- Post Scriptum
Insgesamt nicht so daneben
Ich weiss nicht genau, wie ich da gelandet bin, wobei doch, jetzt fällt es mir ja wieder ein, mir sind nämlich die True Crime-Serien auf Netflix ausgegangen. Ich habe die vollständig durchgeschaut, also ausser die, in denen Kinder vorkommen, das geht nicht, das kann ich längst nicht mehr, seit ich eigene Kinder habe, um genau zu sein, das würde mich zu sehr aufwühlen und True Crime schaue ich ja zur Entspannung und jetzt weiss ich schon, was ihr denkt, aber so ist es nicht, meine Vorliebe ist nicht beunruhigend, denn ich bin damit nicht allein, das Genre boomt. Und wenn so viele das so machen, dann kann das ja insgesamt nicht so daneben sein.
Auf jeden Fall sind mir jetzt eben diese True Crime-Serien ausgegangen und deshalb bin ich bei einer Dokumentation über die Geschichten hinter den Kulissen von «America’s Next Top Model» gelandet. Das ist natürlich, muss man sagen, auch eine Art True Crime.
«Vierzehn Topmodel-Anwärterinnen leben gemeinsam in New York und kämpfen um einen Modelvertrag. Doch zuvor muss eine Menge gelernt werden, denn es geht nicht nur um äussere Schönheit.» Diese Beschreibung habe ich im Internet gefunden, und da musste ich natürlich lachen. Die Reality Show startete 2003, es war eine Zeit, als man in dieser Branche und auch sonst das besonders dünn sein bei Frauen als ultimatives Endziel sah. Je dünner, desto besser. Man kann in dieser Dokumentation deshalb dabei zusehen, wie erwachsene Menschen, die irgendeine grosse Nummer in der Modebranche sind, junge, abgemagerte Frauen als Walfisch bezeichnen, weil die letzte verbliebene, für das nicht modelgeschulte Auge allerdings unsichtbare Wölbung an diesen gequälten Körpern als fetter Bauch angesehen wird. Ganz allgemein sind die sehr jungen Frauen einfach eine Ware, die nur dann einen Wert hat, wenn sie sich verkauft und das tut sie nur, wenn sie den Kundenwünschen entspricht: Dünn soll sie sein und nicht kompliziert tun. In einer Szene stoppt eine dieser jungen Modelanwärterinnen eine Werbeaufnahme, weil ein Statist sie vor der Kamera offensichtlich und eindeutig belästigt. Später muss sie sich anhören, dass dieses Verhalten eine kostspielige Verzögerung der ohnehin teuren Produktion verursacht habe, was für den Kunden unakzeptabel ist. So würde sie sicher nie mehr gebucht. Man ist fassungslos ob der Unverfrorenheit, mit der Dinge laut gesagt werden, die man mittlerweile grossmehrheitlich nicht einmal mehr denkt. Aber damals, so sagen die Protagonist:innen dieses erfolgreichen Reality-Formats America’s Next Top Model, war das normal. Alle haben das so gemacht und weil alle das so gemacht haben, schien es insgesamt nicht so daneben.
Aber nicht wahr, ihr ahnt es längst, wenn ich schreibe, dass das lange her sei, so einfach ist es nicht und ich will damit natürlich auf etwas hinaus. Da gibt es den grossen, aktuellen Fall. Epstein und sein Netzwerk, Epstein und diese Akten, in denen jeder Name jedes mächtigen Mannes auftaucht. Sie fallen wie die Blätter von den Bäumen im Herbst, diese Männer, nur weniger schön und weniger sanft. Warum fragt man sich, warum konnte das so lange geschehen, wo es doch alle wussten. Aber eben, so viele haben mitgemacht, und wenn es so viele machen, dann kann es ja insgesamt nicht so daneben sein.
Menschen, besonders aber Männer in Machtpositionen, entwickeln ein ganz besonderes Ausmass an Verderbtheit.
Nun werden sie für einmal entblösst und das ist gut so. Aber damit ist es nicht getan. Mächtige Menschen, insbesondere mächtige Männer gibt es noch immer und sie sind nicht nur in der Grossfinanz oder Weltpolitik oder in einer Jury von Modelwettbewerben zu finden. Sie brauchen keine grosse Bühne, es reicht ein Umfeld, das sie gross macht, indem es mitzieht, mitdeckt, schweigt. Wir sollten deshalb genau hinschauen in unserem Umfeld. Lasst uns erst dann mit dem Finger auf die Grossen zeigen, wenn wir das auch im Vorstand des Handballclubs, im Lesezirkel, der Schulklasse des Nachbarkindes oder auch bei uns im Büro gemacht haben. Wo ist Unrecht, wo ist Machtmissbrauch, wo fehlt der moralische Kompass, wo wird etwas alleine dadurch legitimiert, weil so viele andere es halt auch machen?
Was im Kleinen möglich ist, geht auch im Grossen. Und umgekehrt. Vielleicht ist es ganz gut, sind mir die True Crime-Serien ausgegangen.