Klimaziel erfordert radikale Wende

«Netto Null» Klimagase bis 2050: Die neuen Energieperspektiven des Bundes zeigen, was es technisch braucht, damit die Schweiz dieses Ziel erreichen kann. Politische und wirtschaftliche Hürden werden nicht thematisiert.

 

Hanspeter Guggenbühl

Die Ergebnisse der Energieperspektiven 2050 «zeigen, dass die Schweiz ihre Energieversorgung bis 2050 klimaneu­tral umbauen und gleichzeitig die Energieversorgungssicherheit gewährleisten kann». Mit dieser vollmundigen Ankündigung präsentierte das Bundesamt für Energie (BFE) vor einer Woche seine neusten Energieszenarien, die ein Team unter Leitung der Prognos ausgearbeitet hatte. Diese Szenarien zeigen allerdings nur, welche technologischen Wege die Schweiz beschreiten müsste, um das bundesrätliche Ziel «Netto Null Treibhausgas-Emissionen» im Jahr 2050 zu erreichen. Ob Politik, Wirtschaft und Bevölkerung tatsächlich auf diesen Weg umschwenken, ist ungewiss. Denn der notwendige energetische Kurswechsel ist radikal.

 

Weiteres Wachstum, schnellere Wende 

Zusätzlich erschwert wird das Ziel durch die Faktoren Menge und Zeit: Mengenmässig gehen die Szenarien von einem weiteren Wachstum der Bevölkerung (plus 18 Prozent), der Wirtschaft (plus 38 Prozent), des Verkehrs (plus 18 bis 28 Prozent) sowie der Menge an umbautem Raum und Energieanwendungen aus. Eine Wirtschaft, die in einem der reichsten Staaten der Welt nicht mehr weiter wächst, oder eine Gesellschaft, die ihren Konsum pro Kopf nicht weiter steigert, sehen die Szenarien-VerfasserInnen ebenso wenig vor wie ein genügsameres Verhalten, neudeutsch: Suffizienz. Sie setzen allein auf heutige und künftige Technik.

Gleichzeitig läuft die Zeit davon. Denn das Zieljahr 2050 liegt heute näher als vor acht Jahren, als der Bund die vorherigen Energieperspektiven mit tieferen Anforderungen an die Energiewende präsentierte. Und über die Umlenkungsinstrumente, die es braucht, um die klimaneutrale Schweiz zu verwirklichen, brütet die Wissenschaft und streiten politische Parteien und Wirtschaftsverbände weiterhin.

 

Weitere Steigerung der Energieeffizienz nötig

Trotz Wachstum erwarten die AutorInnen der Szenarien von 2019 bis 2050 einen weiteren Rückgang des End-Energieverbrauchs, nämlich um insgesamt 31 Prozent beim Szenario «Netto Null Treibhausgase». Dabei gehen sie von einer steigenden Energieeffizienz von Gebäuden, Motoren, industriellen Prozessen und Verkehrsmitteln aus. Der bisherige Trend müsste sich damit verstärken: Schon von 2000 bis 2019 hat der End-Energieverbrauch in der Schweiz dank Effizienzsteigerung um rund 18 Prozent abgenommen; dies allerdings nicht insgesamt, sondern pro Kopf der (wachsenden) Bevölkerung.

Innerhalb des Energiekonsums rechnen die AutorInnen mit einer massiven Verlagerung – weg von den fossilen Energieträgern Öl und Gas, die heute mehr als die Hälfte des Schweizer Energiekonsums decken, hin zur Elektrizität. Als Folge davon werde der Stromverbrauch – trotz Effizienzsteigerung – bis 2050 um 45 Prozent zunehmen. Ein Teil dieses Zuwachses verursacht der prophezeite Umstieg auf Elektroautos und Elektro-Wärmepumpen, der andere Teil resultiert aus Energieverlusten durch Speichertechniken, insbesondere die Umwandlung von Sommerstrom zu Wasserstoff.

 

Steile Zunahme der erneuerbaren Stromproduktion

Das klimapolitische Szenario «Netto Null» und die damit verknüpfte Energiewende erfordern – als Folge des Atomausstiegs – innerhalb der Elektrizität einen radikalen Umstieg auf erneuerbare Produktion. Und hier setzen die neuen Szenarien Quantensprünge voraus, deren Gelingen höchst fraglich ist. Konkret:

• Die Stromerzeugung aus Wasserkraft soll von 2019 bis 2050 um 18 Prozent auf jährlich 45 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) steigen, und dies, obwohl die meisten Gewässer in der Schweiz bereits verstromt werden. Diese Ausbaupläne in Form von zusätzlichem Stauseevolumen und zusätzlicher Pumpspeicherung stehen im Konflikt mit dem Naturschutz und stossen auf massiven Widerstand von Umweltverbänden sowie auf rechtliche Hürden. 

• Die Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie neben der Wasserkraft, insbesondere aus Solar- und Windkraft sowie Biomasse, soll in den nächsten 30 Jahren auf 39 Mrd. kWh und damit auf annähernd das Zehnfache gegenüber dem Stand von 2019 gesteigert werden. Das ist – gelinde gesagt – ehrgeizig, wenn man bedenkt, dass diese erneuerbare Stromproduktion aus Solarkraft plus erneuerbarem Kehricht trotz starker ideeller und finanzieller Förderung in den vergangenen 30 Jahren lediglich auf 4 Mrd. kWh angestiegen ist. Der massive Solarausbau stellt aber nicht nur ein Mengen-, sondern auch ein Verteilproblem dar. Denn Photovoltaikanlagen produzieren ihren Strom heute zu drei Vierteln im Sommerhalbjahr, während der Ausstieg aus der Atomenergie eine Versorgungslücke vor allem im Winterhalbjahr öffnet. Diese saisonale Kluft soll wie erwähnt durch einen massiven Ausbau der Stromspeicherung gestopft werden, was grosse energetische Verluste verursacht.

 

Treibhausgase «netto» heisst: noch ein Viertel

Der Ausstoss der Treibhausgase soll «netto» auf null abnehmen, wobei die Szenarien den internationalen Flugverkehr ausschliessen. «Netto» bedeutet: Die Emissionen werden gegenüber heute auf einen Viertel und damit auf immer noch 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2050 sinken.

Diese 12 Millionen Tonnen sollen mit Aufforstung sowie Filtertechnik eliminiert werden. Solche Filterverfahren sind technisch zwar erprobt, aber ihr Beitrag zur CO2-Reduktion in der Atmosphäre bewegt sich heute im Bereich von weniger als einem Millionstel Promille. Ob der Ausbau dieser aufwendigen Technik genügend schnell voranschreitet, ist ebenfalls ungewiss.

 

Ziele und Szenarien ohne Gewähr

30 Jahre sind eine kurze Zeit, um den Umstieg von der seit Jahrzehnten dominierenden fossilen auf erneuerbare Energie umzusetzen, ohne die Versorgungssicherheit und das Wachstum der Wirtschaft einzuschränken. Doch im Leben eines Menschen sind 30 Jahre eine lange Zeit. So werden alle Mitglieder des heutigen Bundesrats, der das Ziel «Netto Null» setzte, und die meisten Verfasser der hier präsentierten Energieperspektiven das Pensionsalter im Jahr 2050 erreicht haben und nicht mehr im Amt sein. Sie tragen damit keine Verantwortung, falls die Schweiz das gesetzte Ziel verfehlen sollte. So besehen bleiben Klimaziel und Energieperspektiven ohne Gewähr. Was nicht heisst, dass die Schweiz nicht alles Mögliche unternehmen – oder unterlassen – soll, um die katastrophale Erderwärmung auf irgend einem Weg zu begrenzen.

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