Klassenkampf gegen Google?

Ein dickes, dichtes Heft und ein kleines, keckes Büchlein gegen den vermeintlich alternativlos expandierenden Online-Kapitalismus. Wäre mit entschlossenen Kämpfen um digitale Demokratie auch eine andere analoge Welt voranzubringen? Sogar mit vernünftiger Wirtschaft und nachhaltigen Unternehmen? Völlig abwegig scheinen solche Hoffnungen nicht.

 

Hans Steiger

Eigentlich ist ja ‹Das Argument› eine Zeitschrift. Neben den jeweiligen Schwerpunkten vermittelt der Rezensionsteil spannende Einblicke auch in thematisch entlegene Nischen und spitzfeministische «Nachrichten aus dem Patriarchat» haben ihren festen Platz. Als literarischer Einstieg erfrischt diesmal ein ganzer Gedicht-Zyklus von Volker Braun, der allein bereits das Beschaffen der 336. Ausgabe belohnt. Das präzis zum Jahreswechsel ausgelieferte «Doppelheft» ist durch einen zusätzlichen Umschlag zum Argument-Buch aufgewertet und erstmals kurzfristig Aktuelles als digitales Angebot ausgelagert worden, um mehr Raum für den komplexen Titelstoff zu schaffen.

 

Eine umfassende Systemanalyse …

«Online-Kapitalismus». Das schärft den diffusen Begriff der Digitalisierung und entspricht dem Kernpunkt der meisten Beiträge: Was immer an Möglichkeiten in Innovationen wie dem Internet steckt, bestimmen vorerst nicht Bedürfnisse von Mehrheiten das Geschehen, sondern die Geschäftsmodelle einiger Branchengiganten. So machte Google aus seiner Suchmaschine eine Profitquelle, die von den Nutzerinnen und Nutzern selbst permanent perfektioniert wird. Sie ist die Grundlage eines Systems von Lenkung und Ausbeutung. «Mit Speck fängt man die Mäuse.» Von der Such-Anfrage zum Objekt der Begierde wird der Weg immer kürzer. Das «durch Attraktion und Bindung von Kunden» angesteuerte Zugangsmonopol ist zwar «nicht formell fassbar», aber wirksam. «Es bildet sich nach der sprichwörtlichen Logik, dass der Teufel immer auf den grössten Haufen scheisst.» 

Das kleine Beispiel mag zeigen, dass die Sprache trotz der akademischen Ausweise der meisten Schreibenden verständlich bleibt. Um technische Details geht es selten. Umso gründlicher ausgeleuchtet werden Strukturen sowie deren Wirkungen, und dies über den ganzen, weiten Bereich, den eine «Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften» eben umfasst. Oft nahm ich mir angesichts der mehreren hundert dicht bedruckten Seiten vor, einen Beitrag flüchtig zu überfliegen, las mich doch fest, stets mit Erkenntnisgewinn. Nur die Abstecher zum Niederschlag des Digitalen in der Science-Fiction-Szene schaffte ich im Schnellzug. Wo einst Utopie blühte, dominiert jetzt Dystopie, nahm ich dazu als Gesamteindruck mit. Katastrophisches und Apokalyptisches liefert die Realwelt genug.

 

… mit klar marxistischer Methodik

Der wissenschaftliche Anspruch wird durchwegs mit marxistischer Methodik verknüpft. Oft taucht Marx auch quasi persönlich auf, mit durchaus aufschlussreichen Zitaten. Dass sie nicht bibelgleich ausgelegt, manchmal mit aus heutiger Sicht korrigierenden Anmerkungen versehen werden, macht es leichter, den etwas penetranten Tenor zu akzeptieren. Ähnlich ist es bei Bildern wie dem in breiten Bündnissen zu führenden Klassenkampf. Wieder ist da ein Text zu Auseinandersetzungen bei Google anzuführen. Auch das Cover spielt auf sie an: 2018 lehnten sich Teile der Belegschaft gegen ein Pentagon-Projekt auf, in dem ein Team beim Entwickeln von Instrumenten «algorithmischer Kriegsführung» mitwirken sollte. Stichworte: Drohnen und maschinelles Lernen. Das wäre mit dem «don’t be evil» – sei nicht böse – im Verhaltenskodex des Unternehmens nicht vereinbar. Dass dieses sich wenig später vom Vertrag zurückzog, sei «für fast alle», sogar die Protestierenden selbst, überraschend gewesen und «schlug ein wie eine Bombe», schreibt Ben Tarnoff in seinem Bericht zur «Entstehung der Techarbeiterbewegung als Lernprozess» begeistert. Google war «das Epizentrum»; die breite Opposition gegen Trump habe zusätzlichen Schwung in den Aufstand gegen die opportunistischen Digitech-Konzern-Spitzen gebracht, und die agierenden Google-Leute «nahmen die proletarischen Elemente ihrer widersprüchlichen Klassenlage deutlicher wahr, indem sie mit dem Management um die Kontrolle über ihre Arbeit kämpften». Doch obwohl weitere Auseinandersetzungen beispielsweise um den Status von Leiharbeitern in der ganzen Branche «noch in vollem Gang» sind, lautet die nüchternere Zwischenbilanz, es sei unmöglich, bereits «endgültige Schlussfolgerungen über die Bewegung zu ziehen». Noch stehe der Kampf «um Klasse» im Vordergrund. Danach erst wäre ein Kampf «zwischen Klassen» zu gewinnen.

Der so zugespitzte Jargon behagt mir nicht, aber die Argumentation hat ihre Logik. Das gilt auch für den einzigen Beitrag, der nicht als sorgfältig Wort für Wort gesetzter – oder übersetzter – Text, sondern in Interviewform daherkommt. Prächtig die Überschrift: «Der Sozialismus ist keine App und kann nicht aus dem Internet heruntergeladen werden.» Plakativ, doch sehr wolkig die Gegenüberstellung von «digitaler Ideologie und digitalem Humanismus» sowie «digitaler Diktatur und digitaler Demokratie». Erstere werden vorab mit Kapitalismus, letztere mit Sozialismus verbunden. Wo der in London als Informatiker und Sozialwissenschafter wirkende Christian Fuchs die linke Utopie skizziert, wird es eher unheimlich als schön. Oder unheimlich schön: «Ein demokratischer Sozialismus ist nur als hochtechnologische digitale Gesellschaft möglich, in der der Mangel, die Knappheit und die Arbeitsteilung abgeschafft werden können.» Es folgt der passende Verweis auf Marx, danach die Präzisierung, heute scheine der Computer «das zentrale Produktionsmittel» für den Übergang in die «Nachknappheitsgesellschaft» zu sein. Die notwendige Arbeit wird reduziert und umverteilt – aus der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft die sozialistische Tätigkeitsgesellschaft. Und hier hat er natürlich recht: «Es macht einen Unterschied für die Gesellschaft, ob man Roboter bei der Müllabfuhr oder auch bei zwischenmenschlichen Tätigkeiten wie zum Beispiel bei der Pflege von Alten und Kranken einsetzt.» Aus dem hohlen Bauch kommen die kurzgefassten Statements übrigens nicht. Staunend stellte ich – unterstützt von Google und Amazon – fest, wie viel Fuchs zu diesem Themenkomplex publiziert hat. Von seiner Einführung in «Soziale Medien und Kritische Theorie» erscheint im Februar die zweite Auflage. Offensichtlich wird nach wie vor viel reflektiert.

 

Theorie immer mit Praxis verknüpft

Hervorzuheben sind die Texte zweier Eckpfeiler der vielseitigen ‹Argument›-Denkfabrik: Frigga und Wolfgang Fritz Haug. Er gründete die Zeitschrift, welcher bald ein Verlag und später gar ein Institut folgten, 1959 als Student in Berlin. 2003 hat er den neuen «High-Tech-Kapitalismus» in einem seiner Bücher schon mit imponierender Weitsicht analysiert. Wenn er sich in einer Rückblende selber zitiert, wirkt das nicht eitel. Höchst interessant fand ich die Art, wie er sich über zwanzig Seiten hinweg mit dem Werk eines Kollegen auseinandersetzt: «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» von Philipp Staab. Dieser habe für das Verständnis der «gegenwärtigen Epoche gesellschaftstheoretisch wichtige Sachverhalte» zusammengetragen und damit fruchtbare Anstösse für die weitere Debatte gegeben. Haug teilt seine Einschätzungen zwar in entscheidenden Punkten nicht, referiert aber die Positionen so ausführlich, dass beide verständlich und vergleichbar werden. Unter anderem geht es auch hier um die These vom Computer als «Leitproduktivkraft» und um die Bedeutung des Internets, das dieser Produktivkraft mit seinen Plattformen danach «Flügel gemacht» habe. Bei der Betrachtung der Prozesse wird wieder Marx als Ratgeber beigezogen.

Frigga Haug, geboren 1937, keine zwei Jahre jünger als ihr Partner, verblüfft mit einem Selbstversuch. «Facebookverhalten» und «digitale Hörigkeit» liessen sich nicht allein aus Aussensicht beurteilen, befand sie und stieg ein. Sie habe oft genug gehört, «wie wichtig es sei, auf der Höhe der Zeit» und mit dabei zu sein. Und es koste ja nichts. Was dann ablief, ist amüsant zu lesen. Stark die erste ernste Pointe. «Da geschah es eines Tages, ganz hoch im Norden in einer nicht sehr grossen Versammlung, dass eine junge Frau sich gleich neben mich setzte und mich so zärtlich ansah, dass es allgemein auffiel.» Auf die unsichere Frage, woher sie einander kennen, folgte einem leichten Erröten die Antwort: «Wir sind Freundinnen.» Ins irritierte Staunen hinein zur Präzisierung: «Facebookfreunde». Freundin … Für die feministische Sozialistin war dies immer ein Wort mit Wert, verwandt mit liebender Solidarität. Hier zeigte es sich ihr so «ins Lächerliche entwertet», dass sie gleich ans Kündigen des Facebook-Kontos dachte. Ein typisches Beispiel für den engen Theorie-Praxis-Bezug dieser Autorin. Weitere eindrückliche, oft sehr persönliche finden sich in ihren Betrachtungen über «Roboter als Lehrer».

 

Technik für alle Lebensbereiche?

Und auch sie setzt sich intensiv mit einem Buch auseinander: «Digitale Gefolgschaft. Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft» von Christoph Türcke. Mir entsprach dessen skeptische Haltung fast mehr als der Grundton, mit dem der kapitalistische Weg in smarte Zukunftswelten im ‹Argument› kritisiert wird. Da geht es meist zugleich ums Retten stark mit Technik verknüpfter Fortschrittsideen. Einfach ins Sozialistische transformieren, was uns sonst ins Verderben führt? In den Zitaten fand ich tiefere Zweifel an der zivilisatorisch eingeschlagenen Richtung. Türcke entziffere «gelungen» die Plattformökonomie «als eine, die immer mehr Staatsgeschäfte übernehme», alle Lebensbereiche erfasse und dominiere, resümiert Frigga Haug. Die danach angedeuteten Alternativen seien «relativ bescheiden».

Nachdem ich das bemängelte Schlusskapitel selbst gelesen habe, muss ich der Kritikerin recht geben, leider. Türcke steigt mit der frühen, noch handfesten 3-D-Druck-Technik ein; sie könnte – vernünftig eingegrenzt – wieder zu pflegende Selbstversorgung ergänzen. Auch mit Open-Source-Ansätzen wären Wege in einen «Postkapitalismus» zu ebnen. Wie aber aus Basiszellen alternativen Lebens und Wirtschaftens in aller Welt demokratische Gesellschaften wachsen könnten, sei gegenwärtig nicht absehbar. Hinter der Utopie der via Internet zur Grossfamilie vereinten Menschheit ortet er das «Bild einer digitalen Hölle». Einen befriedeten Zustand kann er sich einzig «in einer unaufgeregten, überschaubaren Umgebung» vorstellen, «wo Landschaft, Dinge, Gerüche, Geräusche, Wind und Licht vertraut sind und wo man Menschen verbunden ist» – nicht einer Netzwelt. Für globale Sorge, auch für fernere und für die Natur, wäre lokale Sorge «füreinander» der nahezu ideale Nährboden. Gefällt mir! Aber die marxistische Mahnung, das alles werde kein Spaziergang sein, ist am Platz. Trotzdem werde ich das nächste Buch dieses Autors lesen. Er will sich dort gegen «pseudokritische Ableger eines High-Tech-Machbarkeitswahns» wenden.

 

Für ‹for future›-Unternehmungen

Eine vom Umfang her schnell, teils auch leicht zu lesende Ergänzung zum Argument-Buch ist die essayistische Schrift über «Digitale Agonistik» aus dem Metropolis-Verlag. Die hier gesetzten Akzente sind zumal spannend, weil die Schreibenden nicht allein akademisch mit Ökonomie befasst sind, sondern auch Unternehmensberatung betreiben. Dabei sind sie auf einem klar «sozialökologischen» Kurs; wer nun noch eine andere Richtung verfolgt, verspielt Zukunft. Neue ‚for future’-Koalitionen sind unsere Chance, kritische Wissenschaft muss darin «praktische Lebenshilfe» leisten. Und zwar in jeder Hinsicht offen, demokratisch beratend, nicht ideologisch fixiert, wie heute etwa die Mainstream-«Wirtschaftsweisen» im politischen Betrieb wirken. An gutwillige Beteiligte aller Sparten geht die Empfehlung, nicht weiter «auf die vermeintlich nur böse Wirtschaft zu schimpfen, sondern ausgehend von einer Analyse der praktischen Verhältnisse nach den Möglichkeiten einer anderen Gesellschaft und damit auch einer anderen Wirtschaft zu fragen». Selbstverständlich gehören dazu auch alle digitalen Technologien. «In welchen Situationen können welche Digitalisierungsprozesse helfen, Nicht-Nachhaltiges aus der Welt zu bringen? Und an welchen Stellen sind die Digitalisierungsprozesse selbst Problem statt Lösung?»

Ohne die Bedeutung der Politik zu schmälern: Unternehmen, auch im allgemeinen Sinn von etwas konkret unternehmen gemeint, seien die in «der so oder anders digitalisierten Gesellschaft» womöglich entscheidenden Bereiche. Dies wird mit manchmal hoher, hier aber immer auf Vielfalt bedachter Theorie und Praxishinweisen gestützt. Zudem gibt es deutliche Aussagen, die nahe beim ‹Argument› sind. Wer etwa über Digitaltechnologie spricht und «über den sie ermöglichenden Digitalkapitalismus schweigt», kann den Boden bereiten für «eine antidemokratische Zurichtung» des gesellschaftlichen Lebens im 21. Jahrhundert – «zugunsten einiger weniger, häufig ohnehin bereits massiv privilegierter AkteurInnen». Wohltuend der Hinweis, zur Demokratisierung der Digitalisierung brauche es die Einsicht, «dass es grandios sinnlos ist, einem angeblichen Anschluss nachzujagen, wenn dieser irgendwo hinführt, wohin man selbst gar nicht will».

 

 

Online-Kapitalismus. Umwälzungen in Produktions- und Lebensweise. Erschienen als Argument-Buch und Doppelheft von das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften. Hamburg 2020, 410 Seiten, 28 Euro. www.argument.de

 

Christoph Türcke: Digitale Gefolgschaft. Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft. C.H. Beck, München, 2019, 251 Seiten, 17 Euro.

 

Lars Hochmann, Stephanie Birkner, Hans Jürgen Heincke: Digitale Agonistik. Unternehmen der so oder anders digitalisierten Gesellschaft. Metropolis-Verlag für Ökonomie, Gesellschaft und Politik, Marburg 2020, 139 Seiten, 18 Euro.

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