Kette des Irrsinns

Ob es durchs gute Wetter oder durch die andauernde Auseinandersetzung um die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa und der Schweiz befördert war – die diesjährigen traditionellen Ostermärsche am vergangenen Montag, bei denen die Flüchtlingspolitik im Vordergrund stand, verzeichneten eine seit Jahren nicht mehr erreichte Beteiligung.

 

Peter Weishaupt

 

Während der 14. Ostermarsch in Bern wie jedes Jahr vom Eichholz an der Aare auf den Münsterplatz führte, versammelten sich in der Ostschweiz über 800 Leute am Bahnhof Romanshorn zum bereits achten internationalen Bodensee-Friedensweg. Beide Veranstaltungen riefen dazu auf, Geflüchtete in der Schweiz unbürokratisch aufzunehmen und kritisierten die Ausfuhr von Waffen in die nahöstliche Krisenregion, die zur Flucht von Menschen beitrügen.

 

«Nur eine Frage der Zeit»

Insbesondere der Nahostexperte Ulrich Tilgner prangerte an der Abschlussveranstaltung in der katholischen Kirche Romanshorn die Rüstungslobby an, die zu politischen Katastrophen ausserhalb Europas beitrage: «Wer Waffen sät, wird Flüchtlinge ernten». Der im historischen Vergleich lange Frieden in Europa habe einen Preis, den die Europäer heute zahlen müssten. Die Terroranschläge von Brüssel und Paris seien Teil einer «Kette des Irrsinns», für den der Westen mitverantwortlich sei. Es herrsche ein asymmetrischer Krieg: Hochtechnologie gegen Terror. Dem Westen sei es bislang gelungen, den Krieg zu exportieren, «es war aber nur eine Frage der Zeit, bis dieser Krieg zu uns kommt». Zur Lage der Flüchtlinge hätte die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji zweifellos kluge, präzise Worte beitragen können, doch weil sie kurz zuvor krank wurde, konnten nur einige Zitate vorgelesen werden.

 

Wider die Verharmlosung der Atomkraft

Ebenso eindrücklich war der Auftritt der in Zürich lebenden Regisseurin Aya Domenig, die in ihrem aktuellen Dokumentarfilm «Als die Sonne vom Himmel fiel» auf Spurensuche zu ihrem japanischen Grossvater ging, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima miterlebt hatte. Die nach der Katastrophe einsetzende staatlich verordnete Verharmlosung der gesundheitlichen Folgen für Hunderttausende von Menschen sei letztlich Voraussetzung für die Etablierung der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie gewesen. Die gleiche Verharmlosung erlebten wir vor 30 Jahren bei der Tschernobyl- und vor fünf Jahren bei der Fukushima-Katastrophe.

 

Abschied und Neuanfang

Zum Friedensweg am Bodensee hatten mehr als 50 kirchliche, soziale, gewerkschaftliche und friedenspolitische Gruppen und Organisationen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Liechtenstein aufgerufen. Unter anderem zählen Amnesty International, der Schweizerische Friedensrat und Pax Christi zu den Trägern. Federführend organisiert waren die bisherigen Friedenswege vom früheren Ostschweizer Tagungsleiter Arne Engeli aus Rorschach. Für den gestern 80jährig gewordenen Friedensaktivisten bedeutete das diesjährige Ostertreffen allerdings sein letztes, das nächstjährige findet im geschichtsträchtigen Friedrichshafen auf der anderen Seite des Bodensees statt und wird von neuen Kräften geleitet.

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