(Bild: Toni Suter)

Konfliktscheu

Die Lochers haben sich hinter einer Vollkaskoneutralität abgeschirmt, bis sie eine offenherzige Kreuzfahrtbekanntschaft aus der Deckung holt.

Die von Steven Moffat erdachte Paarkonstellation ist unschlagbar, sofern das Ziel eines sogenannt bequemen Lebens darin bestünde, es in kon­stant abwartender Befürchtung passiv an sich vorüberziehen zu lassen. Peter (Alexandre Pelichet) gaukelt eine permanente Überbeschäftigung vor, die es ihm erlaubt, überhaupt nicht zuzuhören und darauf zu vertrauen, dass sich aufscheinende Probleme schon irgendwie von selbst wieder auflösen werden. Alle. Debbie (Tonia Maria Zindel) findet angeblich Erfüllung in der fatalen Kombination einer gluckenhaften Übervorsicht mit vorauseilendem Erledigungsdrang. Also angeblich, denn im Ernstfall schiebt sie Peter die Verantwortung zu und harrt der Dinge, die da nicht geschehen. Kein Wunder sind ihre pubertierenden Kinder Alex (Rafael Luca Oliveira) und Rosa (Gina Markowitsch) einigermassen verhaltensauffällig. Alex schert sich um Nix einen Deut und Rosa schimpft mangels empfundener Wertschätzung alle anderen als egozentrisch. Beide laufen bei ihren Eltern damit auf, was aus deren Perspektive indes folgenlos bliebe, sofern die Welt sich auf ein Reiheneinfamilienhaus reduzieren liesse. Die Aussenwelt stürmt in «Mordsfreundin» als personifizierter Wirbelwind mit US-amerikanischen Attributen der aufsässig zugeneigten Neugier, einem Händchen für pragmatische Lösungen und der Offenheit, freudig in jedes Fettnäpfchen separat zu treten. Allerdings steht im Internet über diese exaltiert divenhaft auftretende Elsa Jean Krakowski (Wanda Wylowa) auch, sie habe mehrere ihrer Gatten, ihre Geschwister und wer weiss, wen sonst noch auf bislang unbekannte Weise um die Ecke gebracht. Zur Sprache kommt das bei den Lochers allerdings nur in der Theorie, genauso wie ihr ewiges Lavieren sie davon abhält, rechtzeitig darin zu insistieren, den angekündigten Besuch doch bitte bleiben zu lassen. Selbstredend kommt sie Tage zu früh und bleibt Tage zu lang. Aber in Windeseile verwandeln sich die Teenager in selbstständige, selbstbewusste Personen mit eigener Meinung, Wünschen und Gestaltungswillen. Sogar den hartnäckigen namenlosen Nachbarn (Peter Hottinger) weiss sie für ihre Sicht der Dinge zu gewinnen, dass es ihm erscheint, es wäre seine Idee gewesen, und den nur so mittelprächtig cleveren Polizisten (Kamil Krejci) packt sie an dessen Verfressenheit. Peter und Debbie schauen diesem Treiben stumm und mit offenen Mündern verwundert zu und schaffen mit ihrer Verdruckstheit immer neue Fallhöhen für die wunderlichsten Niederungen alias Pointen.

«Mordsfreundin», bis 1.3., Bernhard Theater, Zürich.