Bild: Hannes Henz

Kinder, Kotelett, Klima

Der Zürcher Gemeinderat befasste sich mit dem Sport-Ferienlager Fiesch und lehnte es ab, die Aufstockungsinitiative zu sistieren.

Den Auftakt zur Sitzung des Zürcher Gemeinderats vom Mittwochabend bildete eine spezielle Abfolge von kurzen Voten: Die Gemeinderätinnen der linken Ratsseite ergriffen abwechslungsweise das Wort zu einer persönlichen Erklärung zu Femiziden. «Heute lesen wir solidarisch und in Verbundenheit die Daten und Orte der Fälle von Femiziden in der Schweiz im Jahr 2025 vor», sagte Anna-Béatrice Schmaltz (Grüne). Es gebe keine offizielle Statistisk, die diese Fälle erfasse, fuhr sie fort: «Die Infos sind vom Kollektiv Stop Femizid. Sie sammeln Informationen aus den Medien.» Gemeinsam setzten die Gemeinderätinnen so «ein Zeichen für eine feministische Zukunft». Ein Beispiel: «22. März 2025, Emmenbrücke, Luzern. Die Frau wurde 40 Jahre alt, das Alter der Tochter ist nicht bekannt.» Einigen Gemeinderätinnen ging das Verlesen dieser Tragödien in Kürzestform hörbar nahe. Und für einmal war wirklich nur die Frau zu hören, die gerade das Wort hatte. Kein Gerede, keine Zwischenrufe. Stille im Saal.

Beiträge fürs Sport-Ferienlager Fiesch

Das änderte sich spätestens, als es eine Vorlage des Stadtrats und einige Postulate zu behandeln galt, die sich mit verschiedenen Aspekten des Zürcher Sport-Ferienlagers Fiesch befassten. Die stadträtliche Vorlage beinhaltete den städtischen Betriebsbeitrag 2025-2028 an den Trägerverein des Sportlagers, die Interessengemeinschaft Zürcher Sport-Ferienlager (IGZF), der von bisher 150 000 auf neu 225 000 Franken erhöht werden soll. Zudem soll der seit 2011 unveränderte Beitrag für die Teilnehmer:innen von 385 auf 440 Franken angehoben werden. Im zweiten Beitragsjahr, also 2026, soll der Beitrag einmalig um weitere 120 000 Franken erhöht werden, «um eine pandemiebedingte Lücke im Eigenkapital zu schliessen», wie es in der Vorlage heisst: «So soll der Weiterbestand des seit 1985 stattfindenden Lagers für jeweils gegen 650 Stadtzürcher Kinder und Jugendliche für die nächsten vier Jahre gesichert werden.» 

Den Änderungsantrag der SP begründete Liv Mahrer: Ihre Fraktion finde das Lager eine gute Sache, doch viele Kinder und Jugendliche aus Familien mit wenig Geld kämen nicht in den Genuss dieser «guten und wichtigen Zeit». Einige Familien wüssten nicht, dass es für ihre Kinder Vergünstigungen gäbe. Andere verzichteten darauf, ihre Kinder anzumelden, weil sie erst den vollen Betrag vorschiessen müssten. Deshalb sollten die Beiträge an die IGZF so erhöht werden, dass der Beitrag pro Nase bei 385 Franken belassen werden kann. Weil sich ausser der SP nur noch die AL für den Änderungsantrag aussprach, ging er mit 69:42 Stimmen bachab, und der Rat nahm die unveränderte Vorlage einstimmig an.

Klimaziele auf dem Teller

Mit ihrem Postulat verlangten Selina Walgis und Julia Hofstetter (beide Grüne) für das Lager in Fiesch ein «Menüangebot gemäss den Klimazielen der Stadt und den Ernährungsrichtlinien der städtischen Schulen». Selina Walgis führte dazu aus, letztere sähen zum Beispiel maximal dreimal pro Woche Fleisch vor. In Fiesch jedoch habe es in der Vergangenheit jeden Tag Fleisch oder Fisch gegeben. Das Lager sei aber nicht nur ein Ort für Sport und das Verbringen von Freizeit, sondern auch ein «Lernraum». Ein klimaverträglicher Menüplan könnte ein Beitrag dazu sein: «Zürich handelt konsequent, auch in der Verpflegung.» Den Ablehnungsantrag begründete Flurin Capaul (FDP) einerseits «kulinarisch-kulturell», wie er es ausdrückte: «Fleisch gehört dazu, vor allem im Raclette-Land Wallis.» Andererseits gehe es hier um die «individuelle Freiheit»: Die Menschen sollten selbst entscheiden, was sie essen wollten. Mit Verweis auf einen früheren Vorstoss der Grünen erzählte er, dass er damals den Grünen Urs Riklin dabei erwischt habe, wie er nach einem «flammenden Votum gegen zu viel Fleisch» eine Pizza gegessen habe, und zwar «eine Salami-Pizza!». 

Riklin fand es interessant, was das Thema Ernährung für «komische Fantasien auslöst». Es gehe hier jedoch nicht um persönliche Befindlichkeiten. Er esse durchaus gern Fleisch, sagte er und fügte augenzwinkernd an, «und für jedes gute Kotelett, das ich verspeise, kompensiere ich einen Parkplatz weg». In den Ernährungsrichtlinien der Stadt gehe es zudem überhaupt nicht um ein Fleischverbot, sondern um gesunde Ernährung und Nachhaltigkeitsziele. Warum in diesem Lager, das mit Unterstützung der Stadt stattfinde, nicht auch deren Ernährungsrichtlinien gelten sollten, sei nicht einsichtig.

Stefan Urech (SVP) sagte, sei «ätzend», wie die Grünen in jede Vorlage ihre Ideologie reinbrächten. Nach dem klimaneutralen Essen komme wohl das CO2-neutrale Lagerfeuer, fuhr er fort und befand, man müsse die Leute machen lassen, die für die Jugendlichen kochten. Bernhard im Oberdorf (parteilos) fand «diese Art von Bevormundung unglaublich». Er esse nicht viel Fleisch, fügte er an, aber er wolle nicht dazu gezwungen werden, etwas anderes zu essen: «Das ist der Weg in die Diktatur.» Roger Meier (FDP) zeigte sich überzeugt, dass die Grünen weder das Klima noch gesunde Ernährung im Blick hätten: «Es geht rein um Umerziehung und Mikromanagement.» Zudem könnten die Kinder jetzt schon melden, dass sie lieber vegetarisch essen möchten, und obendrein gebe es in Fiesch auch ein Salatbuffet. Christine Huber (GLP) hingegen sprach von einem «wichtigen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit und Gesundheitsförderung». Mit 69:42 Stimmen (von SVP, FDP und Mitte/EVP) überwies der Rat das Postulat.

Beim Traktandum 14 schliesslich ging es um die am 3. Juli 2024 eingereichte Volksinitiative «Mehr Wohnraum durch Aufstockung – quartierverträglich und nachhaltig». Zur Debatte stand jedoch nicht deren inhaltliche Behandlung, sondern der Antrag der vorberatenden Kommission, die Vorlage bis nach der öffentlichen Auflage der angekündigten Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO), der «BZO 2028», zu sistieren, wie Flurin Capaul ausführte. Die Mehrheit sei jedoch unterdessen keine mehr, fügte er an. Hintergrund des Sistierungsantrags sei, dass die BZO 2028 im März aufgelegt werden solle, und dass darin vorgesehene Anpassungen «im Sinn und Geist der Initiative entsprechen» würden, auch wenn natürlich noch keine Details bekannt seien. Die Initiative wäre «so nicht umsetzbar», entgegnete Jürg Rauser (Grüne), und sie würde auch nicht besser, wenn man zuwarte. Zudem gälten für die Behandlung von Volksinitiativen Fristen, die mit diesem Vorgehen verletzt würden. Karen Hug (AL) doppelte nach, eine Sistierung wäre nicht nur «rechtswidrig», sondern gar eine «taktische Verschleppung von demokratischen Prozessen». Angelica Eichenberger (SP) fügte an, ihre Fraktion wechsle aus den Gründen, die Karen Hug genannt habe, ins Lager von AL und Grünen. Damit wurde aus dem Ja zum Sistierungsantrag ein Nein, und er wurde mit 59:62 Stimmen abgelehnt.