Kein Vollrückzug

Am Montag war die letzte Ratssitzung für Hans Baumann. Nach beinahe elf Jahren im Gemeinderat von Dübendorf – sechs Jahre als Fraktionspräsident – tritt er zurück. Aber ganz auf ihn verzichten muss die SP nicht.

 

Aufgezeichnet von Tim Rüdiger

 

Dübendorf ist ein hartes Pflaster. Weil sich die SP in den 1980er Jahren gegen den Militärflugplatz positionierte, haben viele der dortigen Angestellten der Partei den Rücken gekehrt. Mit dieser historischen Altlast hat sie bis heute zu kämpfen. Darüber hinaus hält die hippe GLP hier eine Hochburg, und auch die BDP ist stark. «Immerhin ist die SP mittlerweile wieder zweitstärkste Partei», sagt Hans Baumann. Der 68-Jährige wurde 2004 in den Dübendorfer Gemeinderat gewählt und amtete seit 2010 als Präsident der SP/Grünen-Fraktion. Diese verfügt über acht der vierzig Sitze, zwei davon sind Grüne.

Nach den politischen Errungenschaften in seiner Amtszeit befragt, antwortet Baumann erst zögernd: «Ein erster Erfolg gelang uns mit der Volksinitiative für eine Rutschbahn im Freibad.» Er lacht. Aber auch die Initiative «Wohnen für Alle» sei ein grosser Erfolg gewesen. Zwar nahm die Bevölkerung 2014 nur den entschärften Gegenvorschlag des Stadtrates an. «Trotzdem war Dübendorf nach Zürich erst die zweite Gemeinde, die die Förderung gemeinnütziger Wohnungen in die Gemeindeordnung geschrieben hat.»

 

Nach der Pension die Lokalpolitik

Wie kann man in so massiver Unterzahl politisieren? «Im Gegensatz zum Nationalrat haben die SVP und FDP immerhin keine gemeinsame Mehrheit. Harte rechte Anliegen kommen nicht durch.» Von einer guten Zusammenarbeit mit den Mitteparteien könne aber keine Rede sein: «Wir sind oft relativ isoliert.» Statt von Anfang an Bündnisse für einen Kompromiss zu suchen, sei seine Strategie meist gewesen, zuerst einen radikalen Vorschlag voranzutreiben. Baumann weiss, dass politische Errungenschaften erkämpft werden müssen: «Ich komme aus der 68er-Generation.» Seit dem Wirtschaftsstudium in Basel war er im Kreis der entstehenden POCH engagiert. Lange Jahre war er Sekretär bei der Unia und der Vorgängergewerkschaft GBI, kämpfte für Gesamtarbeitsverträge und hatte als Sachverständiger Einsitz in Europäischen Betriebsräten von Schweizer Grossunternehmen. Er hatte stets den Blick fürs Grosse: Seit der Gründung ist Baumann Mitglied der Denknetz-Kerngruppe und war beispielsweise Mitherausgeber des Buchs zur 1:12-Initiative; in der ‹Work›-Zeitung schreibt er in der Kolumne «1×1 der Wirtschaft».

Zur lokalen Politik stiess er erst, als die Pensionierung näher rückte: «In Dübendorf war nicht viel los und ich habe kaum jemanden gekannt. Und ich wollte etwas zurückgeben, nachdem ich bei der Gewerkschaft gut verdient habe.»

Einige Erfolge konnten unter der Strategie Baumanns auch im Parlament errungen werden. Nachdem der Kanton im Rahmen seines Sparprogramms die Subventionen für die Weiterbildungskurse Dübendorf gestrichen hatte, wollte die SVP das Angebot, das jährlich rund zweitausend Menschen beanspruchen, ganz auflösen. «Dank einer guten Kampagne, bei der auch die gemässigten Bürgerlichen mitgemacht hatten, hat der Rat die Übernahme durch die Stadt beschlossen.» Über einen ganz persönlichen Aufsteller konnte sich Hans Baumann an seiner letzten Gemeinderatssitzung am vergangenen Montagabend freuen. Im Rahmen der Krippenfinanzierung wurde eine tiefere Beitragsskala für die Elternbeiträge beschlossen – «während überall sonst die Beitragsskala erhöht wird!». Seit der Geburt seiner Tochter vor 26 Jahren kämpfte er für eine bessere Kinderbetreuung.

 

«Es geht auch ohne mich»

Ein grosses Ziel habe die SP rückblickend aber leider verfehlt: «Dübendorf ist die einzige Stadt mit über zwanzigtausend EinwohnerInnen, in der die SP keine Exekutivvertretung hat.» Bei der letzten Wahl schied die SP-Kandidatin als Überzählige aus. «Nur neun Stimmen haben gefehlt und wir hätten heute diese braune Sauce nicht.» Baumann regt sich auf über den SVP-Sozialvorsteher und seine Untergebene, die für einen Skandal gesorgt haben: Die Chefin der Sozialhilfeabteilung sympathisierte öffentlich mit deutschen Neonazis. Immerhin bietet die mögliche Abwahl des Sozialvorstehers zusammen mit dem angekündigten Rücktritt des Stadtpräsidenten eine ideale Chance für einen linken Stadtratssitz: «Wir werden auf jeden Fall antreten.»

Beim Eroberungskampf wird die Partei nicht ganz auf ihren alten Fraktionspräsidenten verzichten müssen: «Mein Rücktritt ist kein Vollrückzug.» Er werde für die Fraktion weiterhin Sekretariatsarbeiten erledigen und auch im Sektionsvorstand aktiv bleiben. «Dennoch habe ich ein gutes Gefühl, dass es auch ohne mich geht.» Besonders freut er sich über die nachrückende Tanja Walliser. Er kennt die 30-jährige ehemalige Juso-Zentralsekretärin bereits aus der Zeit, als sie in der Unia-Zentrale in Bern ein Praktikum machte. «Sie ist ein Grund, weshalb ich mit gutem Gewissen gehen kann.»

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