Im sinkenden Schiff

Seit über zehn Jahren erscheint das Jahrbuch der Qualität der Medien der Forschungsgruppe Öffentlichkeit und Gesellschaft. Das jeweils ein recht pessimistisches Bild der Qualität zeichnete. Jahr für Jahr reagierte die Branche pikiert. Es stimme gar nicht, dass die Qualität der Medien sinke: Im Gegenteil: Sie seien interessanter geworden, lesbarer, besser. 

Daran ist nicht alles falsch. Natürlich macht man mit weniger Ressourcen nicht unbedingt ein besseres Produkt. Aber die Medien mussten lernen, mehr um die LeserInnen zu kämpfen. Sie nicht einfach für selbstverständlich zu nehmen. Weil die Zeitung halt zum Frühstück gehört. Und tatsächlich führte dies zu einer stärkeren Gewichtung, zu neuen Formaten und Formen. Zum Vorteil der LeserIn. Den langweiligen Kleinkram und Pflichtstoff vermissen wohl die wenigsten. Das ist aber dennoch ein Problem, doch dazu später. Ich kann auch verstehen, dass einem Gejammer auf den Sack geht und man nicht in eine Litanei einstimmen möchte, dass früher alles besser war. Zumal das ja ganz offensichtlich nicht stimmt. Ich mag eigentlich auch kein Tagi- und NZZ-Bashing betreiben, wie das so viele im Moment gerne tun. Beide Zeitungen und auch andere Medien haben immer noch etliche hervorragende JournalistInnen und hervorragende Geschichten. Und dennoch. 

TX Group, der Konzern, der früher als Tamedia bekannt war, gibt bekannt, dass in den nächsten Jahren 70 Millionen Franken in den Bezahlmedien eingespart werden sollen. Obwohl sie sich noch vor kurzem Dividenden ausgezahlt haben und obwohl sie darauf spekulieren können, dass sie mehr Einnahmen durch die Erhöhung der indirekten Presseförderung haben werden. Auch SRF gab den Abbau einiger Sendegefässe bekannt und will in den nächsten Jahren vor allem auf neue Medien setzen. Die NZZ ist schon vor Corona immer dünner geworden. Und nicht nur wegen der wegfallenden Werbung. Laut Eric Gujer wollen dies die LeserInnen: «Geschätzt wird die Konzentration auf das Wesentliche. Die Reduktion des Umfangs der NZZ auf 32 Seiten hat primär dieses Ziel. Daneben sparen wir so auch Kosten», meinte er in einem Gespräch mit der Branchenplattform persoenlich.com. Ob hier wirklich die LeserInnen im Vordergrund stehen, wage ich zu bezweifeln. Es erinnert mich eher daran, wie sich Teenager in einer Beziehung unmöglich verhalten,  um nicht selber Schluss machen zu müssen. Die PrintleserInnen sollen vergrault werden. Dazu passt, dass vieles nur noch Online   wird. 

Nur: Irgendwann kippt es eben doch. Heute sind die Zeitungen nicht nur dünn, sie sind auch schnell gelesen. Der eine Kleinkram wird weggelassen, der andere auf eine bis zwei Seiten ausgewalzt. Ohne dass er dadurch spannender wäre. Der tausendste Essay zu Political Correctness nervt nur noch. Auch die xte Reportage über das Nachtleben wird auch nicht spannender dadurch, dass sich immer wieder eine neue Generation von Volontären sich daran austobt. Nun sollte, wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen. Nur sitzen wir als P.S. nicht im Glashaus – da ist die TX Group drin – sondern höchstens in der Laubhütte. Auch wir haben knappe Ressourcen. Und ja, das merkt man auch. 

Das fundamentale Problem an der heutigen Mediensituation ist aber folgendes: Wie soll Demokratie und ein Gemeinwesen noch funktionieren, wenn sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Die (Medien)Welt ist viel grösser geworden: Noch nie war ich so gut und umfassend informiert über amerikanische Politik. Doch was das schweizerische Parlament überhaupt diskutiert, wird mit wenigen Ausnahmen eigentlich ignoriert. Auf Kantons- und Gemeindeebene ist es noch übler. Da braucht es schon ein paar Emus, um überhaupt noch das Interesse der Medien zu wecken.  Diese Informationen über Abstimmungen, Parlamente, Regierungsbeschlüsse und anderes sind oft eben nicht sonderlich spannend. Aber auch das Langweilige gehört zur Demokratie. Wenn nicht mehr darüber berichtet wird, wie kann dann darüber entschieden werden? Wie werden die Institutionen noch kontrolliert? Die Medien sind eigentlich demokratie- und systemrelevant. Gerade in einer direkten Demokratie, die informierte Bürgerinnen und Bürger voraussetzt. 

Corona hat die schon vorhandene Medienkrise noch deutlich verstärkt. Die Verlage haben auch – wie alle Wirtschaftszweige in Schwierigkeiten – ihren einstigen Widerstand gegen die Medienförderung im Prinzip aufgegeben. Jahrelang hatten gerade die NZZ und Tamedia gegen Medienförderung angeschrieben. Diese würde die journalistische Unabhängigkeit bedrohen. Wenn es um das eigene Hemd geht, dann sieht man das offensichtlich nicht mehr so eng. 

Der Bundesrat verabschiedete aufgrund der Krise der Med ienbranche ein Massnahmenpaket, das zuerst gut ankam. Darin sollen unter anderem die indirekte Förderung (Verbilligung der Posttaxen) ausgebaut werden und zum zweiten neu auch Online-Medien gefördert werden. Zuerst wurde dieses Paket von den Verlegern begrüsst. Nicht alle waren zufrieden. Gratismedien sollen leer ausgehen, was diese natürlich stört. Dennoch stellte sich der Verlegerverband klar hinter das Gesamtpaket. In letzter Sekunde stellte sich der Verleger der AZ Medien Peter Wanner in einem Kommentar gegen die Online-Förderung. Er zweifelte die Verfassungsgrundlage für die Online-Förderung an und störte sich an deren geplanter Ausgestaltung. Diese soll degressiv sein, so dass die Kleinen mehr erhalten als die Grossen. Seine Intervention hatte wohl Erfolg. Die nationalrätliche vorberatende Kommission entschied sich knapp, die Förderungsvorlagen aufzusplitten und die Online-Förderung auf die lange Bank zu schieben. Auch TX-Group-Chef  und Verlegerverbandspräsident Supino will keine Online-Förderung, wie er gegenüber der ‹Republik› ausführte: «Als Chef der TX-Group habe ich teilweise andere Vorstellungen und Interessen. Persönlich denke ich, dass die Digital­förderung noch nicht zu Ende gedacht ist.» Damit wenden sich Präsident und Vizepräsident des Verlegerverbands gegen die Position des Verbands und die Interessen ihrer Mitglieder. Ihr Doppelspiel könnte aufgehen: Wenn die SVP ihren Grundsatzwiderstand gegen die Presseförderung aufgibt und der jetzt abgekoppelten Printförderung zustimmt. Wo man im Interesse der grossen Verlage gewisse Hürden wie die Auflagenobergrenze und die Kopfblattbestimmung aufgehoben hat.

Die Strategie von Supino und Wanner wird vielleicht aufgehen. Die Medien werden sie so nicht retten. Ihre Haut aber vermutlich schon.  

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