Kämpferisch – seit mehr als 50 Jahren

Die Vorbereitungen für den 14. Juni laufen an. Im Stadthaus verbindet die Ausstellung «50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich» feministische Kämpfe, während im «Kosmopolitics» Feministinnen diskutierten, weshalb Perspektivenvielfalt für die feministische Bewegung wichtig ist.

 

Roxane Steiger 

Wir schreiben das Jahr 2021. Ein wichtiger Abstimmungssonntag steht kurz bevor. Bei den Abstimmungsresultaten handelt es sich um Entscheide, die das Leben aller Menschen in der Schweiz betreffen. Es mag erstaunen, dass ein Land, das sich mit seiner direktdemokratischen Kultur rühmt, in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen des Frauenstimmrechts feiert. Offiziell trat es am 16. März 1971 auf Bundesebene in Kraft, nachdem die Mehrheit der männlichen Bevölkerung ein «Ja» in die Urne geworfen hatte. In der Stadt Zürich dürfen Frauen seit 1969, im Kanton seit 1970 abstimmen. Bis sich das Frauenstimmrecht in der ganzen Schweiz auf kommunaler und kantonaler Ebene durchgesetzt hatte, dauerte es allerdings ganze zwanzig Jahre. Neben den Ausstellungen im Landesmuseum, im Strauhof oder im Museum für Gestaltung widmet sich auch die Stadt Zürich in einer Ausstellung im Stadthaus dem fortwährenden Kampf um Gleichberechtigung.

Beim Betreten des Stadthauses geraten schnell vier grosse Banner ins Blickfeld, die vom ersten Stock runterhängen. Darauf zu sehen sind Porträtbilder von vier Frauen unterschiedlicher Altersklassen, alle in starker, selbstbewusster Haltung. Sie stellen ihre Forderungen in grosszügiger schwarzer Blockschrift. Ruth will, dass sich alle Frauen im Alltag wehren. Sharumy möchte, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit denselben Lohn erhalten. Wandert man mit dem Blick nach oben, erspäht man im zweiten Stock BesucherInnengruppen und farbige Ausstellungsboxen. Oben angekommen, wird man als erstes mit einer Frage in einer gelben Sprechblase konfrontiert: «Was wollt ihr denn noch?» Dieser Frage gehen die beiden Kuratorinnen Lou-Salomé Heer und Bettina Stehli, basierend auf vergangenen und aktuellen Geschehnissen, nach.

 

Hinfallen, aufstehen, weitermachen

Chronologisch sind an einer Wand die wichtigsten Meilensteine im Schweizer Recht sowie spezifische Ereignisse der Zürcher Frauengeschichte aufgelistet. Schon 1868 forderten Frauen im Kanton Zürich im Zuge einer Verfassungsrevision ihre politische Gleichstellung. 1909 wurde der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht gegründet. Dieser reichte im Jahr 1929 die grösste Petition in der Schweizer Geschichte mit 250 000 Unterschriften ein. Sie bleibt folgenlos, wie zwei Motionen im Nationalrat, die das Frauenstimmrecht forderten. Die Regierung ignorierte sie beinahe 30 Jahre lang. Anhand dieser Beispiele macht die Ausstellung deutlich, dass es sich in der Geschichte des Frauenstimmrechts um einen bewussten und wiederholten Ausschluss von Frauen aus dem politischen Prozess handelt. Die direkte Demokratie war ein Mittel dazu. Bis 1956 gab es 25 Abstimmungen auf kantonaler Ebene, bei denen das Frauenstimmrecht abgelehnt wurde. 1959 lehnten es in einer ersten eidgenössischen Volksabstimmung fast 70 Prozent der männlichen Stimmberechtigten ab. Bis zum «Marsch nach Bern» im Jahr 1969 bevorzugten die Frauen, die sich für das Stimm- und Wahlrecht engagierten, ein schrittweises und zurückhaltendes Vorgehen. Dies änderte sich mit einer Generation jüngerer Frauen in den 1960er-Jahren und prägt die feministische Bewegung bis heute. Neben dem Frauenstimmrecht forderte die jüngere Bewegung eine vollumfängliche Gleichberechtigung, also die Befreiung von Frauen aus traditionellen Rollen, und um gesamtgesellschaftliche Veränderungen.

Die Ausstellung veranschaulicht, wie sich die Forderungen der feministischen Bewegung weiterentwickelten und neue Gruppen abseits der institutionellen Politik bildeten. Mit der 1969 gegründeten autonomen Frauenbefreiungsbewegung taten sich die Protagonistinnen der alten Frauenbewegung teilweise schwer. Sie waren laut, gingen auf die Strasse und provozierten gerne. Sie stellten neue Forderungen unter dem Motto «Das Private ist politisch». Dazu gehören Lohngleichheit, angemessene Vertretung in politischen Gremien, Anerkennung unbezahlter Care-Arbeit sowie der Kampf gegen Alltagssexismus und Gewalt an Frauen. Weiter thematisiert die Ausstellung die Bedeutung von Freiräumen, Intersektionalität, also mehrfache Diskriminierungsformen, und Geschlechteridentitäten.

Trotz der Ausdifferenzierung innerhalb der feministischen Bewegung wird für BesucherInnen aber klar: Die Durchsetzung des Frauenstimmrechts kann nur als gemeinsame Errungenschaft von den verschiedenen Generationen und Kämpfen innerhalb der feministischen Bewegung betrachtet werden. Eine feministische Bewegung, die bis heute für Gleichberechtigung als demokratische Vision kämpft. Denn Inklusion erweist sich in der Realität nicht als Selbstverständlichkeit. Das zeigt die Ausstellung an einem aktuellen Problem, das lange ignoriert wurde. In Zürich leben 120 000 Menschen ohne Schweizer Pass. In der Stadt hat ein Drittel der Bevölkerung keinen Schweizer Pass. Sie arbeiten hier, zahlen Steuern und sind von den politischen Entscheiden betroffen. Nur mitbestimmen dürfen sie nicht.

 

Mainstream-Feminismus?

Das jüngste Kapitel dieser langen Geschichte ist der feministische Streik im Jahr 2019. Mit über 500 000 TeilnehmerInnen geht er als grösste politische Aktion seit dem Generalstreik im Jahr 1918 in die Schweizer Geschichte ein. Am Montagabend diskutierten die Soziologin Fleur Weibel und die im Frauenstreik Bern aktive Itziar Marañón mit Mia Jenni von der Juso, die die Diskussion moderierte. «Der Frauenstreik war für mich eine Bestätigung, dass die Zeit für echte Veränderungen gekommen ist», sagte Marañón. Mit Weibel ist sie sich einig, dass Feminismus heute gesellschaftlich breiter anerkannt ist als vor einigen Jahren. Der Begriff hat sich ein Stück weit von Vorurteilen oder negativen Behaftungen befreit. Darauf griff Jenni die Frage nach dem Mainstream-Gebrauch von Feminismus auf. Was geschieht, wenn alle diesen Begriff verwenden, wenn er zum Trend wird? Gibt es sowas wie ‹richtigen› oder ‹falschen› Feminismus? 

«Ich würde es aufgrund der Perspektivenvielfalt allen zugestehen, sich als Feminist­In zu bezeichnen», meinte Weibel. Ihre Begründung lautet, dass Menschen in sehr unterschiedlichen Kontexten leben. Ein Ausschluss sei kontraproduktiv – insbesondere, da es genug Kräfte gebe, die den Feminismus in den Boden stampfen wollten. «Die Realität ist, dass jede Frau Diskriminierung erlebt», betonte Marañón. Klar sei jedoch, dass zwischen den verschiedenen Feminismen ein gewisses Unverständnis aufkommen kann. Trotzdem demonstrierten 2019 Feministinnen der alten Generation, die die Kategorie der Frau als essenziell betrachten, neben dem queerfeministischen Block auf der Strasse. Ähnlich wie beim «Marsch auf Bärn» ist ein Generationenkonflikt zu beobachten. Übergeordnete Anliegen sorgen aber für Zusammenhalt. «Der Frauenstreik hat ein kollektives Bewusstsein für die feministische Bewegung und ihre Geschichte geschaffen», erklärte Weibel. Die Geschichte der Bewegung zeige auf, dass Feminismus kein Trend ist. Die neuen Generationen bauen auf den alten Generationen auf. Deshalb sei es bei Protesten wichtig, die Geschichte des Widerstands aufzuzeigen und Haltungen, die aus einem anderen Kontext stammen, zu respektieren. «Die Stärke der Bewegung liegt in ihrer Vielfalt. Deshalb müssen wir den verschiedenen Anliegen Raum geben», führte Weibel aus.

 

Gemeinsames Feindbild

Unbestritten ist, dass einige feministische Anliegen in der Gesamtgesellschaft gehört werden. Der Frauenanteil in der Politik und Wirtschaft wächst, die Lohnungleichheiten gehen zurück. Die Care-Arbeit gewann während der Corona-Krise im öffentlichen Diskurs an Anerkennung. Trotzdem verpasste es die Politik, Rahmenbedingungen für eine angemessene Bezahlung zu schaffen. Es stellt sich die Frage, ob die Bewegung auf dem richtigen Kurs ist, oder ob sie sich mit kleinen Erfolgen begnügen muss, während die meisten Forderungen gar nicht gehört werden? «Die Forderungen liegen spätestens seit 2019 auf dem Tisch und sind im öffentlichen Diskurs vertreten. Aber die strukturellen Widerstände sind enorm», sagte Weibel. Marañón sah es ähnlich: «Wir sind nicht gefährlich genug. Sie können uns noch ignorieren, ohne Konsequenzen zu tragen». 

Doch wer sind «wir»? Dieser genaue Umriss fehlt, wobei nach Ansicht der beiden Sprecherinnen die unterschiedlichen Ausrichtungen und Ziele der Strömungen innerhalb der Bewegung genau das sind, was sie als breite gesellschaftliche Bewegung ausmacht. Und wer sind «sie»? Sie sind irgendwo dort, wo das Geld und die Macht liegen. Doch wie gelingt es, dort Gehör für den nötigen Wandel zu finden? Diese Fragen bleiben am Ende des Abends offen.

Doch sie motivieren umso mehr, am 14. Juni auf die Strasse zu gehen. Denn wie Weibel sagt: «Feminismus ermöglicht eine neue Perspektive auf die Welt und ist der Versuch, gegen Ungerechtigkeiten anzugehen.» Dass die Mehrheit der Menschen in ihren Leben Diskriminierung in unterschiedlichsten Formen erfahren, ist ungerecht. Einen gemeinsamen Nenner der feministischen Bewegung findet Weibel in einem Feindbild. «Wir müssen ein gegenwärtig vorherrschendes Prinzip von Männlichkeit überwinden. Ich meine damit nicht Männer, sondern eine Form von Männlichkeit, unter der auch viele Männer leiden. Sie hat mir Beherrschung, Gewalt, Aneignung, Ausbeutung und Beherrschung seiner Selbst zu tun».

Im Grunde sind sich beide in ihrer Utopie einer feministischen Gesellschaft einig. Es geht um einen Wertewandel, um eine fundamental veränderte Wertebasis. Es geht darum, ein neues Verhältnis zu sich selbst und zur Umwelt zu schaffen. Einen konkreten Umsetzungsplan haben sie nicht. Unser heutiges System wurde aber auch nicht durch eine Person erdacht. «Wenn wir viele sind, die viele verschiedene Perspektiven einbringen, kommen wir vielleicht in diese Richtung», folgerte Weibel. 

 

Ausstellung Stadthaus: «50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich. Was wollt ihr denn noch?», bis 18. Dezember 2021, Eintritt gratis.
Webseite: stadt-zuerich.ch/ausstellung

Vorschau Kosmopolitics am 14. Juni: Lohngleichheit: Who Cares? Mit Katharina Prelicz-Huber, Helena Trachsel und Christa Binswanger.

Infos zum feministischen Streik in Zürich unter:
www.feministischerstreikzuerich.ch

 

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