(Bild: Philip Frowein)

Im Paradies der Norm

Nicht in der Aula der betreffenden Schule, sondern im Theater rekonstruiert Piet Baumgartner den stossenden Fall.

Soll er lachen, sich ereifern, gar weinen oder etwa aggressiv herumbrüllen? Maximilian Reichert steht die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und sie steuert seine Glieder zu vorauseilend entschuldigende Gesten während der Rekapitulation der Ereignisse in «Schwuler Lehrer!». Die rudimentärsten Lektionen in Körperkunde waren bereits abgehalten. Einzig die Schwangerschaft, also der rein biologische Teil stand noch bevor, als sich drei Elternteile in die für die Pause offenstehende Tür stellten und dezidiert einforderten, ihre Kinder vor diesem Aufklärungsunterricht schützen und deshalb rausnehmen zu wollen. Bald übersteigt die Frage seine Gehaltsklasse deutlich und bedürfte einer klaren Kante von übergeordneter Stelle, die im Fall Pfäffikon aber nur ausweichend, wabernd, lavierend und relativierend zu bekommen war. Mit dem bekannten Schluss und der Folge, dass die Kinder in den Genuss eines Exempels für erfolgreiches Mobbing kamen. Auch eine Form von Bildung. Der Text von Piet Baumgartner, Karen Klötzli und Julia Reichert arbeitet sich kreisförmig den inneren und äusseren Geschehnissen entlang vor. Das Selbstverständnis als in der eigenen Geburtsgemeinde offen schwul lebender Lehrer mit dem hohen pädagogischen Anspruch, die privaten Werte und Ansichten aus dem Unterricht tunlichst herauszuhalten, erfuhr mangels spürbarem Support von oben einen dermassen einschneidenden Knick, dass zuletzt nicht nur das Lehrer-, sondern gleich das gesamte Dasein zur Disposition zu stehen drohte. Derweil seine Arbeitskollegin das gemeinsam erarbeitete Unterrichtskonzept im direkten Nachbarzimmer genau gleich weiter vermittelte. Max Kraus, Till Schaffnit und Chady Abu-Nijmeh teilen sich in die Rollen seiner Kolleg:innen, der Schulbehörden, der Kinder, der Gemeindeöffentlichkeit und überführen den Spiessrutenlauf in eine von Hofknicksen dominierte Choreographie. Auf der Bühne dominiert die dressierte Natur in Form von akkurat gestutzten Vorgartengewächsen, die rund um einen Verkehrskreisel drapiert sind, auf dem ein zweiteiliger Grabstein mit Palmensujet die Ankunft im Paradies suggeriert. Bei Maximilian Reichert indes kippt die anfängliche Ratlosigkeit zusehends in eine echte Besorgnis, die Welt als solche nicht mehr zu verstehen, ergo selbst den Verstand verloren zu haben, was sich in einem massiv veränderten Tonfall, Duktus und Haltung äussert. Er bleibt zurück als ein Häufchen Elend. Mit der Publikation des Skandals in einem Massenmedium erwächst ein öffentlicher Sturm der Entrüstung und beschert der Gemeinde die grösste Protest-Demonstration seit Menschengedenken. Ende gut, alles gut? Sofern Internetpornografie als ausreichender Ersatz für die Fragestellungen von jungen Menschen bezüglich ihrer ohnehin erwachenden Sexualität angesehen wird. Sofern ein allein nur unter vorgehaltener Hand geäusserter allgemein diskriminierender Vorwand gegenüber einer Person als entsprechend gar nicht so entscheidend angesehen wird. Sofern die Volksschule sich mit einer elterlich gesteuerten Wünsch-dir-was-Rolle der Inhaltsvermittlung zu bescheiden in Einklang befindet. Dann ja.

«Schwuler Lehrer!», 23.2., Theater Neumarkt, Zürich. Weitere Daten folgen.