Kolossales Unvermögen

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. So oder so ähnlich stets in einer Lebensanleitung, deren Inhalt theoretisch ein Grossteil der abrahamitisch geprägten Weltgesellschaft für richtig einstuft. Und was tut sie praktisch?

 

Michel Schröder und kraut_produktion wagen einen Blick zurück im Jux. Das Publikum nimmt die mutmassliche Perspektive von Ausserirdischen aus einer Zukunft auf das menschliche Gehabe der Jetztzeit ein und wird zuallererst mit Unterhaltung höchster Güte gefüttert. Ein Dressurspektakel, eine ausgelassene Feier, ein wirklicher Versuch der buchstabengetreuen Umsetzung der hehr­sten Ziele wie politisch korrektes Shopping oder ein bis in ihr Gegenteil verkehrtes Durchdeklinieren einer Hunderprokonsequenz. Nur mittelprächtig gewählt ist in dieser ganzen Anlage allein die Spezies. Ein Haufen Moleküle komplettester Fehlbarkeit, die als Begründung für ihr kolossales Unvermögen die Mathematik erfunden hat, wo minus mal minus plus ergibt. Wie meist, ist auch «Nach uns die Zukunft» regelrecht obszön. Nicht etwa im körperlich Schambehafteten, sondern im Entblössen eines Bewusstseins für die eigene Inkonsequenz. Wenn es Denise Wintsch als Kupfer-Wolle-Bast-Basisdemokratie-Selbstverwaltungs-Weltverbessererin die Hutschnur platzt, ist das ein billiger Lacher. Begleitet allerdings von der hinterlistigen, beinahe schon boshaften Absicht, dem Publikum ein Überlegenheitsgefühl zu vermitteln, es also in Sicherheit zu wiegen: Ich gut, Bühnenpersonal strunzdoof. Kraut-üblich mäandern die Inhalte ausufernd weit herum bis in die komplette Unübersichtlichkeit, allein mit der Absicht der egalitären Chancengleichheit für alle. Auf irgend einem dieser vielen Umwege findet sich für alle im Publikum ein Puzzleteilchen, in dem das eigene Gelächter zur nur noch vorgetäuschten Gruppendynamik wird, der Kern der Kritik aber ins Schwarze trifft. Die allgemeine Heiterkeit respektive beispiellose Ungelenkheit erleichtert es ungemein, den träfen Spott während der gesamten Spieldauer als Kurzweil und Amüsement abzutun. Vergleichbar wie Pannenfilmchen oder Katzenbilder im Internet einen verblüffenden Pu­blikumszuspruch haben. «Nach uns die Zukunft» appelliert an die niedersten Instinkte und hofft auf die gegenteilige Wirkung ihrer Ironiebreitseite. Respektive vertraut darauf. Denn der hoch erhobene Moralfinger fehlt bis zum Schluss, weil die Truppe das Publikum als solches ernst nimmt ergo ihm die Eigenverantwortlichkeit einfach entschlüsselbar und mit Wumms vor die Füsse knallt. Ist ja kein Nachdiplomstudium hier . Sondern mit Verve betriebene, elitäre Kunst also Irrsinn.

 

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