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Klimafonds statt neue AKW
Im Januar hat sich die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerats (UrekS) im Sinne von Bundesrat Albert Rösti ausgesprochen: Die Volksinitiative vom 16. Februar 2024 «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» soll abgelehnt, der indirekte Gegenvorschlag des Bundesrats angenommen und damit das AKWNeubauverbot aufgehoben werden. Die Schweizerische Energiestiftung hat einen öffentlichen Protestbrief an den Ständerat lanciert: «Keine neuen AKW in der Schweiz!» steht auf neue-akw-nein.ch zum Unterschreiben parat.
Zu «langwierige» Bewilligungsverfahren?
Es geht um viel. Wird das Neubauverbot aufgehoben, ist der Entscheid der Stimmberechtigten vom 21. Mai 2017 Makulatur: 58,2 Prozent der Abstimmenden haben sich damals für die Energiestrategie mit Neubauverbot für AKW ausgesprochen. Aus der Botschaft des Bundesrats vom 13. August 2025 zur Blackout-stoppen-Initiative samt indirektem Gegenvorschlag stammt folgendes Zitat: «Angesichts der aktuellen langwierigen Bewilligungsverfahren bei Projekten für Solar-, Wasser- und Windkraftwerke ist der rechtzeitige Ausbau der Stromproduktion mit erneuerbaren Energien langfristig nicht gesichert. Während kurz- und mittelfristig (das heisst in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren) wenig Alternativen zu diesem Ausbau bestehen, ist in der langen Frist gerechtfertigt, eine technologieoffene Stromproduktion mit Einbezug der Kernenergie zu ermöglichen. Dies setzt voraus, dass das Kernenergiegesetz entsprechend revidiert wird.»Laut dem Bundesrat harzt es also bei den Bewilligungen für Solar-, Wasser- und Windkraftwerke. Deshalb ist der rechtzeitige Ausbau der Stromproduktion mit Erneuerbaren angeblich langfristig nicht gesichert. In den nächsten zehn bis 20 Jahren bestünden allerdings «wenig Alternativen zu diesem Ausbau». Folglich sei es «in der langen Frist» gerechtfertigt, eine «technologieoffene Stromproduktion mit Einbezug der Kernenergie zu ermöglichen.
Unlogisch und sehr teuer
Auf verständliches Deutsch übersetzt: Weil es in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren keine Alternative zum Ausbau der Erneuerbaren gibt, müssen wir heute den Bau von neuen Kernkraftwerken ermöglichen. Wo bleibt da die Logik? Und sind es wirklich «Umweltorganisationen», die den Ausbau von erneuerbaren Energien blockieren, oder nicht eher die Organisationen namens «Windstill» und «Freie Landschaft Schweiz», deren enge Kontakte mit den Blackout-Initianten schon der NZZ aufgefallen sind?Woher wollen wir wissen, dass es beim Bau neuer Kernkraftwerke weder zu Verzögerungen noch sonstigen Problemen kommen wird? Oder anders gefragt: Was passiert in den nächsten zehn, zwanzig Jahren? Woher kommt der Strom in diesem Zeitraum? Oder ist Schluss mit Stromausbau in der Schweiz, bis neue AKW gebaut sind?
In Schweden ist die Aufhebung des Neubauverbots bereits über die Bühne (siehe auch P.S. vom 21. März und vom 14. November 2025). Die Voraussetzungen für Investitionen in Kernenergie sollten mittels staatlicher Kreditgarantien über 400 Milliarden Kronen (ca. 35 Milliarden Schweizer Franken) «gestärkt» werden. In die Vernehmlassung ging der Vorschlag, dass der Staat für 75 Prozent der Baukosten zinsgünstige Darlehen bereitstellen sowie einen Strompreis von mindestens 80 Öre (ca. 7 Rappen) pro Kilowattstunde garantieren müsse – für 40 Jahre. Am 21. Mai 2025 beriet das schwedische Parlament stundenlang das Gesetz zur Finanzierung der neuen Kernkraft und nahm es schliesslich mit 154:151 Stimmen an. Was genau auf dem Preisschild stehen wird, blieb jedoch unklar. Im Gesetz ist unter anderem festgehalten, dass es «günstige Darlehen für Kernkraftunternehmen» geben wird. Der erste Antrag auf staatliche Beihilfen kam am 23. Dezember 2025 herein: Das vom Energieversorger Vattenfall gegründete Projektunternehmen Videberg Kraft will sogenannte kleine modulare Reaktoren (SMR) bauen.
Gemäss der Online-Ausgabe der Tageszeitung ‹Svenska Dagbladet› (svd.se) vom vergangenen 23. Januar umfasst die über mehrere Jahre verteilte staatliche Unterstützung maximal 440 Milliarden Schwedische Kronen (ca. 38 Milliarden Schweizer Franken) in Form von staatlichen Darlehen für den Bau des Äquivalents der Leistung «von zwei konventionellen, grossen Reaktoren» sowie maximal 400 Milliarden Kronen Subventionen, um den Strom der beiden Reaktoren während vierzig Jahren zu einem fixen Preis verkaufen zu können. Zum Vergleich: Das schwedische Staatsbudget sieht für das Jahr 2026 Ausgaben von total 1500 Milliarden Kronen (ca. 129 Milliarden Franken) vor.
Angesichts solcher Beträge mutet es mehr als seltsam an, wenn die Klimafonds-Initiative in der NZZ vom Mittwoch als «Klimaschutz auf Pump» abgetan wird und mit dreistelligen Milliardenbeträgen gedroht wird, die deren Umsetzung kosten würde: «Bis 2050 summierten sich diese Ausgaben auf schätzungsweise 100 bis 200 Milliarden», schreibt David Vonplon. Ja, gemäss Initiative sind es 4 bis 8 Milliarden Franken pro Jahr – aber es steht nirgends, dass diese Beträge bis 2050 Jahr für Jahr voll ausgeschöpft werden müssten. So teuer wie neue AKW kann sowieso nichts werden. Und: Warum scheint es niemandem aufzufallen, dass der neue Klimafonds im Inland für Arbeit und Umsatz sorgen und zudem die Öl- und Gasrechnungen senken würde, während beim Atompfad Uran und AKW-Technologie ebenso im Ausland eingekauft werden müssen wie Öl und Gas, von denen sich die Bürgerlichen partout nicht trennen wollen?
Ohne Ausbau der Erneuerbaren geht es nicht
Allen AKW-Drohungen zum Trotz muss und wird der Ausbau der Erneuerbaren weitergehen. Die Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie (SSES) beispielsweise setzt sich seit über 50 Jahren dafür ein. Ihren Präsidenten Walter Sachs erstaunt die aktuelle Debatte trotzdem nicht, wie er auf Anfrage erklärt: «Für mich war das Stromgesetz von Anfang an ein trojanisches Pferd für neue AKW. Die im Gesetz vorgesehenen Änderungen, unter anderem an den Vergütungen, haben zu massiver Unsicherheit geführt. Zudem sind grosse Photovoltaik-Anlagen ohne oder mit wenig Eigenverbrauch, wie sie etwa für Bauernhöfe typisch sind, schlichtweg nicht mehr amortisierbar.» Dies führe zum jetzt zu beobachtenden, massiven Einbruch des Solarzubaus. Der Bauernverband hat sich in seiner Vernehmlassungsantwort positiv zu neuen AKW geäussert, auch das erstaunt ihn nicht: Gerade die Landwirte hätten durch das Stromgesetz massive Nachteile erlitten. Er kenne Betriebe, die vor vier Jahren eine grosse Photovoltaik-Anlage gebaut hätten und jetzt vor einer
«Investitionsruine» stünden, «weil sich einfach die Spielregeln geändert haben». So hätten die Befürworter:innen neuer AKW mit Unterstützung des Bundesrats freie Bahn: «Und die AKW? Diese dürfen bekanntlich weiterlaufen, solange sie sicher sind. Das heisst, sie werden solange ‹sicher› sein, wie sie weiterlaufen müssen, also bis im Sinne der AKW-Befürworter ein neues AKW steht. Gleichzeitig macht man den Menschen Angst, dass es rasch neue AKW brauche, weil sonst die Lichter ausgingen. Haben sie genügend Angst, stimmen sie für neue AKW.»
Intelligente Steuerung schlägt Kupfer
Nun ist es nicht so, dass mit den Erneuerbaren alles super wäre, würden sie bloss nicht schlechtgeredet. Doch dass ihr Ausbau nicht mehr so stark wächst wie in den vergangenen zwei bis fünf Jahren, hat eben auch damit zu tun, dass die Politik die Bedingungen eher verschlechtert als verbessert. In einer Kurzstudie des Verbands unabhängiger Energieerzeuger Vese, einer Fachgruppe der SSES, ist zusammengefasst, was die Situation verbessern könnte. An erster Stelle steht, wenig verwunderlich, die Investitionssicherheit: «Auf einem Din-A4-Blatt muss einem Laien erklärt werden können, wie und bis wann sich seine Photovoltaik-Anlage amortisiert.»
Entsprechend plädiert der Vese dafür, dass sich jeder Investor einmalig entscheiden kann, welcher Teil seiner Photovoltaik-Anlage investitionssicher gefördert und welcher Teil dem freien Markt ausgesetzt werden soll. Diese Entscheidung soll im Sinne der Planungssicherheit für 20 Jahre gelten. Ein mögliches Modell sieht so aus: Der Photovoltaik-Produzent bekommt einen fixen Kapazitätspreis in Franken pro Kilowatt peak (kWp) bereitgehaltener Leistung und Jahr, aber kein zusätzliches Entgelt für eingespeiste Energie. Wenn der Verteilnetzbetreiber 100 Prozent der momentanen Anlageleistung abruft, ist kein Eigenverbrauch möglich. Umgekehrt wird so kein Strom vom eigenen Panel dann eingespeist, wenn sowieso schon zu viel im System ist: Dann steht er stattdessen zum Eigenverbrauch zur Verfügung, zum Beispiel, um E-Autos zu laden, oder wird abgeregelt. «Das Kapazitätsmodell unterstützt den Paradigmenwechsel von ‹jede Kilowattstunde zählt› zu ‹jedes Panel zählt› und sieht Photovoltaik als Teil der schweizerischen Energieinfrastruktur», schreibt der Vese. Oder anders gesagt: Mit solchen Modellen lassen sich Milliarden beim Netzausbau einsparen – ganz einfach durch «intelligente Steuerung statt Kupfer».
Für solch neue Systeme Geld aus dem Klimafonds nehmen und nebenbei beweisen, dass erneuerbare Energien durchaus Teil der Lösung sein können: Warum nicht?
Billige, saubere, leistungsfähige Batterien
Auch der Basler Ökonom, Dozent für erneuerbare Energien und Transformation der Energiesysteme an der ETH Zürich und ehemalige SP-Nationalrat (bis Mai 2010) Rudolf Rechsteiner befasst sich mit den Erneuerbaren als Teil der Lösung. In seinem Blog auf rechsteiner-basel.ch schreibt er, das Jahr 2026 habe mit einer «Revolution» begonnen: «Feststoffbatterien und digitale Verteilnetze werden die Stromversorgung verändern.» Erstens: Die Anfang Januar in Las Vegas vorgestellte Feststoffbatterie «Donut» sei billig, sauber, in Kilowattstunden pro Kilo Gewicht gemessen doppelt so effizient wie die üblichen Lithium-Batterien und obendrein in fünf Minuten auf 100 Prozent aufgeladen. Zweitens: Das in der schwedischen Stadt Lund getestete digitale Verteilnetz transportiere Strom neu wie die Daten im Internet zeitlich gepuffert in Paketen und breche so das synchrone Gesamtsystem von Erzeugung und Lieferung modular auf. Danach gefragt, warum er überzeugt sei, dass dies alles auch funktioniere, stellt Rudolf Rechsteiner erst mal klar: «Seit ich diesen Blog-Eintrag vor vier Wochen verfasst habe, ist die Entwicklung weiter fortgeschritten, sie verläuft sehr schnell.» Der Mann hinter dem digitalen Netzbetrieb, Jonas Birgersson aus Lund, habe immerhin vor dreissig Jahren den gepufferten Datentransport für das Internet erfunden, er sei also «kein Anfänger».
Batterien würden neu «das Herz der Stromversorgung sein», führt Rudolf Rechsteiner weiter aus: «Es braucht keine riesigen Batterien. Schon das Vorhalten von fünf Kilowattstunden Energie pro Haushalt (Kosten ca. 1000 Franken) kann eine Entkoppelung von Erzeugung und Verbrauch im Tagesverlauf herbeiführen. Dadurch müssen Netze, die bisher auf maximale Last ausgerichtet waren, nur noch durchschnittliche Energiemen-
gen bewirtschaften. Das ist nichts anderes als eine technologische Revolution.»
Künftig würden die Netzgebühren pauschal in Franken pro Kilowatt erhoben statt in Franken pro Kilowattstunde: «Man mietet ein Stromkabel oder einen Kabelanteil wie ein Internet-Kabel nach durchschnittlich benötigter Leistung und nicht nach maximaler Last.» Haushalte würden Teil eines Mikro-Netzes mit Batterie, das ein einziges Haus ebenso umfassen könne wie ein Mehrfamilienhaus oder ein ganzes Quartier: «Die Konsument:innen müssen sich um nichts kümmern. Stromlieferungen ans Arealnetz erfolgen zum Zeitpunkt, wenn Strom und Netzkapazität reichlich vorhanden sind. Bezüge werden tageszeitlich optimiert. Wind- und Solarspitzen werden in Batterien versorgt, kurze Leistungs- und Lastspitzen dezentral geglättet.»
«In Sachen Batterien tut sich extrem viel»
Was hält SSES-Präsident und Diplom-Ingenieur Walter Sachs von dieser «Revolution»? «Die Kosten sind im Moment mit 5-7 Rp/kWh noch zu hoch. Und sobald man eine Wärmepumpe zur Heizungsunterstützung hat, müsste die Batterie auch deutlich grösser sein oder die Wärme thermisch zwischengespeichert werden», gibt er zu bedenken. Dass sich in Sachen Batterien zurzeit «extrem viel» tue, kann er aber bestätigen. Er sieht auch viel Potenzial bei grossen Quartierbatterien, doch hier ist oftmals der Aufstellort der Engpass. Zum digitalen Verteilnetz merkt er an, der Vergleich mit dem Mobilfunk hinke, denn beim Mobilfunk könne man die Kapazität durch Aufstellen weiterer Sendemasten einfach erweitern, bei Stromleitungen wäre das nicht so einfach, preiswert und schnell machbar. «Angesichts des raschen Fortschritts ist aber bis in zirka zehn Jahren sicher vieles möglich», ist er überzeugt.