Im Zentrum: Beziehungen und Zwiespälte

Nach Jahren der Umbrüche in Lehre wie Örtlichkeit für die Filmstudierenden an der ZHdK zeugen die diesjährigen Resultate der Abschlussfilme wieder von konzentriertem Fokus aufs Handwerk.

 

Natürlich finden sich unter den vier Master- und zehn Bachelorfilmen dieses Jahrgangs auch wieder solche, denen in der Drehbuchentwicklung der letzte Zwick an der Geissel fehlt, solche, die in ihrer beabsichtigten Verschrobenheit noch an Charme zulegen dürften und solche, deren reichlich unbedarften Inhalte nah an der Banalität vorbeischrammen. Doch insgesamt wirkt es, wie wenn der nach vielen Umbrüchen endlich angekommene Dampfer ZHdK sich positiv auf die Arbeitsbedingungen der Studierenden auswirkte, was sich im allgemein höheren Niveau der Filme widerspiegelt.

 

Dominierender Ernst

Auffallend ist ein ausgeprägter Ernst, seis in der Wahl der Inhalte oder in deren Bearbeitung. Nur gerade zwei Filme sind zum Lachen. Mit Witz im klugen wie verblüffenden Sinn begegnet Rebecca Panian einer urbanen Partnersuche im Masterfilm «Fragil», dem sie ein Mark Twain-Zitat voranstellt: «Love like you’re never been hurt». Dabei hat Natalie ihren Glauben an die Liebe längst verloren, was sie dem zu spät eintreffenden Internetdate Sascha schnell einmal um die Ohren schlägt. Den entschuldigenden Worten des Stadtpolizisten begegnet sie mit Sarkasmus. Seine empfindsame Romanzenausmalung treibt die vermeintlich so abgeklärte Coole wortlos in die Flucht, worauf sie eine Odyssee durch das nächtliche Langstrassenquartier durchlebt, die in der offensichtlich komplett unpassend kitschbunten Zentralen Ausnüchterungszelle mitsamt Kater wieder zu Sinnen kommt. Natürlich ist der Wachhabende wiederum ebendieser Sascha. Doch das Geschirr ist bereits zerschlagen und so kommts zuletzt zum befreienden Showdown mit Gilles Tschudi im Tram nach Hause. «Fragil» hat das Zeug zum Publikumsliebling, weil die Figuren plausibel und hintersinnig ausgearbeitet sind und das Elend mit der Partnersuche schön auf der Kippe zwischen Verzweiflung und Hoffnung changiert.

Sehr viel mehr in Richtung Sketch geht der Humor in Pablo Callisayas «Paläontologie», in dem sich zwei befreundete, postpubertäre Testosteronbolzen an ihren Eroberungen messen. Zur Selbstkritik komplett unfähig, beginnen die zwei ihr sexuelles Jagdrevier auf MILFs auszudehnen. Eine sommerliche Brise Macho-Macho.

 

Klug, aber sperrig

Nicht ganz so gut verdaulich, aber in Raffinesse und Dringlichkeit unübertroffen ist Natalie Pfisters Masterfilm «Familienbruchstück». Sieben Jahre nach der endgültigen Scheidung der realen Familie Hofmann führte Natalie Pfister ganz offensichtlich Einzelgespräche mit Vater, Mutter, Sohn und Tochter über die Vorgeschichte. Diese subjektiven Originaltöne lässt diese von Schauspielenden vor der Fototapete des elterlichen Wohnzimmers nachsprechen und spielt diese Sequenzen der versammelten Familie Hofmann wiederum vor laufender Kamera vor. Formal eine kongeniale Idee, die durch die zweimalige Brechung via Reflektion der Reflektion ein schonungsloses Bild über Befindlichkeiten aller Beteiligten innerhalb einer Scheidungsfamilie offenbart. Heftig! Und im Ansatz des Konzepts wie der Findung einer effektiven Beispielfamilie, die diese schmerzliche Wiederholung des eigenen Erlebens mitmacht, eine reife Leistung. Ebensosehr wie der damit ermöglichte Blick ins Innerste der Gefühlswelt aller Familienmitglieder das Publikum zum Hintersinnen eigenen Verhaltens nachgerade zwingt. Ein veritables Kunst-Stück!

Einzig auf die kindliche Perspektive einer Scheidung setzt Olga Dinnikova in ihrem Schwarzweissfilm «Luftschloss». Die kleine Lena flieht die väterliche Wohnung, nachdem er sie zum Schnapstrinken drängte. Als sie auch aus der mütterlichen Wohnung einschlägige Geräusche vernimmt, irrt sie durch die nächtlichen Strassen Rigas und beginnt in ihrer Fantasie, eine Heilewelt der wiedererstarkenden Liebe der Eltern auszumalen, bis sie mit Leim schnüffelnden Strassenkindem das gegenüberliegende Extrembeispiel ihrer Notsituation antrifft und umkehrt. Die ganze Tonalität ist etwas gar auf Dramatisierung getrimmt, aber der Zauber der Traumsequenz trifft das Magische von innerer kindlicher Sehnsucht.

 

Migration und Zwiespalt

In Piet Baumgartners Masterfilm «Inland» ist die ältere Tochter Alina, die einzige, die nie an der Unschuld ihres Stiefvaters aus Nigeria zweifelt. Seit einem Jahr auf die Einbürgerung wartend, wird Paul während eines Besuchs bei einem Landsmann mit Verdacht auf Drogenhandel verhaftet. Als der vermeintliche Freund ihn als eigentlichen Drahtzieher denunziert und der familiäre Anwalt aus taktischen Gründen für ein Schuldeingeständnis plädiert, kippt sogar die Mutter ins Lager der Zweifler. Vor die Wahl gestellt, ein Leben als einschlägig Vorbestrafter in der Schweiz oder eines als aufrechter und ehrlicher, aber in die Heimat zurückgeschaffter Mann, thematisiert Piet Baumgartner ein persönlich schier unlösbares Dilemma als Asylsuchender.

Lisa Gerig wiederum schafft mit dem Masterfilm «Zaungespräche» ein filmisches Essay über ihre persönliche Frewilligenarbeit als Besucherin von Insassen im Ausschaffungsgefängnis am Flughafen von ‹Solinetz›. Das bedenkenswerte hier, selbstredend abgesehen von der Fragwürdigkeit einer Administrativhaft, die ohne Rechtsbruch einzig aufgrund einer Einreise verhängt werden kann, ist das selbst für Besuchende wie Lisa Gerig reichlich verwirrende und undurchschaubare Regelwerk, wann Besuche und Geschenke gestattet sind. Zudem flicht sie die Sprachprobleme in einem eindringlichen Detail schön in ihr Essay ein: ‹Frei› und ‹drei› (Monate Haftverlängerung) klingen bloss sehr ähnlich… Zwei engagierte Plädoyers für die Wahrung der Menschenwürde aller.

Ein komplett anderer Zwiespalt beschäftigt Eugene in Sarah Bellings Masterfilm «Gegenüber». Er ist der heimliche Verehrer (oder Stalker?), der sich nach Linda in der gegenüberliegenden Wohnung verzehrt und sich eines Tages nicht mehr nur mit Schwärmen und Portraitmalen begnügt und sich ihr schrittweise offenbart. Neckisch, aber von der Personenausmalung noch ein wenig hölzern. Neben den zwei ausschliesslich experimentellen Filmen, «Procedere» von Delia Schildknecht über den Umgang mit einer Angststörung und «Aber I-IV» von Florian Bachmann mit Cyrill Daepp, Jörg Hurschler und Thomas Kuratli, die je eine Episode beisteuern, dominiert beim Rest nach Sichtung ein Gefühl der Nichtganzbefriedigung, weil sich der Kreis nicht ganz schliesst. Vielleicht noch abgesehen von «Taking The Dog Out» von Felix Hergert, der als fragmentierte Nachtlebenstudie in sich schon funktioniert.

 

«ZHdK-Bachelor- & Masterfilme 2015», 22. – 25.6.,
 18 und 20h, Kino Toni, Zürich. Eintritt frei. film.zhdk.ch

 

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