Der Warnstreik des Fahrpersonals von Stadtbus Winterthur hat erstmals konkrete Gespräche mit der Geschäftsleitung von Stadtbus gewirkt. Zuvor waren die Anliegen des Fahrpersonals über zwei Jahre nicht aufgenommen worden. (Bild: Matthias Erzinger)

Kein leichtfertiger Streik

Am Dienstagmorgen verschaffte sich das Fahrpersonal der Winterthurer Busse mit einem Warnstreik Luft: Insbesondere die Einsatzplanung wird kritisiert und dass Stadtbus die Kritik nicht aufnehme. Stadtrat Stefan Fritschi konterte und wich aus. Kurzfristig soll das Gespräch mit einer Stadtratsdelegation aufgenommen werden. Kommen nicht rasch Resultate, will das Fahrpersonal erneut streiken.

Es ist der erste Streik in Winterthur seit über 20 Jahren und der erste bei Stadtbus überhaupt: Am Dienstagmorgen streikte das Fahrpersonal und blockierte das Depot Grüzefeld bis gegen 9 Uhr. Stadtbus hielt einen Notbetrieb aufrecht, statt normal 64 Busse waren 21 unterwegs. Nach 7 Uhr traf sich eine Verhandlungsdelegation der Streikenden mit dem zuständigen Stadtrat Stefan Fritschi (FDP). Als Ergebnis sollten am Donnerstag, 5. März bereits erste Gespräche mit einer neugebildeten Delegation des Stadtrates stattfinden (nach Redaktionsschluss).

Fritschi zeigte sich in einer kurzfristig anberaumten Medienorientierung am Dienstag überrascht vom Streik, den er als untaugliches Mittel kritisierte. Er verwies auf eine Personalbefragung vom letzten Jahr, bei der sich 75 Prozent der Mitarbeitenden (also aller Mitarbeitenden von Stadtbus) zufrieden mit den Arbeitsbedingungen gezeigt hätten. Fritschi kritisierte, den Streik als «Wahlkampfmanöver» im Hinblick auf die kommunalen Wahlen von kommendem Wochenende.

Einsatzplanung als Auslöser

Das Gespräch mit den Streikenden zeigt ein anderes Bild. Der Streik ist weder leichtfertig noch aus heiterem Himmel beschlossen worden. Bereits 2024 wurden die Arbeitsbedingungen, und hier insbesondere die Einsatzplanung durch das Personal kritisiert und es wurde insbesondere eine bessere Lösung für Ersatzdienste sowie die Einhaltung der Arbeitszeitregelungen gefordert. Gegenüber dem P.S. hielt Micha Amstad, VPOD-Zentralsekretär für Nahverkehr fest, dass zwar in der Folge Gespräche stattgefunden hätten, allerdings ohne dass eine Lösung angeboten wurde. Auch in der zuständigen Parlamentskommission waren die Arbeitsbedingungen bei Stadtbus offenbar im letzten Herbst ein Thema. Im Januar wurden Stefan Fritschi und die Geschäftsleitung durch den VPOD erneut auf die Missstände und die damit verbundenen Forderungen aufmerksam gemacht. Es wurde eine Rückmeldung bis Anfang Februar verlangt. «Nach einer gewährten Fristverlängerung lag Ende Februar eine Stellungnahme vor, aus der klar wurde, dass kein Wille besteht, auf die Forderungen des Personals einzugehen», betont Amstad. Stadtbus machte das Angebot, auf den Fahrplanwechsel (im Dezember!) Lösungen in diesem Bereich zu suchen. Dieses Angebot war dem Fahrpersonal nach der ganzen Vorgeschichte zu vage. Und so beschloss die Personalversammlung am Sonntag den Warnstreik. «Die kurzfristige Einsatzplanung verunmöglicht ein einigermassen geregeltes Familienleben», hielt eine Buschauffeuse fest. «Überlangen Schichten stehen kurzfristige Absagen von Einsatzdiensten gegenüber, die dann zu Minusstunden führen, worauf dann wieder kurzfristig Einsätze übernommen werden müssen. So geht es einfach nicht mehr.» 

Nachdem das Gespräch einer Delegation der Streikenden mit Stefan Fritschi und der Stadtbus-Führung die Ansetzung einer neuen Gesprächsrunde für gestern Donnerstag ergeben hatte, beschlossen die Anwesenden, deren Ergebnis abzuwarten. Sollten keine substanziellen Ergebnisse erzielt werden, will das Fahrpersonal erneut streiken.

«Der Service public steht generell unter Druck»

VPOD-Generalsekretärin Rebekka Wyler zur gesamtschweizerischen Situation
Frau Wyler, am Dienstag hat in Winterthur das Buspersonal gestreikt. Sie waren vor Ort. War das ein isoliertes, rein auf die lokalen Verhältnisse zurückzuführendes Ereignis, oder Ausdruck einer generellen Unzufriedenheit bei VPOD-Mitgliedern über ihre Arbeitsbedingungen?
Rebekka Wyler: Der Service public steht generell unter Druck. Aber natürlich sind die Verhältnisse nicht überall gleich. In Winterthur sind offenbar die Regelungen bezüglich der Einsatzplanung auch im Vergleich mit anderen Unternehmen schlecht. Wenn Herr Fritschi sagt, die Löhne seien gut, mag das stimmen, aber es geht eben nicht so sehr um die Löhne, sondern um die sonstigen Arbeitsbedingungen. Wenn er dem Fahrpersonal wirklich zugehört hätte, hätte Herr Fritschi das auch realisiert und nicht einfach unter den Tisch gewischt. 
Sie haben Ihr Amt als VPOD-Generalsekretärin vor wenigen Wochen angetreten – und nun schon der erste Streik. Ist das eine neue Strategie des VPOD?
Mit meinem Amtsantritt hat der Streik nicht viel zu tun, seine Wurzeln greifen tiefer. Hingegen ist es ein Fakt, dass es gerade beim Fahrpersonal von Busunternehmen nicht nur in Winterthur rumort. Die Gewerkschaft verordnet Kampfmassnahmen aber nicht von oben – das sind Entscheide der Belegschaften, die von uns unterstützt werden. Aber die Auseinandersetzungen verschärfen sich tatsächlich in verschiedenen Bereichen.
Wo sehen Sie im Moment die grössten Herausforderungen für den VPOD?
Die Gewerkschaft muss in allen Landesteilen und in allen Bereichen des öffentlichen Dienstes stärker werden, um gemeinsam mit den Belegschaften die Anliegen der Lohnabhängigen wirkungsvoll zu vertreten. Dabei gilt es, die Vielfalt der Tätigkeiten, Berufsgruppen und Kulturen zu respektieren und gleichzeitig einheitlich aufzutreten.

Positive Unterstützung, kontraproduktive Aktivist:innen

Unterstützung erhielt das Fahrpersonal in der Sitzung des Stadtparlamentes durch eine Fraktionserklärung der SP. «Wenn Mitarbeitende im öffentlichen Verkehr zum Streik greifen, zeigt das, dass der Druck nicht mehr tragbar ist», hielt Co-Fraktionspräsidentin Maria Sorgo fest. Die aufgeworfenen Forderungen betreffen zentrale Arbeitsbedingungen und seien keine Nebenschauplätze. Ebenfalls durch die SP wurde eine Interpellation eingereicht. Schliesslich waren auch Vertreter:innen verschiedener Gewerkschafter:innen aus der Deutschschweiz (z.B. Bern, Basel) angereist sowie auch die neue Generalsekretärin des VPOD, Rebekka Wyler (siehe Kasten unten).

Kontraproduktiv war die «Unterstützung» durch Aktivist:innen aus dem Umfeld von Juso, PdA und autonomen Kreisen. Sie beleidigten Stadtrat Fritschi aufs Übelste, was diesem wiederum erlaubte, diese Übergriffe in den Vordergrund zu stellen, nur am Rande auf die Forderungen des Personals einzugehen und den ganzen Streik als kaum lösungsorientierte Eskalation zu bezeichnen. 

Streiks in Winterthur

1909: Maurerstreik in Winterthur, ausgehend von den Maurern bei Sulzer. Dauer ca. 10 Monate, keine Resultate
1910: Ab Juni während ca. 4 Wochen Giesserstreik bei Rieter und teilweise Solidaritätsstreik in der Sulzer-Giesserei. Erfolg: teilweise kleine Lohnerhöhungen, andererseits wurden AktivistInnen entlassen und auf eine europaweite Schwarze Liste der Giessereien gesetzt.
1918: Am 6. September 1918 traten die Arbeiterinnen und Arbeiter der Elastik-Weberei Ganzoni in Winterthur für zehn Tage in den Streik. Erfolg: Überstunden werden bezahlt.
1998: «Bleistift-Streik-Aktion» der Assistenzärzte am KSW 1998 im Rahmen einer nationalen Aktion gegen die 65-Stunden Woche. Forderung nach 50 Stunden-Woche.
2000: Warnstreik: Streik-Aktionen Pflegepersonals im Mai 2000 wegen Lohndiskriminierung.
2002: Streik der Bauarbeiter am 4. November 2002 für ein Rentenalter 60 im Baugewerbe. 
2003: Lehrerstreik am 20. Juni 2003 auf dem Neumarkt gegen Sparmassnahmen im Bildungswesen.
2026: (Warn-)Streik des Fahrpersonals von Stadtbus wegen Einsatzplanung am 3. März 2026.

(P.) S. O. S. !

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