu zentralen Fragen

Als ‹thema vorarlberg›-Leser würde mich das nicht wirklich wundern, denn sogar dieses Blatt, das seine «Standpunkte für Wirtschaft und Gesellschaft» im Auftrag der regionalen Wirtschaftskammer unter die Leute bringt, präsentiert die Nachhaltigkeit in ziemlich jeder Ausgabe als zentrales Ziel. Manchmal wird sie eher oberflächlich mit Modebegriffen wie Digitalisierung oder Innovation gekoppelt und von einzelnen Unternehmen als Pioniertat plakatiert. Doch in der Juni-Ausgabe, wo «von altem Wissen und guten Beispielen» für eine zukunftsfähige Ordnung die Rede war, pflückt der Chefredakteur einen prägnanten Satz von Ulrich Grober heraus, einem punkto Ökologie besonders bewanderten Publizisten: «Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks. Sie ist unser ursprünglichstes Weltkulturerbe.» Was aber nicht ausschliesst, dass in derselben Ausgabe wie in allen davor und danach auch weit weniger grüne, ja konträre Stimmen zu Wort kommen. Dass sich etwas bewegt ist allerdings spürbar.

Das zehnmal im Jahr erscheinende und gern brisante Themen aufgreifende Blatt gab auch Corona viel Raum. Der geplante Innovations-Schwerpunkt wurde gleich direkt damit verknüpft: «Die Krise als Beschleuniger von neuen Ideen.» Mit betont provokativem Ansatz wird ein Politologe zu Pandemie und Demokratie befragt. Dann greift Helmut Kramer eine NZZ-Polemik auf: «Seuchen-Sozialismus?» Aber der kommentierende Wirtschaftsforscher aus Bregenz übernimmt den Spruch nicht, weist sogar spitz auf Hilfsgelder hin, die das keineswegs notleidende Zürcher Finanzblatt selbst anzunehmen gedenke. So geht es im ‹thema› häufig zu und her. Ansichten, Rückfragen, Widersprüche. Im zweiten Bund gehört eine «Quergedacht»-Seite zum festen Bestand. Da liest das Wirtschaftskammer-Publikum im September zum Beispiel, dass unsere Welt schon vor Corona «keine normale, sondern eine letale» gewesen sei. Auch angesichts von Klimakrise, «schamloser Ausbeutung von Ressourcen, sozialer Ungleichheit, Massentourismus et cetera plädiert Psychiater Albert Lingg «für ein Pflichtfach Ethik – schon ab der Grundschule!» Neben ihm noch ein Votum für «Biolandbau als Chance». Diese wurde in Vorarlberg bisher unterdurchschnittlich genutzt. Auch nach bald einem Jahr intensiver Lektüre finde ich meinen ersten Eindruck bestätigt: Hier wird Denkanstössiges im besten Sinne angeboten, und dies meist auf hohem Niveau. So lässt sich ertragen, was in einem Unternehmensverbandsorgan an Erwartbarem mitgeliefert wird. Wobei die Spitzen gegen die SPÖ auffallend öd sind.

 

In der Arbeiterkammer verklammert

Wie steht es auf der Gegenseite? Neben der offiziellen Wirtschaftskammer, der WK, gibt es ja in Österreich und seinen Bundesländern eine AK, die Arbeiterkammer. Auch sie wendet sich mit einer regionalen Publikation, der ‹AKtion›, an die Bevölkerung. Untertitel: «Vorarlberger Monatszeitung für Arbeit und Konsumentenschutz.» Schon auf den ersten Blick scheint diese weit weg von jener der Arbeitgeber, ganz anders gestaltet und betont populär. Da wird weniger diskutiert, mehr gefordert, hingewiesen, Hilfe angeboten. Schon im April in Grossschrift: «Was kommt nach dem Danke? AK fordert 1700 Euro Mindestlohn netto für Berufe, die uns durch die Krise bringen!» Mai: «Ärmel hoch!» Alle klassischen Postulate zum Tag der Arbeit, aber plus Klimagerechtigkeit. Illus­triert mit dem 3-Meter-Arbeiter, welcher die Fassade des Verbandsgebäudes in Feldkirch schmückt. Juni: «Sie wollen sich weiterbilden oder brauchen jetzt eine Umschulung, die diesen Namen auch verdient?» Angeboten werden in Vorarlberg rund 100 Kurse zum halben Preis …

Eine auffallende Parallele zur Unternehmer-Zeitung: Die beiden Verbänden vorstehenden Männer sind in Bild und Wort omnipräsent. Je praktischer es wird, desto mehr kommen Frauen vor, wenigstens auf Fotos. Wohl mit kritischer Ironie ist der Titel einer Kolumne gesetzt, die Uni-Professorin Irene Dyk-Ploss der ‹AKtion› liefert: «Weiberkram». Sie merkte im Mai an, dass jetzt für einmal Frauen «systemrelevant» und weniger von Arbeitslosigkeit betroffen seien. Dafür umso mehr «erschöpft und ausgelaugt», und schlecht bezahlt, wie gehabt. Wieder ex­trem – mit einer Ausnahme – männlich geprägt ist die fixe Seite, auf der jeweils eine aktuelle Frage in Ministatements von verschiedenen politischen Standorten aus beantwortet wird. Das gibt zwar argumentativ wenig her, zeigt jedoch das Spektrum der Fraktionen, aus denen die Gremien der Organisation in Wahlen zusammengesetzt werden. Stimm- und Wahlrechte haben alle, unabhängig vom Pass. «Heimat aller Kulturen» heisst eine der Listen. Grüne und Unabhängige nennen sich «Liste Gemeinsam». Beide markieren Minderheitspositionen neben den hergebrachten rechten und linken Kräften. Aber die Kammer scheint so gut verklammert, dass deren zentrale Postulate meist von allen mitgetragen werden.

Mich spricht die AK-Zeitung auf einer anderen Ebene an als das WK-Forum, von dem ich mich als Aussenstehender intellektuell prima bedient fühle. Bei den Bemühungen der AK fiebere ich solidarisch mit, wäge allenfalls ab, was an dieser Art von Interessenvertretung die Vorteile gegenüber der weniger durchstrukturierten bei uns ist. Sie hat bestechende Elemente, wirkt weit besser verankert als die primär gewerkschaftlich geprägte Form der Interessenvertretung. In neueren Befragungen erreicht die Arbeiterkammer, was das Vertrauen in der Bevölkerung betrifft, Spitzenwerte. Mit riesigem Abstand etwa zu den Parteien. Bestrebungen von rechts, die «Zwangsmitgliedschaft» bei dieser Organisation und damit die Finanzierung ihrer Aktivitäten auszuhebeln, sind wiederholt gescheitert. Umgekehrt haben die AK-Angebote oft etwas gar betulich Betreuendes, und das ‹work› kommt als Agitationsblatt lebendiger daher – falls dieser Vergleich überhaupt zulässig ist. Es gibt ja auch in Österreich noch einen Gewerkschaftsbund, der eigenständig agiert.

 

100 Jahre alt, jugendlich neu bewegt

Auf jeder Seite der ‹AKtion› ist derzeit oben ein kleines Signet eingerückt: «AK –100 Jahre Gerechtigkeit». Denn die Arbeiterkammer wurde 1920 geschaffen, siebzig Jahre nach der damaligen Handelskammer. In einem dicken roten Buch, das die jüngere Geschichte der Institution aufarbeitet, wird offen gelassen, ob sie damals in der neuen Verfassung eher als Ergänzung oder als klarer Kontrapunkt gedacht war. Nicht wenige hätten sich davon «ein Instrument der Selbstverwaltung der Arbeiterschaft» und «radikale Marxisten» gar eine Basis zur Errichtung einer Räteherrschaft erhofft. Aber in Vorarlberg behielten in der Regel christliche Gewerkschaften die Mehrheit, mit der Wirtschaftskammer wurde trotz Konflikten stets «Sozialpartnerschaft» gesucht und gepflegt. «Es gab keinen Bereich im Leben eines Arbeitnehmers, mit dem sich die Arbeiterkammer nicht beschäftigte», hält der Chronist fest, sie sei zur «Generalratgeberin und Helferin» in schwierigen Situationen geworden. Ziel sei die Förderung sozial benachteiligter Gruppen gewesen, zu denen «Frauen, Pensionisten und Lehrlinge» gehörten. Aber auch als Vorkämpferin wird sie gewürdigt: «Die AK war in Vorarlberg die erste Einrichtung, welche sich vehement für Umweltfragen, Umweltschutz und Energiesparen einsetzte.» Tatsächlich wirkt, was «Univ.-Prof. MMag.» – nicht nur das typisch österreichisch – Gerhard Wanner diesbezüglich aus den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts an Kampagnen erwähnt, wegweisend und mutig. Für konsequente Förderung des öffentlichen Verkehrs, gegen «Autokult» …

Wer die Website konsultiert, findet ein rasantes Video, das eine Reise durch die letzten 100 Jahre mit einer prägnanten Parole verknüpft: «Gerechtigkeit ist gekommen, um zu bleiben.» Vielleicht moderner Kitsch? Aber stark! Jede und jeder wird eingeladen, im nie beendeten Kampf aktiv mitzutun. Und die im AK-Jugendbereich entschieden geförderte Bewegung für Klimagerechtigkeit zeigt, wie sich rote und grüne Visionen nahtlos verbinden.

 

Frauen formatieren in anderer Art

Nochmals grundverschieden das viel später keck als ‹ORIGINAL› gestartete «Magazin für nachhaltige Lebenskultur». Chefredakteurinnen sind hier zwei relativ junge Frauen. Es wird in Bregenz gemacht, in Lustenau gedruckt, setzt deutliche Akzente auf Vorarlberg, ist aber an ganz Österreich und explizit auch an die Nachbarschaft in der Ostschweiz sowie im südlichen Deutschland adressiert. Neben normal abonnierten Heften gibt es gelegentliche Grossauflagen. Wie bei ‹thema vorarlberg› werden Journalismus und Public Relations eher gemixt statt getrennt. Einfach leer schlucken, weil die Sache gut ist? Zumindest ist es als Vorbehalt im Auge zu behalten. Inserierenden wird die folgende Zielgruppe angeboten: «Bildungs- und kulturinteressierte LeserInnen, liberale Grundhaltung, Wunsch nach selbstbestimmtem Leben, vielfältige intellektuelle Interessen, global-ökonomisches Denken, Konsum- und Stil-Avantgarde, IT- und Multimedia-Kompetenz, mental und geografisch mobil, online und offline vernetzt und auf der Suche nach neuen Grenzen und neuen Lösungen, ökologisches und soziales Gewissen.» Dem einen oder anderen in den Heften präsentierten Beispiel begegnete ich schon in der Zeitung der Wirtschaftskammer. Auch bei den Schreibenden gibt es Überschneidungen. So wirkt etwa der oben erwähnte Nachhaltigkeits-Spezialist Grober im ‹ORIGINAL› als Kolumnist mit. Doch die Machart ist nobler. Zeitschrift statt Zeitung, betont kunstnah, zudem keine penetrant präsentierten Kammer-Obmänner. Offensichtlich planen, inspirieren, gestalten und formatieren Frauen auch Ähnliches anders.

«Heuer könnte die Sonnwende auch einen ideologischen Wendepunkt markieren», haben die Editorinnen im Juni-Editorial notiert. Schon seien ja viele der Selbstverständlichkeiten unseres europäischen Konsumalltags durch Corona in ein neues Licht gerückt. «Aber: Agrarwende, Verkehrswende, Klimawende – wo anfangen?» Mehr bunt als rund wird eine Szene vorgeführt, die den grünen New Deal einfach mal im Kleinen probiert. Beim für August aufs Cover gesetzten Wald wird die global dramatische Entwicklung gezeigt, dann aber auch Österreich als «ein Vorbild beim Schutz der Wälder» vorgeführt, auf regionale Gruppen der ‹Via Campesina›-Bewegung hingewiesen, gar ein Rezept für Bergkäsknödel auf Lauch und Pilzen wird geliefert – inklusive Hinweis, dass die im Bregenzerwald, noch genauer: in Hittisau im Gasthof Krone, zu geniessen wären. Klar, dass dieses Hotel in der Zeitschrift auch mit Anzeigen vertreten ist. Und wer schon mal in Hittisau ist, soll unbedingt das dortige Frauenmuseum besuchen, eine sogar europaweit recht einmalige Einrichtung. Dies war nun ein Werbspot von mir … Erfreut stiess ich beim Stöbern in älterer Ausgaben auf den Text von Fritz Bereuter, der für «einen Neustart der Wirtschaftspolitik» plädiert und als frühen Zeugen den schreibenden Bauern Franz Michael Felder zitiert. Es war dessen packende Autobiographie, die mich erstmals in den Bregenzerwald gelockt hat. Er und sein Schwager seien «Ahnherren der Vorarlberger Sozialdemokratie» gewesen, obwohl ihre vor rund 150 Jahren gegründete «Vorarlbergsche Partei der Gleichberechtigung» christlich geprägt war und bald wieder verschwand. Auch hier: Schwarz? Rot? Grün? Farbig.

 

Es wäre dem Ländle zu wünschen

Ein paar Besuche plus Begleitlektüre reichen natürlich nicht für eine profunde politische Analyse. Aber mir scheint, die hier gegebenen, ziemlich speziellen Strukturen vermochten sowohl die neoliberalen Exzesse wie die rechtspolitischen Aufwallungen einzudämmen. Bei genug Druck von unten und gutem Willen offener Verantwortlicher könnten sie auch eine nachhaltige Neuordnung stützen. Es wäre unserem schön spannenden Nachbarländle zu wünschen.

 

Thema Vorarlberg. Standpunkte für Wirtschaft und Gesellschaft / AKtion. Vorarlberger Monatszeitung für Arbeit und Konsumentenschutz / ORIGINAL. Magazin für nachhaltige Lebenskultur. Die drei Publikationen sind alle digital abrufbar: themavorarlberg.at, arbeiterkammer.at, original-magazin.at. 

 

Das erwähnte Buch: Gerhard Wagner: Geschichte der AK Vorarlberg 1986-2016. Herausgegeben wurde es 2017 von der Arbeiterkammer. Mehr – auch zur älteren Historie und zur aktuellen Jubiläums-Animation – ist auf deren Website zu finden.

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