Kindchenschema

Ich habe viel über das Kindchenschema nachgedacht. Da gibt es ja bestimmte Gesichtszüge, die als Schlüsselreiz wirken und machen, dass die Eltern für ihre Jungen sorgen, sie füttern, beschützen und grossziehen. Gerade bei Arten mit einer langen Kindheit spielt das eine wichtige Rolle, um die emotionale Bindung möglichst aufrechtzuerhalten. Bei Menschen also. Zu diesem Kindchenschema und den typischen Merkmalen gehören beispielsweise grosse Augen. Und darüber denke ich jetzt viel nach. 

 

Denn mir sind grosse Augen begegnet. Ich habe sie in irgendeiner Nachrichtensendung gesehen, ich könnte nicht mehr sagen auf welchem Kanal, aber da waren solche Augen. Riesige Augen. Und während beim Kindchenschema auch noch weiche, runde Wangen dazugehören, war da aber eine Haut, die sich wie altes, brüchiges Leder über spitze Knochen spannte. In den Augen lag Verwunderung. Es brach mir augenblicklich das Herz. 

 

Da sass nämlich ein Kind auf einem Spitalbett. Es war Syrien oder dann war es Afghanistan, was weiss ich. Es war ein Kind auf einem Spitalbett, das ist sicher, und es war in einer Art unterernährt, dass es beinahe verschwand, es war mehr ein Wesen als ein Kind, und während es dasass, verhungerte, sagte der Kommentator, dass es dort so schlimm sei, dass man in den Spitälern aus Kapazitätsgründen bereits Triagen machen müsse. Diese Handvoll Mensch also, mit diesen riesigen Augen, war durch die Triage gekommen und hatte jetzt so etwas wie Hoffnung auf ein Überleben. 

 

Seither verfolgen mich diese Augen, ich sehe sie ständig vor mir und dazu schreit sich die Triage schrill durch meinen Kopf. Ich habe gerade so verdammt viel Wut in mir drin, dass es schwer in Worte zu fassen ist. 

 

Geht’s uns eigentlich noch? Schämt sich denn hier keiner? Dieses Kind mit den grossen verwunderten Augen ist vielleicht gestorben, nachdem die Kameras weg waren, das ist sehr gut möglich. Wenn nicht, dann wird es vermutlich trotzdem nie ganz gesund werden, und die Folgen dieses irren Hungers ein Leben lang spüren. Dieses Leben wiederum findet in einem Land statt mit politischen Verhältnissen, die Freiheit völlig unmöglich machen. Wenn das Kind also überlebt, wird es in einem beschissenen System ein beschissenes Leben führen müssen. 

 

Hier reden wir aktuell auch über Triage und das passiert in einem Land, in dem Freiheit gerade so sehr pervertiert wird, dass dafür Leute sterben und sterben werden. Wann wurde entschieden, dass die Selbstbestimmung des Einzelnen höher zu gewichten sei als das Leben aller? Warum darf man nicht in die Entscheidungsfreiheit eines Menschen eingreifen, wenn der gerade den Verstand verloren hat? Einen Besoffenen würde man doch auch aus dem Auto zerren, das er fahren will, weil er damit nicht nur sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, was meinetwegen noch unter persönlicher Freiheit subsummierbar wäre, sondern auch das Leben anderer, die er im Suff totfahren könnte. 

 

Wir diskutieren über das Thema Impfen und allein deshalb kommt mir das Kotzen. Dieses Kind hat keine Wahl. Dieses verwunderte Kind ist die Definition von «keine Wahl». Wir aber hätten eine. Es ist diese hier: Wollen wir alle Menschen impfen und damit Tote verhindern oder wollen wir die Freiheit des Einzelnen höher gewichten als die Unversehrtheit aller? Unsere Triage ist selbstgemacht, einerseits von jenen, die sich nicht impfen, obwohl sie könnten, wie auch von den anderen, die die nötigen Massnahmen nicht anordnen, obwohl sie könnten. 

 

Schämt sich denn keiner hier?

 

 

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