Kipppunkte

Als politisch links eingestellter Mensch mit chronisch tiefem Blutdruck ist man ab und zu mit zweierlei Ohnmacht konfrontiert. Bei beiden Ohnmachtsformen, ob in Bezug auf den Kreislauf oder in Bezug auf den Lauf der Dinge gilt es, sich wieder aufzurappeln. Kipppunkte existieren nunmal. Und man hat nicht immer die nötige Voraussicht, diese frühzeitig zu erkennen, respektive den Ernst der Lage zu begreifen. Manchmal geht das, mal mehr, mal weniger, schief. Ich tippe deshalb mit einigen Stichen über einer kleinen Platzwunde am Kinn. Aber wenn es nur das Individuum ist, das kollabiert, ist ein solcher Vorfall halb so wild, denn immerhin wird dabei das Umfeld nicht zwingend in Mitleidenschaft gezogen. Anders ist es, wenn Erdsysteme kollabieren. Dann ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, sich wieder aufzurappeln – ein solcher Kipppunkt ist irreversibel. Mein Ohnmachtsgefühl in Bezug darauf ist einiges ausgeprägter. Das hat in erster Linie einen Grund: Die grassierende Wissenschaftsfeindlichkeit in hauptsächlich rechter Politik, erfolgreiches Greenwashing und das damit verbundene Lobbying führen zu einer Handlungsunfähigkeit, für die eigentlich keine Zeit vorhanden ist. Und wer konsequentes Handeln fordert, wird als alarmistisch diffamiert, vom Vorwurf der Schwarzmalerei beschuldigt und durch wirtschaftlichen Opportunismus im Deckmantel der Vorsicht beschwichtigt. Mir ist klar, dass es in einem Land, in dem ein beschönigter Opportunismus sozusagen als Staatsräson herrscht, schwierig ist, von Wirtschaft und Politik Verantwortung einzufordern. Die Frage ist eher, ob die Zeit reicht, dass die Nach-mir-die-Sintflut-Ideologie geschwächt werden kann, bevor die Sintflut da ist.  

Wieviele Kipppunkte in den Erdsystemen existieren, ist nicht mit Sicherheit zu definieren. Dass sie existieren, ist aber klar – und dieses Jahr hat die Erde vermutlich einen dieser Kipppunkte erreicht. Korallenriffe werden sich wohl nicht vom Druck, der auf ihnen lastet, erholen können. Die Temperaturveränderungen sind schlicht zu schnell, als dass die evolutionäre Anpassung mithalten kann. Seit den 1980er-Jahren beobachtet die Wissenschaft grossflächige Korallenbleichen – wobei die stationär lebenden, tierischen Organismen verkalken und absterben. Diese Korallenbleichen finden immer wieder parallel zu Wechseln in anderen Erdsystemen statt – insbesondere dem ENSO oder El Niño, einem Wetterphänomen, das die Meeresströmungen und Windzyklen im Äquatorialpazifik etwa alle vier Jahre umkehrt. Diese Wetterlage führt zu Überschwemmungen im Westen Südamerikas, zu Trockenheit im Amazonas, Tropenstürmen an der Westküste Amerikas, Dürren und damit verbunden Bränden in Australien und Südostasien und einem Massensterben von Meeresorganismen in verschiedenen Teilen des Pazifiks. Die globale Erwärmung befeuert das Phänomen – weshalb wir alle paar Jahre von eigentlich bedingt aussergewöhnlicher Vehemenz dieser Ereignisse lesen. Dieses Jahr ging wieder eine El Niño-Wet­terlage zu Ende. Bereits 2016, also vor zwei El Niños, waren 93 Prozent aller Korallenriffe von der Bleiche betroffen. Und dieses Jahr wurde wohl der Kipppunkt erreicht, heisst es im Global Tipping Points Report 2025 von der Uni Exeter. 

Mit viel Zynik habe ich in Bezug auf die Klimakrise immer gedacht, dass die Sintflut, respektive das Ansteigen der Meeresspiegel aufgrund von Temperaturerwärmungen, zumindest hier in einem Binnenland einigermassen aushaltbar vonstatten gehen könnte. Mediterranes Klima in Zürich klingt eigentlich toll. Aber in den vergangenen Jahren erscheinen immer mehr Studien, die eher auf einen möglichen Kälteeinbruch in Europa hinweisen. Denn Probleme gibt es nicht nur im Pazifik. Ozeanograf:innen und die Klimaforschung sorgen sich um die Amoc. Die Atlantic Meridional Overturning Circulation bezeichnet ein System atlantischer Meeresströmungen – mit dem Golfstrom als Hauptdarsteller sozusagen. Grundsätzlich funktioniert es so: Warmes Wasser wird gen Nordosten transportiert, während kaltes Wasser sich in Richtung Süden respektive Südwesten verschiebt. So sollte es zumindest funktionieren, wären da nicht die Indizien, dass dieses System sich verlangsamt, respektive sogar kollabieren könnte. Ein Indiz ist der «cold blob» im Nordatlantik zwischen Grönland und Island – eine Wassertemperatur-Anomalie, die darauf hinweist, dass die Meeresströmung nicht mehr wie erwartet funktioniert. Ein Einbruch der Amoc würde für Europa einen extremen Temperatureinbruch bedeuten: Auf dem europäischen Festland könnte es, wenn der Golfstrom abstellt, durchschnittlich rund 8° kälter werden. Dass die polaren und grönländischen Eiskappen schmelzen, ist ebenfalls bedenklich, aber immerhin kommen neuere Studien zum Schluss, dass die Interaktion zwischen Schmelzwasser und Amoc den Kollaps zumindest herauszögern könnten. 

Alarmismus hin oder her, sind das bedenkliche Aussichten. Es sind schliesslich nicht nur zwei Systeme: Biolog:innen beobachten Massensterben bei Insekten, ohne die die Lebensmittelproduktion gefährdet wäre. Die Sahara wandert gen Süden. Und antarktische Eisschollen, der Permafrost und natürlich auch die Gletscher schmelzen. Ich frage mich oft, ob sich die politischen Akteure in Sachen internationaler Klimapolitik auf vermeintlichen Lorbeeren ausruhen: Schliesslich hat man das Ozonloch-Problem einst auch in den Griff bekommen. Und wer umweltschädlich handelt, ob Individuum oder Industrie, kann das heute kompensieren. Mit Zertifikaten, gepflanzten Bäumen, ökologischen Ausgleichsmassnahmen etc. Blöd nur, dass diese politischen Strategien sich bei näherem Hinschauen durch investigative Recherchen in der Regel (und leider nicht als Ausnahme) als Greenwashing entpuppen. Noch perfider wird es, wenn dann zum Lobbyistentreffen… Entschuldigung, ich meine Gipfeltreffen geläutet wird. Zum Beispiel im Rahmen der COP30 in Brasilien vor einigen Wochen. Eigentlich müsste ich dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz dankbar sein, dass er bei mir keine Ohnmachtsgefühle auslöst, nur hat das in diesem Fall eher damit zu tun, dass seine Auftritte meinen Blutdruck in der Regel auf 180 bringen. Vor bald 10 Jahren war ich in Belém, wo dieses Jahr diese UN-Klimakonferenz stattfand. Und Merz zieht nun über diese Stadt her, die mehr ein verschlafenes Nest am Amazonasdelta ist als wie von ihm sinngemäss heraufbeschwört eine einzige unsichere Favela. Gut, Belém ist nicht wie vielleicht gewünscht Ballermann. Aber ironischerweise ist Belém ein Symbol für jenes unschöne Outsourcing, das von westlichen Staaten betrieben wird, wenn es um Umweltverantwortung geht. Denn fährt man den Fluss hinauf, sieht man ständig die Zeichen illegaler Waldrodung, die zum Beispiel dem Anbau von Eukalyptus-Monokulturen gewidmet ist, die wiederum den ökologischen Ausgleich der globalen industriellen Klimasünder darstellen (bevor die gepflanzten Bäume zu Kohle verbrannt werden), weil sie für diesen Monokulturbetrieb Umweltzertifikate ernten. Wer im Glashaus sitzt und so handelt, kann nur einen Scherbenhaufen produzieren. Und muss froh sein, dass die Steine noch nicht zurückgeworfen werden.