Je suis LGBT*

Noch am Samstagabend konnte man sich darüber aufregen, als lokale LGBT*-Community (Lesbian, Gay, Bi, Trans*) bei der jährlichen Feier in Erinnerung an die Geburtsstunde der modernen Emanzipationsbewegung von ‹Pink Money› abschöpfen wollenden Konzernen zu Marketingzwecken instrumentalisiert zu werden. Am Morgen danach wirkt dieser Ärger höchst kleinkariert. Denn in der Folgenacht wütet ein Amokläufer in einem landesweit bekannten LGBT*-Club in Orlando (Florida) und streckt Dutzende von Feiernden nieder. Beileidsbekundungen folgen. Auch von Wladimir Putin wiewohl dem Vatikan. Eine gezielte Attacke auf LGBT*-Menschen wird zum allgemeinen Terrorakt erklärt. Wer mag sich da noch über die Omnipräsenz von Versicherungskonzernen, Grossbanken und Big-Data-Molochen am ‹Zurich Pride Festival› echauffieren? Vielmehr erzürnt einen nun, wie dieses Massaker in den Deutungen für zahlreiche Beileidsbekundenden jeder Couleur dazu instrumentalisiert wird, Wasser auf die eigenen Mühlen zu leiten. Und dabei wissentlich zu unterschlagen oder auch ‹nur› zu ignorieren, dass gesellschaftliche Akzeptanz als leere Worthülse in Sonntagsreden verbal vor sich hergetragen, kein Fundament für nachhaltige Veränderungen sind. Sondern bloss heisse Luft. Mit einer einschlägigen, zynischen Note.

Die weltweiten Solidaritätsnoten gelten natürlich zuallererst den betroffenen Menschen – unabhängig von ihrer Hautfarbe, Nationalität, Religion und eben auch sexueller Identität. Denn die Vorstellung, während Stunden von einem schiesswütigen Irren in einer Disco – aber auch wie die sozialistische Jugend auf der norwegischen Insel Utøya – in Schach gehalten und gezielt abgeknallt zu werden, übersteigt die persönliche Vorstellungkraft von Horror. Das individuelle emotionale Vermögen kennt hier nur die Ohnmacht. Gerade angesichts der Zahl der Opfer und der kaltblütigen Grausamkeit des Vorgehens. Dem allgemeinen Ausdruck eines Mitgefühls schliesst sich voraussichtlich die überwiegende Mehrheit an. Wird es aber zum Instrument und der spezifische Hintergrund rückt bis nahe eines Vergessens aus dem Fokus, wird ein abscheuliches Attentat zuletzt zusätzlich auch noch eklig.

Einmal – zuhause – lässt Wladimir Putin die LGBT*-Community niederknüppeln und verhaften, einmal – im medialen Mainstream – beteuert er der Bevölkerung seines ärgsten politischen Gegenspielers sein tief empfundenes Mitgefühl. Akte der Solidarität nach Orlando vor der amerikanischen Botschaft in Moskau lässt er wieder kurzerhand auflösen. Leider ist das nicht pathologisch schizophren, sondern arschkalte Machtpolitik. Geht eine derartig zynische Instrumentalisierung dieser Bluttat grosszügig über den LGBT*-Zusammenhang hinweg – was zu befürchten ist –, droht eine doppelte Opferung der Opfer: In Tat und Wahrheit und auf dem Altar der politischen Machtspiele.

Nicht nur die ersten polizeilichen Auskünfte in Orlando sprachen davon, dass ein «homo- oder transphober Hintergrund nicht gesichert sei», auch weitere Staatsoberhäupter, wie Angela Merkel, unterschlugen in ihren offiziellen Beileidsbekundungen das Offensichtliche. Lieber wird jetzt der Terror per se, spezifischer, jener aus fundamentalistisch-religiösen Beweggründen, angeprangert.

Es kann ja wohl nicht ernsthaft um das Ausspielen von Gewaltakten gegen LGBT* versus aus behaupteten religiösen Ideologien ausgeführte Amokläufe gehen. Dass der Islam – wie sämtliche anderen Religionen auch, sofern sie buchstabengetreu ausgelegt werden – ebenso wie zahllose Regierungen einen enormen Nachholbedarf darin haben, anzuerkennen, dass eine Vielfalt an sexuellen Identitäten überhaupt existieren, ist augenscheinlich. Dass jedes Leben Schutz verdient, um sich frei entfalten zu können, allerdings auch.

Die Plattform queer.de berichtet von wiederholten Besuchen des Attentäters im betreffenden Club und weiss von seiner Chattätigkeit auf einschlägig homosexuellen Casual-Sex-Portalen. Werden diese Fakten erhärtet, erfährt das Drama hinsichtlich LGBT*-Thematik eine nochmalige traurige Steigerung. Dann schwingt in der Bluttat von Orlando eine weit tiefgreifendere Schräglage hinsichtlich eines Unvermögens der Akzeptanz des eigenen Empfindens mit, gemeinhin Selbsthass genannt. Ein leider bekanntes Phänomen in der LGBT*-Community, gerade bei Jungen, deren Suizidrate zum Beispiel eklatant höher ist als bei gleichaltrigen Heterosexuellen. Wenn eine gesellschaftlich dominierende Ablehnung gegen fremde sexuelle Identitäten eine derartige Zwangslage begünstigen, dass sich junge Menschen in der Bewusstwerdung nicht zur geläufigsten, heteronormativen sexuellen Identität zu gehören, lieber in den Tod stürzen, als dieses Leben zu leben, erfährt das Ohmachtsgefühl über diese schreckliche Bluttat eine zusätzliche Potenzierung – wobei mir hierfür schlicht kein Begriff mehr einfällt.

Was auch immer die nächsten Tage an Schlagzeilen und Agitation zeitigen werden, die Forderung der diesjährigen ‹Pride› in Zürich, den Verfassungsartikel «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich» endlich in sämtlichen Belangen durchzusetzen, hat durch das Massaker in Orlando eine schreckliche Steigerung der Dringlichkeit erfahren. Gerade für die sich standhaft Weigernden, Homo- und Transsexualität als Asylgrund anzuerkennen, müsste sich die potenzierte Gefahrenlage für LGBT*-Menschen regelrecht offenbaren. Und auch wer sich hinter das Schutzmäntelchen verkriecht, in Orlando hätte es sich um einen generellen Anschlag auf die freiheitlichen Werte selbstbestimmten Lebens gehandelt, müsste in einen argen Argumentationsnotstand geraten, wenn es nächstens mal wieder um die Ausweitung des Antidiskriminierungsschutzes auf die sexuelle Intentität gehen sollte. Denn der Schutz der körperlichen und psychischen Integrität alias Unversehrtheit, ist explizit ein universeller Wert. Also gilt er für alle.

Solidarität darf keine leere Worthülse sein. Sie muss Selbstverständnis sein. Das Recht auf freie Entfaltung – ohne Beeinträchtigung desselben Rechts von anderen – gilt für alle. Die Notwendigkeit, diese Binsenweisheit wieder zu betonen, war an der diesjährigen ‹Pride› mehrfach zu erleben. Nicht nur, dass Behindertenorganisationen neben all den anderen üblichen Verdächtigen am Umzug teilnahmen, auch zwei wieder neu erstarkte Initiativen, dasregenbogenhaus.ch und queeraltern.ch, setzen statt auf Vereinzelung und den Rückzug ins private Glück wieder auf die Stärke einer Solidargemeinschaft. Einer Solidargemeinschaft, die sich nicht am Trennenden orientiert, sondern sich auf das Verbindende besinnt und den Wert der gegenseitigen menschlichen Zuwendung wieder als sinnstiftenden Lebensinhalt ins Zentrum stellt. Dazu gehört eine Gleichbehandlung, deren fundamentalste Voraussetzung auf der Ebene des Rechts beginnt und gleichsam das Bewusstsein hoch hält, dass sich mit errungenen Gleichstellungen auf theokratisch gesetzlicher Ebene eine gelebte gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung noch nicht von alleine einstellt. Das gilt für bestehende Ausgrenzungen innerhalb der LGBT*-Community genauso wie generell gegenüber Fremden und Fremdem. Damit es glückt, das wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen, wäre es mitunter hilfreich, den Tunnelblick auf den alleinseligmachenden Profit wieder zu öffnen in Richtung des beherzten Einstehens für die Menschenwürde.

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