In das Schweigen hineinschreien

Im August kommt ein filmisches Portrait über Christoph Schlingensief in die Kinos, der mit seinem mannigfaltigen Oeuvre zeitlebens (nicht nur) Deutschland aufgemischt hat. Schlingensief stiftet posthum sein Publikum noch einmal zum Widerstand an.

 

von Suzanne Zahnd

 

Pünktlich zum zehnten Todestag von Christoph Schlingensief, der am 21. August 2010 in Berlin seinem Krebsleiden erlag, kommt der Film «Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien» in die Kinos. Das zweistündige Künstlerporträt ist so geschaffen, dass es nicht nur für Schlingensief-Fans funktioniert, sondern auch denjenigen einen Zugriff erlaubt, die seine Kunst nicht verstanden hatten oder sich gar davon abgestossen fühlten. Und das ist das herausragende der Arbeit der Regisseurin Bettina Böhler, die bisher v.a. als Filmeditorin bekannt war, etwa wegen der langjährigen Zusammenarbeit mit Christian Petzold oder eben auch mit Christoph Schlingensief.

 

Vordergründig kommt der Film knallig daher, laut, bunt, roh, aber von einer Durchlässigkeit, unter der man ganz schön viel Tiefe ahnt und manchmal auch direkt in gähnende Abgründe blickt. Bei genauerer Betrachtung ist der Film höchst sorgfältig getaktet, inhaltlich hochpräzise und last but not least humorvoll. Damit schmiegt er sich dem Werk des Ausnahmekünstlers Christoph Schlingensief an.

 

Eins wird im Film nämlich überdeutlich: hinter allem Lärm und Geschrei, hinter all dem, was gern als reine Provokation abgetan wurde, steht ein Künstler, der ungemein verletzlich an der Welt litt und darum kämpfte, die Lebensfreude nicht zu verlieren. Nun, verstecken ist vielleicht nicht das passende Wort. Er hat sich natürlich gern gezeigt und stand stets auch selber vor der Kamera und auf der Bühne. Was wiederum oft als narzisstisch verstanden wurde, nicht zuletzt hier in Zürich, wo er zwischen 2000 und 2004 mehrmals inszenierte und u.a. in einer unvergesslichen Aktion die SVP abschaffen wollte. 

 

Das innere Dreckloch

 

Schlingensiefs Eltern wünschten sich sechs Kinder, da kam aber nur der Christoph. «Ich bin sechs Kinder», sagt er zu Anfang des Films und es erscheint plötzlich ganz logisch, dass er immer diese vielen Schichten übereinander pappen musste in seinem Werk. 

Angefangen zu filmen hat er als 13-Jähr-
iger. Diese Aufnahmen zeigen eigentlich schon alles, was sein späteres Werk ausmachen wird. Nach dem Abitur versucht der Apothekersohn, auf die Filmschule zu kommen, wird aber abgelehnt, was ihn nicht daran hindert, notorisch weiterzufilmen. Ein erstes Erfolgserlebnis war dann, dass ihn Werner Nekes 1980 als Assistent bei der Schlagerfilm-Parodie «Johnny Flash» (mit Helge Schneider in der Hauptrolle) mittun liess. Der Rest ist Geschichte.

 

Schlingensief wollte Leben und Arbeit nie trennen. Er hat sich Jahrzehnte lang bis zur Erschöpfung in den Formaten Film, Theater und Performance an «meinem tiefen inneren Drecksloch» abgearbeitet. «Vielleicht gibt es Moleküle von Goebbels in mir!», fürchtete Schlingensief, der über sieben Ecken mit dem ehemaligen Propagandaminister Hitlers verwandt ist. In diesem Sinne sind Schlingensiefs oft skandalisierten Arbeiten oft mehr Selbstprovokation als Versuche, irgendwen zu schocken.

 

Steile Karriere

 

Als Regisseur von 17 Filmen wurde er über ein Spezialpublikum hinaus nie bekannt. Einen unverhofften Schub bekam seine Karriere durch Frank Castorf und Matthias Lilienthal, die ihn 1994 an die Volksbühne in Berlin riefen. 

Schlingensief entwickelte «100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen» und wurde fortan von einem wichtigen deutschsprachigen Theater zum nächsten weitergereicht und hat mit seinem «Theater der Handgreiflichkeit» den Staatstheaterbetrieb der 1990er Jahre wie kein anderer aufgemischt. So ging es stetig die Treppe hoch, hinter ihm fetzten sich Medien, Theater-Verwaltungsräte und Politiker, ob das jetzt noch Kunst sei, während Schlingensief bis nach Bayreuth durchmarschierte.

Einer der anrührendsten Momente des Films ist denn auch ein vom Theater ermatteter Schlingensief, der mit schwarzer und roter Acrylfarbe eine Plastikplane bemalt: Eine breite Lebenslinie, am oberen und unteren Rand davon eine Toleranzzone. Das zieht sich so hin, bis Bayreuth, das dann fernab der Toleranzzone liegt.

 

Der gemeinsame Atem

 

Schlingensief wechselt ergo noch einmal das Format: Er geht dazu über, Interventionen im öffentlichen Raum zu inszenieren. Immer treu seinem Credo, dass in der Überhöhung mehr Wahrheit zu finden ist als im Realismus. Nicht zu toppen waren die heftigen Reaktionen auf seine Installation neben der Wiener Oper. Eine Anlage wie in einem Reality-Format im TV: Geflüchtete sassen in einem Container und konnten vom Publikum durchs Fenster beobachtet werden. Später konnten sie abstimmen, wer als nächstes ausgeschafft wird. Österreich drehte entsprechend durch. Wohlgemerkt wegen Schlingensief und nicht wegen der beklagenswerten Lage der Migrant-
Innen.

 

Im Film von Bettina Böhler wird allen klar, dass Schlingensiefs Mission eine bessere Welt war. Er selbst ein sensibler, sich selbst schindender Mann auf der Suche nach dem gemeinsamen Atem aller. Bettina Böhler: «Niemand in Deutschland hat das Recht auf Freiheit der Kunst so intensiv genutzt wie Christoph Schlingensief, das ist mehr als wertvoll und gilt es zu zeigen.»

 

«Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien» ist im Jahr 2020 und angesichts seiner vordringlichsten Debatten besonders spannend, weil Schlingensiefs Werk nicht zuletzt aufzeigt, dass wir in einer restaurativen Zeit Leben und dass wir Menschen nicht nur historisches Unrecht über Generationen (unfreiwillig?) weitertragen, sondern uns auch partout nicht verändern wollen. 

Kinostart 20. August 2020

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