- Im Kino
Introspektion
Film ist Trick. Mit «Nacktgeld» nach Arthur Schnitzlers «Fräulein Else» experimentiert Thomas Imbach mit der Verquickung neuster Technologie und analogem Filmmaterial. Der ganze Filmhintergrund ist digital, während die Schauspieler:innen im Studio davor ihren Rollen Ausdruck verleihen. Damit wird die Kulisse zur Mitakteurin. Else, hier Lili (Deleila Piasko), ist die ärmliche Verwandte, die auf Geheiss und Kosten von Cissy (Katharina Schüttler) ihren Sommer als Gesellschafterin im Waldhaus Sils-Maria verlebt. Zwischen der versnobt herablassenden Weltsicht ihrer Cousine und dem empfundenen Unwohlsein, hier vollkommen fehl am Platz zu sein, sucht Lili ein für sich passendes Standing. Das vergleichsweise harmlose Dilemma wird dringlicher, als ihre Familie sie brieflich dazu nötigt, den als Emporkömmling geltenden Kunsthändler Dorsday (Milan Peschel) um Geld anzubetteln und damit den Untergang der Familie, also die grösste vorstellbare Schmach noch abzuwenden. Der als schmierig gezeichnete ältere Herr kann sich nichts Erhebenderes vorstellen, als für seine Grosszügigkeit eine gerade so noch statthaft grenzwertige Gegenleistung einzufordern. Ein Moment der intimen Betrachtung von Lilis entblösstem Jugendkörper wäre ihm jeden Betrag wert. Derweil sie sich eine sie erstmalig überfallende körperliche Wallung gegenüber dem schönen jungen Paul (Jan Bülow) verbittet. Zur Verhinderung von Scham über der Familie soll also Lili jedwede eigens empfundene Scham fallen lassen und sich contre coeur zu Markte tragen. Eine unerhörte Vorstellung, auf die Lili mit einem überraschend ungebührlichen Einfall reagiert, bevor sie sich mittels Morphinrausch in die letztmögliche Ehrenrettung stiehlt. Der digitale Hintergrund verhilft der als innerem Monolog verfassten Novelle via Durchmischung von Wahn und Wirklichkeit, Furcht und Ohnmacht, Sehnsucht und Ekel mäandernden Gefühlsmischung der Überwältigung Lilis zur Nachfühlbarkeit.
«Nacktgeld» spielt im Kino RiffRaff.