Im selben Boot

Die digitale Revolution wird seit einiger Zeit diskutiert, oft als düstere oder euphorische Zukunftsvision. Die Medienbranche ist allerdings schon mittendrin: LeserInnen und Anzeigen wandern ins Netz, das Geld kommt nicht mit. Diese Entwicklung macht allen Beteiligten zu schaffen, Verlegerinnen genauso wie Journalisten. Und wie häufig, wenn sich jemand um Status und Job sorgt, werden Sündenböcke gesucht. Und derzeit bei der SRG gefunden.

 

Wo die Mittel knapper werden, springen andere in die Bresche. MilliardärInnen mit oder ohne politische Agenda. Oder aber Staaten wie Russland, die Millionen in ihre Medien stecken und damit gezielt Falsch­informationen streuen. Zum Beispiel die erfundene Geschichte einer Entführung einer Russin in Deutschland durch Flüchtlinge. Das Interessante an ‹RT Deutsch› sei gemäss Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, dass «das Schüren von Medienverdrossenheit als journalistisches Programm» verkauft werde. «Das ist ein durchaus hochinteressanter Versuch, weil hier – dahinter steht ja der Kreml – staatlich gelenkte Öffentlichkeit den Schulterschluss mit der Gegenöffentlichkeit (…) sucht.» Diese Entwicklung ist umso problematischer, als dass Medien immer mehr ihre traditionelle Gatekeeper-Funktion verlieren. Also, dass JournalistInnen auswählen, was relevant ist.

Die Medien stecken zudem in der Vertrauenskrise. Eine Auswertung des European Journalism Observatory hat für Deutschland ergeben, dass 49 Prozent der Deutschen den Medien misstrauen. Massiv angestiegen ist das Misstrauen allerdings vor allem bei den Jungen. Im Alter von 25 bis 34 Jahren misstrauen 62,4 Prozent den Medien. Noch schlechtere Karten als die Medien haben die Parteien: 71,4 Prozent der Befragten gaben an, den Parteien zu misstrauen. Zudem zeigt sich hier ein starker Zusammenhang: Wer den Parteien misstraut, misstraut auch den Medien und umgekehrt. Wir sitzen also im gleichen Boot, die Politik und die Medien.

 

Es wäre allerdings zu einfach, die Vertrauens­krise einfach auf die Digitalisierung zu schieben. Wie immer ist auch etwas Selbstkritik niemals daneben. Vor zwanzig Jahren erschien im ‹Atlantic› mit dem Titel «Why Americans hate the Media» (Warum Amerikaner die Medien hassen) eine ätzende Kritik des Journalisten James Fallows an der eigenen Zunft. Seine Hauptthese: Amerikaner würden sich immer mehr von der Politik abwenden, weil die Politikberichterstattung den Eindruck erwecke, in der Politik seien alles Lügner, Betrügerinnen und Opportunisten. Sie würden lieber über Skandale, Klatsch und Politmechanik berichten als über die politischen Inhalte. Dieselbe Kritik nahm er anhand der Berichterstattung über den US-Wahlkampf wieder auf. Die Medien würden ungleiche Spiesse anwenden: Geschichten über Clinton gezielt skandalisiert und Trump dafür normalisiert.

Als Beispiel nennt er die Berichterstattung rund um die Clinton-Stiftung. Die Nachrichtenagentur AP hatte die Berichterstattung ausgelöst mit der Meldung, die Hälfte der Treffen, die Clinton als Aussenministerin abgehalten habe, seien SpenderInnen der Clinton-Stiftung gewesen. Diese Meldung wurde schliesslich von mehreren anderen Medien widerlegt. Auch konnte Clinton in keinem Fall Begünstigung oder inkorrektes Verhalten nachgewiesen werden. Das hinderte aber viele Medien nicht daran, immer wieder neue Geschichten rund um mögliche Interessenskonflikte rund um die Clinton-Stiftung zu bringen.

Dasselbe bei den Emails, wo der jetzt erschienene FBI-Report Clinton fast vollständig entlastet. Die Begründung für diese Geschichten: Man könne ihr zwar nichts nachweisen, aber es sehe halt einfach nicht so gut aus. Kein Wunder ist bei vielen WählerInnen der Eindruck entstanden, die Clinton-Stiftung sei nicht eine wohltätige Organisation, die beispielsweise für die gesundheitliche Versorgung von Millionen Aidskranken in Afrika sorgt, sondern ein Selbstbedienungsladen für Clinton und ihre Cüpli-Freunde. Das genaue Gegenteil passierte bei Donald Trump. Trumps Stiftung, die sonst nicht allzuviel spendet, spendete einer Staatsanwältin aus Florida 25 000 Dollar an ihren Wahlkampf. Pikantes Detail: Die Staatsanwältin prüfte gerade, ob sich Florida einer Klage gegen Trump anschliessen soll. Und entschied sich nach Erhalt der Spende dagegen. Diese Geschichte blieb bis anhin eine Randnotiz.

Mittlerweile ist in den Umfragen Clintons Vorsprung geschmolzen. Das ersehnte Kopf-an Kopf-Rennen ist da. Vermutlich gewinnt jetzt die Trump-Geschichte an Fahrt.

 

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt. Die Schuldige für den Aufstieg der AfD ist gefunden. Es ist Merkel. Genauer gesagt Merkels Rede. Noch genauer, Merkels Satz: «Wir schaffen das.» Exemplarisch dazu: Dominique Eigenmann im ‹Tages-Anzeiger›. Merkel hätte zwar eigentlich keine Fehler gemacht. Und dass sie ihre Position standhaft verteidige, sei zwar ehrenhaft, aber «es lässt sie uneinsichtig und stur erscheinen und provoziert jene Bürger, deren Sorgen sie faktisch längst Rechnung trägt. Deshalb wäre nun die Zeit für öffentliche Selbstkritik gekommen: Ja, ich habe die Herausforderung unterschätzt und ebenso die Ängste in der Bevölkerung.»

Zur Erinnerung: In Syrien tobt ein Bürgerkrieg, der fast die Hälfte der Bevölke­rung in die Flucht getrieben hat. Im Sommer 2015 stieg die Anzahl der Flüchtlinge, insbesondere aus Syrien, sowohl auf der Mittelmeer- wie auf der Balkanroute massiv an. Für die betroffenen Länder eine massive Belastung. In Ungarn waren 150 000 Flüchtlinge angekommen. Die Ungarn wollten die Grenzen schliessen. Deutschland beschloss in einem Akt der europäischen Solidarität für Flüchtlinge aus Syrien die Dublin-Regelung auszusetzen. Die Flüchtlinge wurden in Deutschland mit einer grossen Solidaritätswelle empfangen. Angela Merkel gab am 31. August 2015 eine Pressekonferenz, in der sie davon sprach, dass diese Flüchtlingswelle eine grosse und schwierige Herausforderung sei. Aber, man habe in der Vergangenheit auch schon grosse Herausforderungen gemeistert: «Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!» Nun, was hätte sie sonst sagen sollen? «Wir sind heillos überfordert, wir schaffen das nicht?» «Was für eine Kanzlerin» und «eine ihrer besten Reden». So schwärmt Dominique Eigenmann von Merkel, als sie im Dezember 2015 am Parteitag der CDU ihr «Wir schaffen das» verteidigte: «Besonders raffiniert war, dass sie die Partei bei ihrer Tradition und bei ihrer patriotischen Ehre nahm.»

Wir sitzen im selben Boot. Aber im Gegensatz zu PolitikerInnen werden Journalist­Innen selten die alten Sätze um die Ohren gehauen. Man kann Merkels Flüchtlings­politik und ihren Entscheid im Sommer 2015 kritisieren. Nur tun das die meisten JournalistInnen nicht. Vermutlich, weil sie inhaltlich gar nicht anderer Meinung sind – im Gegensatz zu den AfD-WählerInnen. So wie die Clinton-SkandaljägerInnen vermutlich zumeist Clinton und nicht Trump wählen werden. Aber: Wenn man die Menschen und ihre Sorgen und Ängste tatsächlich ernst nehmen möchte, dann müsste man ihnen zutrauen, dass sie zwischen Rhetorik und Politik unterscheiden können.

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