Israel/Palästina: Die Entnationalisierung der Erinnerung

Der israelische Philosoph Omri Boehm schlägt eine radikale Neuorientierung im israelisch-palästinensischen Konflikt vor – einen binationalen Staat, die «Republik Haifa», mit jüdischer wie palästinensischer Selbstbestimmung. Omri Boehm war diese Woche Gast in Kosmopolitics.

 

Sibylle Elam

 

Dein Buch «Israel – eine Utopie» ist vor einem Jahr erschienen. Würdest du es heute anders schreiben?

Omri Boehm: Einige Dinge, über die ich geschrieben habe, sind bereits eingetroffen. Zum Beispiel die Zunahme von Gewalt zwischen der jüdischen und der palästinensischen Bevölkerung. Ich habe sie nicht vorausgesehen, aber ich habe vor dieser Art von Gewalttätigkeiten gewarnt. Ich habe geschrieben, dass fehlende politische Alternativen zu Gewalt führen, die schlimmer als Apartheid ist. Mittlerweile wird auch nicht mehr bestritten, dass es keine Zweistaatenlösung gibt, und dass Israel keine Demokratie ist. 

 

Du sprachst am Podium davon, dass eine politische Alternative auf einem guten und nicht auf einem faulen Kompromiss beruhen muss.  

Die Zweistaatenlösung ist keine Lösung, weil man der palästinensischen Bevölkerung nicht  20 Prozent des Landes anbieten kann, während sie mehr als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Ich befürchte, dass der Kompromiss, den ich mir vorstelle, einer sein wird, mit dem alle extrem unzufrieden sein werden. Beide Seiten müssen auf ihren Wunsch nach Souveränität verzichten. Die Juden haben allen Grund, einen souveränen Staat zu wollen, selbst wenn wir nicht nur die Geschichte des Holocaust betrachten. Und die Palästinenser haben ähnliche Gründe, sich Souveränität zu wünschen. Der Kompromiss besteht darin, diese Souveränität aufzugeben und dafür Selbstbestimmung zu erhalten.

 

Ganz konkret – was soll in deiner Utopie mit den Siedlungen in der Westbank passieren?

Ich möchte schon betonen, dass ich kein Freund der Siedlerbewegung bin. Es sind heute 700 000 Menschen, die dort leben – aber sie können nicht einfach umgesiedelt werden. Ein Teil muss gehen, aber sicher nicht alle. Ich unterscheide nicht zwischen legalen und illegalen Siedlungen – diese Unterscheidung ist die Art, wie die Regierung behaupten kann, dass ein Teil der Siedlungen legal ist. Aber wenn wir von einem Kompromiss reden, müssen wir sagen, ein Teil wird bestehen bleiben, grosse Blöcke, wie zum Beispiel Ariel. Ich finde es auch nicht ganz falsch zu sagen, dass 700 000 Menschen, die dort zum Teil schon in der zweiten oder dritten Generation leben, nicht einfach weggewiesen werden können, auch wenn ihre Ansiedlung illegal war. Ich finde sie zwar politisch abscheulich, aber sie einfach umzusiedeln, ist nichts, was leichtfertig gemacht werden kann. 

 

Und PalästinenserInnen – können die an die Orte zurückkehren, an denen sie einmal lebten?

Sie können und sie sollen zurückkehren. Ich stelle mir nicht vor, dass fünf Millionen zurückkehren wollen, aber diejenigen, die das wollen, sollen kommen. In der «Repu­blik Haifa» wird es ein «Rückkehrrecht» für Juden und Palästinenser geben. Und wenn Leute aus der Westbank wieder zurück an Orte im heutigen Israel wollen, muss das möglich sein. 

 

Woher soll der Anstoss zur Veränderung kommen?

Die Veränderung muss von innen kommen, von jüdischen wie arabischen Staatsbür­gerInnen. Israel kontrolliert das ganze Territorium auf die eine oder andere Weise. Wenn wir die Zwei-Staaten-Logik durchbrechen, sehen wir, dass dies möglich ist. Es braucht eine Koalition zwischen den PalästinenserInnen mit israelischem Pass und dem, was von der israelischen Linken übrig geblieben ist. Eine starke Opposition. Die liberalen Zionisten sollten mit den palästinensischen Parteien zusammengehen und ein binationales Projekt verfolgen. Und wenn das in Israel steht, sollten sie auf die PalästinenserInnen in der Westbank zugehen und dort Partner finden. Aber es braucht auch Druck von aussen, internationalen Druck, von den USA. In den USA hat sich die Stimmung gegenüber Israel in den letzten zwei Wochen in den wichtigen Medien verändert. Plötzlich wird völlig anders über Israel/Palästina gesprochen. Plötzlich wird die Naqba Thema. Mein Buch kommt Mitte August in den USA heraus und ich hoffe, dass es in diesem Sinne verstanden werden wird und einen Einfluss hat. 

 

Du betrachtest dein Buch auch als politisches Projekt. Wäre es nicht wichtig, dass du auch palästinensische PartnerInnen in der Westbank findest?

Ich unterscheide nicht zwischen PalästinenserInnen mit oder ohne israelischen Pass. Die Frage stellt sich auch für die palästinensische Seite. Können PalästinenserInnen in Ramallah zum Beispiel den arabischen Knessetabgeordneten Ayman Odeh als politischen Führer anerkennen? Ich denke, dass dies möglich ist. Ich habe den Eindruck, dass die nächste palästinensische Generation verstehen wird, dass sie von Bürgerrechten und nicht von nationalen Rechten sprechen muss. Ich bin nicht gegen nationale Rechte – weil Selbstbestimmung ein nationales Recht ist. Aber es geht darum zu verstehen, dass man für Bürgerrechte im ganzen Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan kämpfen muss, und nicht für einen palästinensischen Nationalstaat. 

 

Die Forderung «Beendet die Besatzung» ist also obsolet?

Das ist richtig und wichtig. Die Besatzung wird im Buch praktisch nicht erwähnt. Das hat sich einfach so ergeben, weil die Besatzung ein offensichtliches Verbrechen ist. Für mich geht es darum zu sagen, die Besatzung ist nicht das Problem. Man kann die Besatzung nicht verstehen, wenn man die Naqba nicht versteht. Es gibt eine Tendenz, über die Besatzung als eine Art Unfall zu sprechen, die dem jüdischen Staat vor 50 Jahren passierte und die korrigiert werden muss, um wieder einen guten Zionismus herzustellen. Der Fehler liegt im Bedürfnis, eine jüdische Mehrheit in einem jüdischen Staat herzustellen. Das geht vor die Zeit der Staatsgründung zurück.

 

Eine wichtiges Thema in deinem Buch ist die Frage der Erinnerung. Du sagst, die jüdische Seite muss lernen, den Holocaust zu vergessen und sich an die Naqba zu erinnern.

Die Erinnerung an den Holocaust, sagen wir in Israel, hält alle zusammen. Und wenn wir von ‹allen› sprechen, dann geht es darum, wer dabei ausgeschlossen ist. Wenn ich sage, wir müssen uns daran erinnern, den Holocaust zu vergessen, dann geht es um eine Entnationalisierung der Erinnerung, anstelle einer vom Staat unterstützten Identitätspolitik. Wir müssen die Art, wie wir uns heute an den Holocaust erinnern, vergessen. Es gibt auch keine gemeinsame Erinnerung an die Naqba. Ich denke, es ist möglich, eine gemeinsame Erinnerungskultur aufzubauen. 

 

(Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina jvjp.ch)

 

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