Keine Rückkehr zur Normalität

Es war eine schreckliche Nacht vor vier Jahren. Und diese war nicht viel besser. Mit dem Unterschied, dass, während ich diese Zeilen schreibe, noch nicht klar ist, wer der Gewinner sein wird. Wieder sind die Umfragen teilweise danebengelegen, wieder konnte Trump überraschen. Die USA, das zeigt sich klar, sind ein tief polarisiertes Land. Diese Gräben werden vom Gewinner nicht einfach überwunden werden. Der bisherige Amtsinhaber hat dazu auch gar keine Absicht.  

 

Die Geschichte wird oft von den SiegerInnen geschrieben. Wer gewinnt, hat alles richtig gemacht. Wer verliert nicht. So einfach ist es aber nicht. Denn auch wenn Biden am Schluss dennoch gewinnen sollte, gibt es einiges, was zu denken geben sollte. 

 

Zu den Umfragen: Es zeigt sich einmal mehr, dass es den Umfrageinstituten nicht genügend gelingt, gewisse Bevölkerungsgruppen abzubilden und zu erreichen. Die mathematischen Modelle, mit denen sie das korrigieren, sind offensichtlich schief. Das entzaubert auch ein wenig die Zahlenmagier wie etwa Nate Cohn von der New York Times wie auch Nate Silver von Fivethirtyeight, die einen klaren Sieg von Joe Biden prophezeiten. Der Fokus auf Umfragen und Modelle verstärkte aber eine schon vorhandene Tendenz, Wahlen zu einem sportähnlichen Spektakel zu machen, wo Wahrscheinlichkeiten wichtiger wurden als Inhalte. Darum überrascht auch kaum, dass Leute Inhalte gar nicht mehr mit Kandidierenden vereinen und zum Beispiel in Florida für eine Erhöhung des Mindestlohns stimmen und jenem Kandidaten zum Sieg verhalfen, der klar dagegen ist. Zum zweiten wogen sich wohl deswegen, wie auch schon vor vier Jahren, zu viele Leute in falscher Sicherheit.

 

Warnsignale waren eigentlich vorhanden. Es gab durchaus Medienberichte, wonach die Demokraten beispielsweise in Miami-Dade, ihrer Hochburg in Florida, Mobilisierungsprobleme hatten. Es gab auch Umfrageergebnisse, wonach Trump bei einem Teil von Latinos besser abschneidet als erwartet. Zudem zeichnete sich auch ab, dass die Resultate etwas knapper würden zum Schluss. Offenbar hat auch die Mobilisierung von Trump-WählerInnen am Wahltag gut funktioniert und auch dafür gab es im Vorfeld schon Anzeichen. 

 

Bidens Botschaft, sein Versprechen und sein Kerninhalt war Nostalgie: Die Rückkehr zu einer Normalität. Zu einem Präsidenten, der ehrlich ist, der anständig ist, der Empathie hat. Doch welche Normalität? Nach vier Jahren Trump ist diese weit verschoben.  Schon immer war das Problem, dass angesichts der vielen Skandale und vielen Grenzüberschreitungen keine wirklich haften blieben. Und vielleicht ist es vielen auch egal, dass es sie gibt. Der Journalist Kurt Andersen schreibt in seinem Buch «Evil Geniuses – the Unmaking of America» (Böse Genies – die Beseitigung von Amerika) , dass es in Amerika eigentlich schon seit den späten 1970ern, aber vor allem nach den 1980ern keine Zukunftsvorstellung, sondern nur noch eine nostalgische Sehnsucht nach einem teilweise mythischen Gestern mehr gibt. Make America great again. Es ist vor allem die Rechte, die diese Sehnsucht pflegt, auch um zu verstecken, dass ihre reale Politik wenig dazu beiträgt, dass Amerika wieder gross wird, mindestens nicht für die Kleinen. Es gibt aber genügend Leute, die – nicht zu Unrecht – nicht mehr an eine bessere Zukunft glauben. 

 

Der Journalist Ezra Klein hat in seinem Buch «Why we are polarized» (Warum wir polarisiert sind) die Polarisierung in Amerika beschrieben. Diese hat zugenommen. Aber es sei  vor allem eine negative Polarisierung. Man wählt die eigene Partei nicht in erster Linie, weil man sie gut findet, sondern weil man den Gegnern schaden will. Klar und überspitzt brachte dies der konservative Autor Richard Lowry in einem Artikel in der Zeitschrift ‹National Review› auf den Punkt. Trump sei, so schreibt er, zwar eine aus vielfachen Gründen zweifelhafte Figur, nicht zuletzt wegen seinem katastrophalen Handling der Covid-Krise.  Sollte er aber trotzdem gewinnen, dann sei dies, weil es die einzige Möglichkeit der WählerInnen sei, den verhassten kulturellen Eliten den Mittelfinger zu zeigen. 

 

Ein immer wiederkehrender Streit unter PolitkommentatorInnen dreht sich um die Frage, ob sich der Rechtspopulismus aus ökonomischen oder kulturellen Abstiegsängsten nährt. Die beiden Gründe schliessen sich aber nicht aus. Die Ungleichheit in den USA ist ein riesiges Problem. Die Reallöhne von breiten Schichten haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr erhöht, die Lebenskosten hingegen schon. Finanziert wird das durch Kredite und Schulden. Und tatsächlich gab es bis in die 1980er Jahre in verschiedenen US-Staaten gewerkschaftlich geschützte und gut bezahlte Jobs für Männer ohne College-Abschluss. Diese sind grossmehrheitlich wegautomatisiert oder ins Ausland verlagert worden. Die Gewerkschaften wurden systematisch kaputt gemacht. Die Alternativen sind prekärer, schlechter bezahlt und schlechter gestellt. Und gleichzeitig verändert sich der Status dieser Männer auch gesellschaftlich und kulturell. Neue Gruppen, Frauen, Minderheiten verlangen ihren Platz. Diese Veränderungen machen Mühe, auch hierzulande. Macht abzugeben und zu teilen ist auch mit Verlusten verbunden. 

 

Nicht unterschätzen darf man aber auch, dass offenbar die Figur Trump, bei Weitem nicht so abschreckend ist auf viele Leute, wie wir das glauben. Was uns abstösst, scheint auf andere auch eine Faszination auszuüben. Der Autokrat, der starke Mann, wirkt auf einige, vielleicht gerade auch Schwache, attraktiv. Man sieht dies auch in anderen Ländern.  Es war vielen immer ein Rätsel, warum ein offensichtlicher pathologischer Lügner von vielen als ehrlich und authentisch angesehen wird. Vielleicht, weil er in seiner Autokratie auch durchaus ehrlich ist. Die Autokratieexpertin Masha Gessen schrieb dazu schon 2016 in einem Aufsatz, dass man Autokraten durchaus beim Wort nehmen kann. Trump meint tatsächlich, was er sagt und er versteckt seine Absichten nicht: Ob er seine Kontrahenten verhaften lassen will oder wie am Mittwochmorgen verkündet, er von den Gerichten die Auszählung der letzten Stimmen verhindern will. Das sind keine Ausrutscher, es ist Programm. 

 

Nach vier Jahren Trump kann und wird es deshalb keine einfache Rückkehr zur Normalität geben, auch wenn Biden am Schluss doch noch Präsident wird. Die Grenzen haben sich verschoben. Die Institutionen wieder zu stärken und das Vertrauen in eine bessere Zukunft den Menschen wieder zurückzugeben, wird eine schwierige Aufgabe sein. Es ist zu hoffen, dass es nicht zu spät ist. 

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